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Nikon:Japans total verrücktes Jahr

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100 Jahre Nikon

Nikon: Ein Hauch von Mythos

Die großen Kamerahersteller kämpfen seit Jahrzehnten um ihr Terrain. Am Ende zählt vor allem die Inszenierung - weil die Produkte so ähnlich sind.

Nicht nur Nikon - mehr als tausend japanische Unternehmen werden in diesem Jahr 100 Jahre alt. Woran liegt das?

Eine Nikon auf Weltraumspaziergang, eine Nikon unter Wasser, eine Nikon in einem Vulkan, eine in einem Eissturm. "Seit 100 Jahren denken wir über Licht nach", heißt es in dem Film, mit dem der japanische Kamerahersteller Nikon, der an diesem Dienstag seinen hundertsten Geburtstag feiert, "die nächsten hundert Jahre" einläuten will.

Zum Jubiläum hat sich das Unternehmen schon vor zwei Jahren ein Nikon-Museum geschenkt und vom Musiker Kaoru Wada eine neoklassische Symphonie "Lux Centuriae" komponieren lassen. Für Fans gibt es Nikon-Modelle und Objektive mit eingraviertem 100-Jahr-Logo zu kaufen, Nikon-Anstecknadeln und eine Kristallglas-Kopie der "Nikon 1" von 1948, gefertigt von Nikons Partner Swarowski. Außerdem, wie immer im schwülen Sommer Tokios, wenn es etwas zu feiern gibt, Handtücher mit dem Firmenlogo.

Nikon ist nicht der einzige Konzern, der in diesem Jahr Jubiläum feiert. Mehr als Tausend japanische Unternehmen erinnern an ihre Gründung vor hundert Jahren. Darunter finden sich viele bekannte Namen wie der Autohersteller Subaru, der Reifenfertiger Yokohama, das Sportartikelunternehmen Mikasa oder der Lebensmittelkonzern Meiji und der Badezimmer-Ausstatter Toto, Weltmarktführer bei Toiletten.

Dass so viele Unternehmen im selben Jahr gegründet wurden, ist kein Zufall. Der Erste Weltkrieg war für die aufstrebende Industrienation Japan von großer Bedeutung. Erst 60 Jahre zuvor, 1854, war Nippon nach mehr als zwei Jahrhunderten der Selbstisolation von den USA gezwungen worden, sich zu öffnen. In den folgenden Jahrzehnten stampfte es in aller Eile das politische und wirtschaftliche Fundament zu einem modernen Staat aus dem Boden. Es schuf eine Industrie, ein neues Finanzsystem mit einer neuen Währung, dem Yen, eine moderne Infrastruktur und eine schlagkräftigen Armee.

Doch dafür, aber auch für die Kriege gegen China (1895) und Russland (1905) sowie die Kolonisierung von Taiwan und Korea, brauchte Japan viel Geld, auch ausländisches Kapital. Seine Wirtschaft wuchs rasant, aber sie war schlecht gemanagt, insbesondere die neuen Banken. Der Staat verschuldete sich, die Goldreserven schrumpften. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs war Japans Finanzlage prekär. Der Kriegsausbruch 1914 verschärfte sie zunächst noch. Der internationale Handel brach zusammen und die schon zuvor komplizierte Abwicklung internationaler Zahlungen wurde noch schwieriger.

Doch der Krieg in Europa bot Japan auch unerwartet Chancen. Es verfügte inzwischen über eine beachtliche Industrie. Weil die europäischen Kolonien in Asien, der indische Subkontinent und Malaysia, die damals britisch waren, Französisch-Indochina, das niederländische Indonesien und die Philippinen, seit 1898 eine Kolonie der USA, sowie die westlichen Konzessionen in China von Lieferungen aus ihren Stammländern abgeschnitten waren, konnte Japan in die Bresche springen.

Mit dem Wegfall der Konkurrenz aus Europa waren seine Industrieprodukte trotz schlechterer Qualität plötzlich gefragt, die Exporte zogen an. Japan belieferte sogar die Kolonialarmeen mit Munition, seine Reedereien besorgten die Transporte. Zwischen 1914 und 1919 verdreifachte sich die japanische Maschinenproduktion, die Zahl der Industriearbeiter verdoppelte sich fast. Von 1915 an erwirtschaftete Nippon, das zuvor unter Handelsdefiziten ächzte, satte Exportüberschüsse. Die Wirtschaft des Landes verzeichnete plötzlich Zuwachsraten von jährlich zehn Prozent.

Das belebte auch die Inlandsnachfrage; und weil es kaum Importe gab, wurden neue Hersteller gegründet: Nippon Kogaku zum Beispiel, oder Japan Optical Industries, wie Nikon in seinen Anfängen hieß. Der Zusammenschluss dreier Optikfirmen produzierte Linsen, Mikroskope und Binokulare, auch für die Armee. Und Objektive und andere Komponenten für Kameras. In den 1930-Jahren lieferte es Komponenten für die erste Canon, "Kwanon" genannt, einen Nachbau der Leica II. Eigene Kameras konstruierte Nikon erst nach dem Zweiten Weltkrieg, 1948 die legendäre Nikon I. "Nikon" nennt sich die Firma erst seit 1988.

Während des Ersten Weltkriegs wurden in Japan aber nicht nur Firmen gegründet. Auch die "Zaibatsu" expandierten, wie die von Familien beherrschten Mischkonzerne genannt wurden. Gemeinsam mit der Regierung, trieben sie - ähnlich wie später in Korea die Chaebol - die Industrialisierung des Landes voran. Mitsubishi, einer der vier großen Zaibatsu, schuf 1917 zum Beispiel eine Tochter für die Kabelherstellung und baute sein erstes Auto.

Viele Unternehmen sind in Gruppen verbunden - und stützen sich in Krisen

Nach dem Krieg zerschlugen die US-Besatzer diese Zaibatsu in Einzelfirmen, sie hatten zu viel Macht und eine zentrale Rolle in Japans Aufrüstung gespielt. Deshalb gibt es heute etwa 25 Unternehmen, die Mitsubishi heißen und das rote Logo mit den drei Rhomben führen. Gleichsam als Ersatz für die Zaibatsu organisierten sich Japans Unternehmen, auch jene der Mitsubishi-Gruppe, in der Zeit des Wiederaufbaus in sogenannte "Keiretsu", lose Verbunde, die Hausbank und Handelshaus teilen, und überkreuz aneinander beteiligt sind. Obwohl ein unabhängiges Unternehmen, ist Nikon zum Beispiel in den Mitsubishi-Keiretsu eingebunden.

Rückblickend war der Erste Weltkrieg für Japan eine Zeit der Start-ups, wie man heute sagen würde. Dass mehr als tausend Firmen, die 1917 gegründet wurden, heute noch existieren, zeigt aber auch die Langlebigkeit japanischer Unternehmen. Dazu tragen die Keiretsu bei. In Krisen stützen die Mitglieder sich gegenseitig, und die Hausbanken halten oft marode Zombie-Unternehmen am Leben - wie vor einigen Jahren den Elektronikkonzern Sharp. Umgekehrt ist es für Start-ups heute enorm schwierig, Anschubkredite zu erhalten.

Ein Keiretsu kann allerdings auch eine Firma zur Aufgabe zwingen, Konica-Minolta zum Beispiel. Als die Mitsubishi-Bank und die UFJ-Bank 2005 fusionierten, verbanden sie auch ihre Keiretsu. Sie hatten nun zwei Kamera-Hersteller, die sich kaum ergänzten. Nikon war der erfolgreichere, also wurde Konica-Minolta geschlossen.

Heute stecken alle Kamera-Hersteller in einer schwierigen Lage. Seit 2010 ist der Absatz um 80 Prozent geschrumpft, weil die Menschen mit dem Smartphone knipsen. Nikon schreibt Verluste, allerdings vor allem in der Halbleiterproduktion für Lithographie-Systeme. Der einstige Kamera-Branchenführer muss sich neu aufstellen, er will vermehrt in die Medizin-Optik investieren und 2018 wieder Gewinne präsentieren. Sein Überleben dürfte indes auch deshalb gesichert sein, weil ein Keiretsu fast eine Lebensversicherung ist.

© SZ vom 25.07.2017/hgn
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