Niedriglohnarbeit bei Takko:Chinesische Häftlinge nähen deutsche Billigkleidung

Hauptsache billig: der Textil-Discounter Takko hat seine Ware in chinesischen Haftanstalten produzieren lassen. Schuld soll ein vertragsbrüchiger Subunternehmer sein. Trotz aller Bekenntnisse und Kontrollen: Gefängnisarbeit lässt sich kaum verhindern.

Marcel Grzanna, Peking, und Stefan Weber, Düsseldorf

China Billiglohn Textilbranche Takko

In China, dem mit weitem Abstand vor der Türkei größten Importeur von Textilien in Deutschland, scheint es schwer, zu überwachen, mit welcher Art Produzent man es zu tun hat.

(Foto: dpa)

Der Ärger ist groß in der Hauptverwaltung des Textil-Discounters Takko im westfälischen Telgte. "Inakzeptabel und nicht nachvollziehbar" sei das Verhalten eines Vertragspartners, über Subunternehmer Kleider in chinesischen Gefängnissen nähen zu lassen, betonte Takko am Montag. "Uns war weder zum Zeitpunkt der Orderplatzierung noch später bekannt, dass Artikel in Gefängnissen produziert werden." Das Handelsunternehmen will nun rechtliche Schritte prüfen.

Am Wochenende hatte der Spiegel berichtet, dass das Unternehmen, das europaweit 1247 Filialen (davon 813 in Deutschland) betreibt, in Gefängnissen in China produzieren ließ. Mehr als 50.000 Jacken und Tops habe Takko im vergangenen Jahr bei der Global Fashion Support (GFS), einem Vermittler von Produktionsmöglichkeiten in Asien, bestellt. GFS wiederum habe den Auftrag an Subunternehmer weitergereicht, die die Kleider in Haftanstalten nähen ließen. GFS ist ein Ableger der Hamburger Holding Dr. Rehfeld Fashion AG, Dachgesellschaft mehrerer Modeunternehmen der Marke Broadway NYC.

Der Fall weckt erneut Zweifel an den Bekenntnissen vieler Modeunternehmen zu sozialer Verantwortung und fairen Arbeitsbedingungen. Gerne lassen sie sich zertifizieren oder treten international anerkannten Organisationen bei, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Sozialstandards zu überwachen.

Auch Takko hatte sich nach eigenem Bekenntnis vor längerer Zeit einen strengen Verhaltenskodex auferlegt und war zudem im vergangenen Jahr der Fair Wear Foundation beigetreten. Diese Organisation steht in dem Ruf, überall auf der Welt, wo Textilien gefertigt werden, sehr genau auf die Arbeitsbedingungen zu achten. Viele renommierte Modeunternehmen sind dort Mitglied.

Manche Firma soll gemurrt haben, als die Organisation im Oktober 2011 auch Takko aufnahm. Schließlich war der Textil-Discounter - wie andere Vertreter der Billigbranche - zuvor nicht als besonders tugendhaft aufgefallen.

In China, dem mit weitem Abstand vor der Türkei größten Importeur von Textilien in Deutschland, ist es offensichtlich besonders schwer, zu überwachen, mit welcher Art Produzent man es zu tun hat. "Der Textilbereich wird dominiert von Staatsunternehmen, die leicht Teile der Produktion in Haftanstalten erledigen lassen. Nach außen tritt aber stets nur die Staatsfirma in Erscheinung", sagt Sabine Ferenschild vom Bonner Institut Südwind für internationale soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit. Das Ausmaß der Gefängnisproduktion lasse sich nicht beziffern und sei keineswegs auf Textilien beschränkt.

Zwölf Stunden Arbeit, keine Bezahlung

Nach Beobachtung von Teng Biao, Anwalt für Menschenrechte in Peking, ist der Missbrauch von Gefangenen in China für Zwangsarbeit gängige Praxis: "Diese Zustände kommen selten ans Tageslicht, weil die Verantwortlichen kein Interesse an Öffentlichkeit haben." Die Gefängnisleiter profitierten von der Ausbeutung der Häftlinge am meisten. Sie kassierten satte Schmiergelder von den Unternehmern, die wegen der geringen Personalkosten große Gewinnmargen verzeichneten.

"In der Regel werden die Insassen kaum bezahlt für ihre Arbeit. Wenn sie einen Lohn bekommen, dann fällt der sehr gering aus", sagt Anwalt Teng. Die Arbeitszeiten schätzt der Jurist auf mindestens zwölf Stunden pro Tag. Sowohl die Arbeitsbedingungen als auch die Haftumstände seien häufig erbärmlich.

Das Problem sind nach Ansicht von Beobachtern meist die Subunternehmer, die von den Vertragspartnern ausländischer Auftraggeber angeheuert werden. Sie ließen häufig jenseits aller internationalen Standards produzieren. Takko hatte nach eigener Aussage seinen Lieferanten "ausdrücklich nicht berechtigt, Aufträge ohne Sicherstellung der Einhaltung unseres Verhaltenskodex weiterzugeben."

Die Überprüfung solcher Vorgaben fällt schwer. Kenner der Produktionsbedingungen in China berichten, dass selbst Kontrollbesuche nicht immer ein Abbild der Realität liefern. Für Auditoren würden Werkshallen eigens aufgemöbelt und Angestellte unter Druck gesetzt. Die Arbeiter würden den Prüfern exakt die Antworten geben, die ihr Chef ihnen vorgegeben habe. Wer nicht gehorche, fliege raus.

Takko will nun erneut seine Kontrollmechanismen überprüfen, "um sicherzustellen, dass sich ein solcher Fall nicht wiederholt." Der Textil-Discounter räumt ein, dass ihm nur etwa drei Viertel der Produktionsstätten bekannt sind, die für ihn fertigen. "Ziel für 2013 ist es, eine weitestgehend komplette Transparenz über alle Produktionsstandorte zu erhalten." Das ist sehr ambitioniert. Denn die Handelsgruppe gibt auch zu, dass sie bei allem "auf die Ehrlichkeit ihrer Vertragspartner angewiesen ist." Also im Grunde ein gutes Stück ohnmächtig ist.

Südwind-Mitarbeiterin Ferenschild ist überzeugt, dass die Versuchung, in Gefängnissen zu fertigen, immer dann besonders groß ist, wenn bei Textilien um Cent-Beträge gefeilscht wird. "Da hat die Einkaufsabteilung das letzte Wort und nicht der für die Ethik zuständige Mitarbeiter." Aber auch wer hochpreisige Textilien aus China kaufe, könne nie sicher sein, dass die Ware nicht von Häftlingen genäht wurde.

© SZ vom 06.11.2012/rela
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