Niedriger Ölpreis und Fracking Der Boom macht Pause

Die Fracking-Industrie in den USA kommt mit niedrigen Ölpreisen besser klar als gedacht - aber wie lange noch? Banken und Bohrfirmen glauben an die Rückkehr des Booms - noch.

Von Kathrin Werner und Jan Willmroth, New York/München

Wer günstige Ölbohrtechnik sucht, sollte in diesen Tagen in das texanische Städtchen Odessa fahren. Dort gibt es eine riesige, knallrote Bohranlage, fast unbenutzt, ein flaschengrünes Gerät, das Steinchen herausfiltert, während Flüssigkeiten durch das Bohrloch fließen. Es gibt meterhohe Generatoren, stapelweise gebrauchte Schläuche und Pumpen und Dutzende Schwertransporter, um die Ware abzutransportieren. Dort, mitten im Herzland der amerikanischen Öl- und Gasindustrie, läuft derzeit eine der größten Auktionen für gebrauchte Ausrüstung für die Ölindustrie der USA.

So lassen sich die Folgen des Ölpreisverfalls live besichtigen. Der spektakuläre Erfolg der US-Ölindustrie, ermöglicht durch einen ungeahnten technischen Fortschritt, der niedriger als erwartet ausgefallene Verbrauch in China und anderen Schwellenländern und ein Strategiewechsel des weltweit größten Öl-Exporteurs Saudi-Arabien erzeugten ein so deutliches Überangebot an Erdöl, dass der Preis binnen eines Jahres um mehr als die Hälfte absackte. Die Konsequenzen reichen bis in jede Verästelung der Weltwirtschaft, vom Fracking-Eldorado in North Dakota bis zur Ölförderung in Sibirien, von Jobs auf Bohrplattformen in der Nordsee bis zur Zapfsäule in einer deutschen Kleinstadt.

Die Preisentwicklung hat amerikanische Bohrfirmen in eine Krise gestürzt, eine nach der anderen verkauft ihre Geräte. Die Preise für die Gebraucht-Ausrüstung sinken, weil immer weniger nach Öl gebohrt wird und immer mehr Unternehmen möglichst viel verkaufen, um sich vor der Pleite zu retten. Besonders für die vielen kleinen Fracking-Firmen lohnen sich neue Bohrungen kaum noch. Beim Fracking pumpen Ingenieure und Arbeiter ein Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien mit Hochdruck in feste Gesteinsschichten und drücken so das Erdöl aus den Poren. Die rasche Ausbreitung dieser Technologie hat den USA hausgemachte Energie und Jobs gebracht, die Rohölproduktion ist in den vergangenen fünf Jahren von 5,4 auf 9,3 Millionen Fass (je etwa 159 Liter) pro Tag gestiegen.

Dabei hatten schon alle geglaubt, die Zeit der Vereinigten Staaten als großer Ölproduzent sei abgelaufen. Als der Ölpreis fiel, glaubte die Mehrheit der Marktbeobachter allerdings, die Zeit des Fracking-Booms laufe bald ab - weil die Industrie den Preiskampf mit den Nahost-Staaten verliert. Doch der Boom ist keineswegs vorbei. Er macht nur Pause.

Es stimmt, Fracking ist wesentlich teurer als zum Beispiel die Förderung in Saudi-Arabien, wo Öl aus schon erschlossenen Feldern noch immer für nicht mehr als fünf Dollar pro Fass zu fördern ist. Schon seit mehr als einem Jahr sagen Experten deshalb eine Pleitewelle voraus: Zuerst sollte es die kleinen, schwachen treffen, später auch die mittelgroßen Firmen. Die großen Energiekonzerne wie Shell, BP oder Exxon Mobil sind am Fracking-Geschäft bislang vergleichsweise wenig beteiligt.

Ein kenianischer Arbeiter haut alte Ölfässer platt, um sie zu recyceln.

(Foto: Siegfried Modola/Reuters)

Kleinere Firmen haben die Technik entwickelt und sich früh die besten Flächen gesichert; heute machen sie den Markt weitgehend unter sich aus. Der Ölpreis, mit dem sie leben können, ist sehr unterschiedlich je nach Qualität der Ölquelle und Kreativität der Ingenieure. Die besten kostet die Förderung an die 30 Dollar pro Fass, die schlechtesten um 70 Dollar. Zu den aktuellen Preisen verliert laut Schätzungen etwa die Hälfte der Unternehmen Geld.

Trotzdem erweist sich die Branche als erstaunlich robust: Die amerikanische Ölproduktion ist zwar seit April leicht gesunken, aber noch immer höher als vor einem Jahr. Doch der Rückzug ist schon offensichtlich - nicht nur auf dem riesigen Auktionsgelände in Texas. 775 Bohranlagen für Öl und Gas gibt es im Moment noch in den USA, hat der Ölfeld-Ausrüster Baker Hughes gezählt. Das sind 1154 weniger als noch vor einem Jahr. Ein dramatischer Niedergang (siehe Grafik). Zehntausende Jobs sind bereits weggefallen, weitere werden folgen.

Bislang sind allerdings weniger als 20 Unternehmen insolvent, die meisten sind sehr klein und unbekannt. Die anderen haben es geschafft, ihre Bohrkosten weiter zu drücken, oder haben die Banken überzeugt, ihnen neue Kredite zu geben. EOG Resources, das erste Unternehmen, das erfolgreich Öl per Fracking förderte, verkündete im August, dass es seine Kosten pro Bohrung in dem Eagle Ford Feld in Texas innerhalb eines Jahres von 6,1 auf 5,5 Millionen Dollar gesenkt hat, während es gleichzeitig mehr Öl herauspressen kann. Der Preisrutsch hat den Fortschritt beschleunigt.

Anderswo führt er umso schneller zu Stillstand, Stellenkürzungen und Milliardenverlusten. Der britisch-niederländische Konzern Shell hat gerade den heftigsten Verlust seit 16 Jahren verkündet, zuvor seine Aktivitäten in der Arktis und mit kanadischen Ölsanden eingestellt. Der Ölkonzern Statoil, Norwegens größtes Unternehmen, hat innerhalb von eineinhalb Jahren Bohrkontrakte aus den vier vorangegangenen Jahren gestoppt oder aufgekündigt. Innerhalb einer einzigen Oktoberwoche verkündeten die großen Ölfirmen Abschreibungen von mehr als 19 Milliarden Dollar. Und im kommenden Jahr dürften die US-Konzerne 20 bis 25 Prozent weniger in Tiefseebohrungen investieren, schätzt die britische Bank Barclay's. Für Megaprojekte lässt der niedrige Ölpreis keinen Spielraum mehr.

Die Strategie des führenden Opec-Staats Saudi-Arabien, trotz des Preisverfalls unverändert viel oder sogar noch mehr zu fördern, um keine Marktanteile zu verlieren, scheint bislang also aufzugehen. Für die Opec-Länder, die zusammen etwa ein Drittel der weltweiten Förderung kontrollieren, ist das zwar riskant, die meisten von ihnen sind auf ihre Öleinnahmen angewiesen. In Saudi-Arabien machen sie etwa 80 Prozent des Staatshaushalts aus. Aber hätte die Opec überhaupt eine Alternative gehabt? Sollte das saudische Königshaus den Forderungen aus Venezuela und Iran nachgeben und durch Förderkürzungen den Preis zurück auf 70 bis 80 Dollar treiben? Es ist erstens offen, ob die Opec bei dem aktuellen Überangebot überhaupt die dafür nötige Marktmacht hätte - und zweitens käme ein steigender Preis der US-Ölindustrie gerade recht.

Selbst diesen Oktober, vor dem sich viele fürchteten, haben die kleinen Fracking-Unternehmen relativ gut überstanden. Jeweils im Frühjahr und im Herbst berechnen die Banken den Wert von Ölreserven neu. Das ist wichtig, weil laut der Unternehmensberatung Wood Mackenzie gut ein Drittel aller Bohrfirmen für Kredite ihre Öl- und Gasreserven als Sicherheiten verwendet hat.

Noch ist offen, wer im Wettstreit zwischen der Opec und dem Rest der Welt länger durchhält

Sinkt deren Wert, wird es schwer, weitere Kredite zu bekommen - und die sind momentan noch wichtiger, denn die Firmen hoffen, dass der Ölpreis wieder steigt und sie die Niedrigphase überstehen, wenn nur die Banken Geduld mit ihnen haben. Noch ist nicht überall öffentlich bekannt, wie die Banken sich entschieden haben. Doch bislang sieht es so aus, als seien die Abwertungen moderat. So spielen die Banken eine entscheidende Rolle für das Überleben der Fracking-Firmen. Sie haben einst den Boom mit günstigen Krediten angefeuert, jetzt verdienen sie, wenn die Unternehmen neue Investoren suchen, um einen Teil ihrer Ölquellen für eine Umschuldung zu verkaufen. Denn dafür kassieren die Investmentbanken Gebühren. Banken und Investoren haben somit kein Interesse, die Unternehmen pleitegehen zu lassen. Wenn die Ölpreise nicht steigen, verlieren sie allerdings irgendwann die Geduld - und die Pleitewelle könnte doch noch kommen.

Wer in diesem weltweiten Preiskampf am Ende überleben wird, ist noch nicht abzusehen. In der Geschichte der Ölindustrie haben Gruppen von Produzenten zumeist versucht, den Preis zu kontrollieren. Derzeit traut sich das offenbar niemand mehr zu, zumal die Entwicklung zeigt: Die Rückkehr der USA als einer der größten Ölproduzenten der Welt hat den Preis bis auf Weiteres wohl unkontrollierbar gemacht.

Im kommenden Jahr dürfte die US-Förderung erstmals wieder nennenswert sinken, erwartet die US-Energieinformationsbehörde EIA- der Einbruch dürfte spürbar, aber nicht dramatisch werden. Die Fracking-Branche wird sich verändern, Unternehmen werden durch Insolvenzen und Zusammenschlüsse verschwinden, und viele werden einen Teil ihrer Ölquellen billig verkaufen müssen, glaubt Daniel Yergin, Energieexperte beim Analysehaus IHS. "Es wird eine Menge Übernahmen und Fusionen geben, weil es einfach so viel Angebot gibt", sagt er. "Bei Finanzinvestoren und anderen wartet eine Menge Geld am Spielfeldrand darauf, eingesetzt zu werden." Die anderen, das sind beispielsweise jene großen Konzerne, die gerade sparen müssen. Die größten US-Ölfirmen Exxon und Chevron etwa kündigten an, bald mehr auf dem US-Festland zu fördern, vor allem im Schieferöl-Bereich.

So könnten in den USA vor allem die großen Konzerne zu späten Profiteuren des Preisverfalls werden - sie haben zuerst den Fracking-Boom verschlafen, jetzt finden sie günstige Einstiegsmöglichkeiten. Denn die Pause, glaubt Daniel Yergin, dürfte bald ein Ende haben: "Wir sind am unteren Rand eines Zyklus. In einem Jahr sieht der Markt schon ganz anders aus als jetzt."