In einem außergewöhnlichen Schritt hat das niederländische Wirtschaftsministerium die Kontrolle bei dem Chiphersteller Nexperia übernommen. Nexperia hat chinesische Eigentümer, und genau darum geht es bei dem Fall. Die Behörde begründete ihr Vorgehen mit „administrativen Mängeln“ bei dem Unternehmen. Die Verstaatlichung diene dem Erhalt wichtiger technologischer Fähigkeiten in Europa. „Der Verlust könnte ein Risiko für die wirtschaftliche Sicherheit der Niederlande und Europas darstellen.“ Nun könne man schädliche Entscheidungen rückgängig machen oder blockieren. Die Produktion könne jedoch fortgesetzt werden.
Nexperia stellt sogenannte Kleinsignaldioden und -transistoren her. Diese werden als elektronische Schalter beispielsweise in Kopfhörern, Smartphones oder Autos verbaut. Unter den Chipherstellern, die auch für die Autobranche fertigen, wie etwa die deutsche Infineon, gehört Nexperia zu den Kleineren. Ihren Sitz hat das Unternehmen im niederländischen Nijmegen. Nexperia entstand aus einer Abspaltung vom weitaus größeren Hersteller NXP. NXP wiederum gehörte früher zum Elektronikkonzern Philips, wurde dann aber davon aber ebenfalls abgespalten.
Der wichtigste Produktionsstandort für Nexperia ist Hamburg, wo das Unternehmen etwa 1600 Menschen beschäftigt. Eigentümer von Nexperia war seit 2019 das chinesische Unternehmen Wingtech, das von staatlichen und lokalen Behörden kontrolliert wird. Das hat die Niederländer offenbar gestört. Die USA hatten Wingtech zwar 2018 auf die schwarze Liste gesetzt – Begründung: Gefahr für die nationale Sicherheit –, die jetzige Entscheidung habe damit aber nichts zu tun, heißt es aus Den Haag. Wingtech geht juristisch gegen die Entscheidung vor.
Der Fall reiht sich in eine Serie von Bemühungen westlicher Staaten ein, um den technologischen und militärischen Aufstieg Chinas zu bremsen. Die Niederlande spielen in diesem Konflikt eine Schlüsselrolle, da sie die Heimat von ASML sind. Der Konzern mit Hauptsitz in der Nähe von Eindhoven ist der weltweit führende Anbieter von Maschinen zur Chip-Produktion. Ohne ASML-Maschinen können High-End-Chips nicht hergestellt werden. Auf Druck der USA hat die Regierung in Den Haag den Export dieser Technologie nach China stark eingeschränkt. Für diese Maschinen spielen auch die deutschen Hersteller Zeiss (Optik) und Trumpf (Laser) eine entscheidende Rolle.
Auch in Deutschland gab es in den vergangenen Jahren Diskussionen etwa um die Rolle von Huawei im Mobilfunknetz oder die Übernahme des Augsburger Roboterherstellers Kuka durch den chinesischen Midea-Konzern. Der Maschinenbauer galt zwar als strategisch wichtig für die Modernisierung der heimischen Industrie, allerdings fand sich kein Käufer aus Deutschland oder Europa, auch der Staat mochte nicht einspringen. Kontrovers diskutiert wurde auch die Beteiligung (24,9 Prozent) der chinesischen Reederei Cosco an einem Terminal des Hamburger Hafens.

