Süddeutsche Zeitung

Energie:Niederlande stoppen Erdgasförderung - wegen Erdbebengefahr

  • Hinter dem drastischen Schritt steht die Angst vor immer heftigeren Schäden für Umwelt und Menschen.
  • Rund um die Provinzhauptstadt Groningen bebt die Erde fast wöchentlich mehr oder weniger stark.

Die Erdgasförderung hat wegen der zunehmenden Erdbebengefahr keine Zukunft mehr in den Niederlanden, das war seit Langem klar. Dass es nun aber so schnell zu Ende gehen soll, ist eine Überraschung. Die Regierung wolle, dass die Hähne schon in knapp drei Jahren, Mitte 2022, komplett zugedreht würden, schrieb Wirtschaftsminister Eric Wiebe am Dienstag in einem Brief ans Parlament. Nur wenn es besonders kalt werde, wolle man auch danach noch fördern. Das bisherige Zieldatum war 2030 gewesen. Und auch die noch anstehende Förderung wird kräftig gedrosselt, von geplanten 15,9 Milliarden Kubikmeter im kommenden Jahr auf nur noch 11,8 Milliarden, knapp unterhalb des Niveaus, das Experten als gerade noch vertretbar bezeichnet hatten.

Hinter dem drastischen, für die Niederlande auch wirtschaftshistorisch bedeutsamen Schritt steht die Angst vor immer heftigeren Schäden für Umwelt und Menschen. Rund um die Provinzhauptstadt Groningen bebt die Erde fast wöchentlich mehr oder weniger stark, der Boden sinkt immer weiter ab, Türrahmen verziehen, Wände bekommen Risse. Unter den Bewohnern der Provinz Groningen, die um ihr Eigentum und sogar um ihr Leben fürchten, hat sich in den vergangenen Jahren eine Protestbewegung entwickelt, die die niederländische Regierung nicht mehr überhören konnte. Zunächst sollte die Förderung nur stark reduziert werden, doch das Aus ließ sich nicht vermeiden, nicht zuletzt weil immer mehr Hausbesitzer Entschädigungen forderten und das Problem damit für die Behörden unüberschaubar zu werden drohte.

Das Land nimmt schweren Herzens Abschied vom Gas. 1959 war in der Gemeinde Slochteren bei Groningen das größte Erdgasfeld der EU und das zehntgrößte der Welt entdeckt worden, ein unerhoffter Quell des Reichtums. Die Niederlande wärmen damit die heimischen Herde und beliefern Frankreich, Belgien und Deutschland, wo etwa zehn Millionen Menschen und viele Unternehmen niederländisches Gas verbrennen. Knapp 300 Milliarden Euro flossen direkt in den Staatshaushalt.

Warnungen vor den Folgen der Förderungen gab es seit Ende der Achtzigerjahre, als der Geograf Meent van der Sluis auf die mögliche Beziehung zwischen der Gasförderung und Bodenschäden in der Region aufmerksam machte. Er wurde belächelt, die Wende brachte 2012 ein Beben von der Stärke 3,6 auf der Richterskala. Ein Jahr später bestätigte die staatliche Bergbauaufsicht, dass ein "linearer Zusammenhang" zwischen Fördermenge und Häufigkeit der Beben bestehe und empfahl, die Produktion zu drosseln: "so schnell und so stark wie möglich und realistisch".

Das Gas aus Groningen wird durch importiertes Gas aus Norwegen oder Russland ersetzt. Das geht nicht ohne Weiteres. Das niederländische Gas ist low calorific, es hat einen niedrigeren Brennwert als die Ware aus Nord- und Osteuropa. Um weiterhin "Pseudo-Groningen-Gas" verwenden zu können, wird dem importierten H-Gas (high calorific) Stickstoff zugeführt. Dies soll in einer neuen Fabrik in Zuidbroek geschehen.

Das Förderkonsortium unter Führung von Shell und Exxon Mobil erhält Ausgleichszahlungen.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels haben wir fälschlicherweise von einer "friesischen Provinz Groningen" geschrieben. Die Region wird jedoch heute im Allgemeinen nicht mehr zu Friesland gezählt.

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Quelle:
SZ vom 12.09.2019/vd/cat
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