Neuer Fed-Chef Kevin WarshHat er den Mut, Trump zu widersprechen?

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Kevin Warsh sei ein Kandidat „wie aus dem Bilderbuch“, schwärmte Trump im Januar.
Kevin Warsh sei ein Kandidat „wie aus dem Bilderbuch“, schwärmte Trump im Januar. Kevin Lamarque/REUTERS

Er ist der Wunschkandidat des US-Präsidenten: Kevin Warsh leitet nun die mächtigste Notenbank der Welt. Trump will, dass er die Zinsen senkt – doch so einfach ist das nicht.

Von Ann-Kathrin Nezik, Washington

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Kevin Warsh ist nervös, seine Hände verraten das. Sie drehen einen Stift, mit dem er sich gelegentlich Notizen macht, hin und her, hin und her. Warsh, 56, hat wochenlang auf diesen Tag gewartet, der mitentscheiden wird, ob er der nächste Chef der US-Notenbank wird. Jetzt haben die Fotografen im holzvertäfelten Saal des Dirksen Senate Office Building ihre Objektive auf ihn gerichtet, sitzen ihm die Senatoren des Bankenausschusses gegenüber. Bereit, ihre Fragen auf ihn abzufeuern wie Pfeile. Draußen auf dem Flur ist der Andrang so groß, dass die Beamten der United States Capitol Police schon Minuten vor Beginn der Anhörung niemanden mehr einlassen.

Die Ernennung von Kevin Warsh zum Chair of the Board of Governors of the Federal Reserve System, wie sein Titel seit diesem Freitag lautet, ist die wohl wichtigste Personalie in Donald Trumps zweiter Amtszeit. Der Notenbank-Chef gilt als zweitmächtigster Mann in Washington. Seine Worte haben die Macht, Märkte zu bewegen. Er wacht über die Banken und den Dollarkurs. Er legt mit seinen Kollegen die Zinsen fest, die bestimmen, ob Millionen Amerikaner einen Job finden oder sich ein Haus leisten können.

Ein Kandidat „wie aus dem Bilderbuch“ sei Warsh, schwärmte Trump, als er sich Ende Januar nach einem monatelangen Casting auf den ehemaligen Investmentbanker festlegte. Und ausgerechnet das ist Warshs größtes Problem. „Er hat den schwierigsten ersten Arbeitstag eines Fed-Chefs in der jüngeren Geschichte“, sagt der Ökonom Aaron Klein von der Denkfabrik Brookings Institution. „Denn er muss einen Weg finden zwischen dem, was Donald Trump will, und einer aus Sicht der Notenbank angemessenen Geldpolitik.“

Trump hat seine Erwartungen unmissverständlich klargemacht: Wenn „Kevin“ die Fed leite, würden die Zinsen sinken, sagte Trump, sonst werde er „enttäuscht“ sein. Trump hofft, dass niedrige Zinsen die Wirtschaft vor den Zwischenwahlen im November ankurbeln. Doch seit Beginn des Iran-Kriegs sind auch in den USA die Benzinpreise explodiert. Niemand weiß, wohin das führt. Doch niedrigere Zinsen wären jetzt zumindest aktuell wohl genau das Falsche, so sehen es viele Ökonomen und Marktbeobachter.

Die Frage ist: Hört Kevin Warsh auf sie oder auf Trump? Gilt seine Loyalität dem US-Präsidenten oder einer Institution, die wie keine andere für die Glaubwürdigkeit der US-Wirtschaft steht?

Die Senatoren des Bankenausschusses wollen Warsh eine Antwort abringen. Als Erstes versucht es Elizabeth Warren, die Wortführerin der Demokraten. „Unabhängigkeit erfordert Mut“, schleudert sie ihm entgegen. „Also lassen Sie uns Ihren Mut überprüfen. Wir fangen leicht an, Mr. Warsh. Hat Donald Trump die Wahl 2020 verloren?“ Warsh weicht aus, sagt, er wolle nicht politisch werden.

So geht es weiter: Warren attackiert, Warsh laviert herum. Irgendwann hat die Senatorin genug. Nun sei ihr endgültig klar, dass Warsh die „Handpuppe“ des US-Präsidenten sei, sagt sie. Wie alle demokratischen Senatoren, abgesehen von John Fetterman, wird sie drei Wochen später gegen Warshs Berufung stimmen. Für ihn votieren nur die Republikaner. Das reicht für eine Mehrheit, doch kein angehender Fed-Chef hat jemals weniger Stimmen bekommen.

Während der Anhörung lässt Warsh die Kritik an sich abperlen. In mehr als zwei Stunden verliert er nicht die Fassung, anders als Ex-Justizministerin Pam Bondi, die bei einer Anhörung im Senat losschimpfte und damit ihr politisches Ende einleitete. Stattdessen bedankt sich Warsh höflich für die Gespräche, die er schon im Vorfeld führen musste: „Senatorin, ich habe unsere Diskussion sehr genossen.“ Seine Manieren sitzen, genau wie sein dunkler Anzug.

„Ich ging die Fifth Avenue entlang und fragte mich: Was tue ich hier?“

Nur ein einziges Mal lässt er Gefühle durchscheinen. Ob er Trump bei einem Treffen im Weißen Haus niedrige Zinsen versprochen habe, fragt der demokratische Senator Ruben Gallego. Nein, sagt Warsh. „Er hat nicht danach gefragt, er hat es nicht verlangt, er hat es nicht vorausgesetzt, und ich hätte auch niemals zugestimmt“. Warum habe es das Wall Street Journal anders berichtet, bohrt Gallego nach. Weil die Reporter schlechte Quellen hätten, sagt Warsh, „ich nehme die Integrität des Amtes und meine persönliche Integrität sehr ernst“. „The Honorable Kevin Warsh“ steht auf seinem Namensschild, der ehrenhafte Kevin Warsh. So will er gesehen werden.

Kevin Maxwell Warsh wuchs im Norden des Bundesstaats New York auf. Als Kind einer Mittelschichtsfamilie besuchte er eine öffentliche Schule. Von dort schaffte er es nach Harvard und danach an die Wall Street, zur Investmentbank Morgan Stanley. 2002 heiratete er Jane Lauder, Erbin des Kosmetikkonzerns Estée Lauder, und wurde zum Teil der besseren Gesellschaft. Sein Schwiegervater Ronald Lauder gehört seit Jahrzehnten zu den Großspendern der Republikaner und diente einst als US-Botschafter in Österreich. Auch Trump kennt Lauder gut, die beiden gingen gemeinsam zur Uni.

Warsh hätte es sich in diesen Kreisen bequem machen können. Doch als die Terroristen von al-Qaida ins World Trade Center flogen, habe er eine Eingebung gehabt, so erzählt er es während der Anhörung: „Ich ging die Fifth Avenue entlang und fragte mich: Was tue ich hier?“ Kurz darauf wechselte er als Wirtschaftsberater ins Weiße Haus von George W. Bush. Dort lernte er den späteren Brookings-Ökonomen Aaron Klein kennen. Warsh sei „klug, fleißig, kollegial und sympathisch“ gewesen, erinnert sich Klein. „Es war offensichtlich, dass er eine glänzende Zukunft vor sich hatte.“

Und tatsächlich: 2006 ernannte Bush den damals 35 Jahre alten Warsh zum jüngsten Notenbanker der Geschichte. Warsh war noch nicht lange im Amt, als die Finanzkrise losbrach. Der damalige Fed-Chair Ben Bernanke, Warshs Chef, entschied sich für eine einmalige Rettungsaktion. Er kaufte Billionen Dollar an Schuldpapieren und stützte so die Banken. Doch Bernanke fehlten als ehemaligem Princeton-Professor die Kontakte zur Wall Street. Und so gehörte Warsh, der Jura studiert und nie einen bedeutenden ökonomischen Fachaufsatz veröffentlicht hatte, bald zu Bernankes Vertrauten. „Wir saßen alle zusammen im Bunker“, sagte Warsh später über diese Zeit.

Diese Haltung sollte er bald ändern. Nach der Finanzkrise wollte Bernanke weiter im großen Stil US-Staatsanleihen kaufen. Warsh war dagegen, niemand könne die Folgen absehen, mahnte er in internen Runden. Warsh glaubte, das schwache Wachstum lasse sich nicht durch Interventionen der Fed bekämpfen, niedrige Zinsen sah er skeptisch. Das brachte ihm den Ruf eines Falken ein. So heißen Geldpolitiker, die das Geld knapphalten. Doch Warsh wollte das System nicht sprengen, sondern weiter darin Karriere machen. Und so stimmte er Bernankes Plan am Ende zu.

2011 ging Warsh zurück in die Privatwirtschaft und verdiente Geld, sehr viel Geld. Er investierte in Dutzende Tech-Firmen und stieg in die Firma von Stanley Druckenmiller ein. Druckenmiller gilt an der Wall Street als Legende, seit er für George Soros gegen das britische Pfund wettete und damit eine Milliarde Dollar verdiente.

Für Warsh wurde Druckenmiller zu einem Förderer und Geschäftspartner. Warsh beteiligte sich an mehreren Hedgefonds des Investors, seine Anteile sind mehr als 100 Millionen Dollar wert. Worin die beiden Männer investiert haben, wollen sie nicht sagen. Er habe mit Druckenmiller Verschwiegenheit vereinbart, erklärt Warsh im holzvertäfelten Saal des Bankenausschusses.

Nachdem Warsh als Fed-Gouverneur aufgehört hatte, präsentierte er sich als Kritiker der Notenbank

Die Demokraten sehen darin einen Tabubruch. „Ich glaube nicht, dass wir jemals einen Nominierten hatten, der sein Vermögen nicht offengelegt hat“, sagt Elizabeth Warren. Ihr Kollege Jack Reed will wissen, ob er all seine Investments verkaufen werde, bevor er als Fed-Chef anfange. Wieder dreht Warsh rhetorische Schleifen, es geht hin und her. „Ich muss Sie loben“, sagt Reed nach einer Weile. „Sie verstehen es, um Fragen herumzutänzeln, ohne sie zu beantworten. Das ist eine Kunst, leider keine gute für einen Fed-Chef.“

So sehen es auch andere Kritiker von Warsh. „Wenn er sich äußert, fragt man sich oft: Was hat er eigentlich gesagt?“, findet der Ökonom Paul Krugman. Der deutsche Princeton-Professor Markus Brunnermeier formuliert es freundlicher. Er kennt Warsh aus Gremien in Washington, in denen beide als Berater sitzen. „Er hebt die Dinge gern auf die Metaebene, ist nicht detailversessen“, sagt Brunnermeier. Warshs Vorgänger Ben Bernanke und Janet Yellen seien von Ökonomen bewundert worden. Warsh sei dagegen „kein Überakademiker, er wird nicht den Nobelpreis gewinnen“.

Nachdem Warsh als Fed-Gouverneur aufgehört hatte, präsentierte er sich als Kritiker der Notenbank. Als ehemaliger Insider, der erlebt hatte, was dort alles falsch läuft. „Er kam zu der Ansicht, dass sich die Fed auf ihre Kernaufgaben beschränken sollte, außer unter klar definierten, extremen Umständen“, sagt Michael Boskin, Ökonom an der Stanford-Universität, der Warsh seit den Neunzigerjahren kennt.

Aber Warsh sprach darüber nicht nur mit seinen Kollegen, er machte seine Kritik öffentlich. Er trat im Wirtschaftsfernsehen auf und schrieb Meinungsbeiträge für das Wall Street Journal. Darin warf er der Fed schwere Fehler vor. Durch den immer neuen Kauf von US-Staatsanleihen sei ihre Bilanz auf fast sieben Billionen Dollar angeschwollen. Damit habe sie eine Kultur der Verschuldung geschaffen und betreibe „versteckte Fiskalpolitik“.

Auch seine Ansichten zu Geldpolitik klangen nun anders. „Inflation ist eine Wahl“, fand Warsh im November 2025, sie entstehe, „wenn der Staat zu viel ausgibt und zu viel Geld druckt“, nicht wenn die Wirtschaft überhitze. Die Notenbank könne die Zinsen deshalb trotz der relativ hohen Inflation senken. Aus dem Falken, so wirkte es, war eine Taube geworden, ein Befürworter lockerer Geldpolitik.

Als Warsh auch noch einen „Regime Change“ bei der Fed forderte, positionierte er sich endgültig als Trumps perfekter Kandidat. Regime Change, das klingt nach Umsturz. Und genau das schwebt vielen Anhängern von Trumps Maga-Bewegung vor. Sie halten die Fed für dysfunktional und „woke“, weil sie sich für Diversität und das Klima einsetzte. Sie wollen sie deshalb entmachten oder sogar abschaffen. Auf den ersten Blick wirkt es, als sei Warsh ihr Verbündeter. Er verspricht, die Bilanz der Fed zu schrumpfen und sich auf die Geldpolitik zu konzentrieren. Aber er will die Notenbank nicht niederbrennen, er will sie reformieren. „Eine Institution, die mir am Herzen liegt“, nennt er sie während seiner Anhörung.

Es werde nicht einfach für Warsh, sein Versprechen einzulösen, glaubt Markus Brunnermeier. „Wenn die Märkte schlecht auf eine schrumpfende Fed-Bilanz reagieren, wird er es stoppen.“ So sei es auch schon seinem Vorgänger Jerome Powell ergangen. Und was, wenn Trump seinen Kandidaten „wie aus dem Bilderbuch“ dann attackiert, so wie schon Powell? Wie wird Warsh darauf reagieren? „Wir werden sehen“, sagt der Stanford-Ökonom Michael Boskin. „Er hat eine gute Beziehung zum Präsidenten und seinem Team, aber er wird die Zinsen nicht senken, bloß weil Trump es will.“

Als die Anhörung im Dirksen Senate Office Building zu Ende ist, erhebt sich Warsh. Er umarmt seine Frau, schüttelt Hände, wirkt erleichtert. Dann verschwindet er in einem Nebenraum. Auf dem Flur bringen sich die Kamerateams in Stellung. Nach ein paar Minuten tritt Warsh nach draußen. „Werden Sie die Zinsen senken, wenn Trump Sie bittet?“, ruft ein Reporter. Warsh verschwindet wortlos im Aufzug.

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