Neuer Chef-Aufseher Gefährliches Spiel bei Volkswagen

Er ist zum Chefkontrolleur gewählt: Hans Dieter Pötsch war bisher im Vorstand des Wolfsburger Autoherstellers für die Finanzen zuständig.

(Foto: dpa)
  • Die Entscheidung für Pötsch als neuen Chef-Aufseher bei VW ist problematisch.
  • Pötsch ordnet seit vielen Jahren im Konzern die Finanzen. Hätte er die Anleger nicht früher informieren müssen?
Von Thomas Fromm und Max Hägler

Wenn Menschen sagen, dass sie "Bauchschmerzen" mit einer Entscheidung haben, diese aber "alternativlos" sei, weil man es mit einem "Notstand" zu tun habe, dann wird es schwierig. Ulrich Hocker von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) hat Bauchschmerzen damit, dass Hans Dieter Pötsch, seit zwölf Jahren VW-Finanzchef, an der Hauptversammlung vorbei als Aufsichtsratschef installiert wird. Aber, so Hocker: "Wir haben hier einen übergesetzlichen Notstand." Schon wahr: VW hat wegen seiner Diesel-Affäre einen ziemlichen Notstand. Doch die Bestellung von Langzeit-Vorstand Pötsch könnte für noch mehr Ärger sorgen.

Einflussreiche Aufsichtsräte hatten Zweifel an der Personalie und sahen sie kritisch. Am Ende aber musste alles sehr schnell gehen an diesem Mittwoch, und Alternativen gab es auch keine. Ein Tag der Bauchschmerzen also.

Pötsch ist nicht von den stimmberechtigten Anteilseignern auf einer Hauptversammlung gewählt worden. Am Vormittag wurde er zunächst per Beschluss des Braunschweiger Amtsgerichts zum Mitglied des Aufsichtsrates ernannt, am Nachmittag dann hatten ihn die Kontrolleure zu ihrem neuen Vorsitzenden gewählt. Eine Turbo-Personalie sozusagen.

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Muss er am Ende nicht auch seine eigene Geschichte aufarbeiten?

Für einen wie Pötsch, der seit vielen Jahren im Hintergrund die Finanzen ordnet, Milliardendeals wie Porsche, MAN oder Scania abgewickelt hat, der lange den ruhigen Buchhalter im Schatten von Männern wie dem VW-Patriarchen Ferdinand Piëch und Ex-Chef Martin Winterkorn gab, für so einen war es am Ende vielleicht: zu turbomäßig. "Es ist mir ein persönliches Anliegen, alles zu tun, damit die Vorgänge restlos aufgeklärt werden", sagte Pötsch nach der Sitzung in Wolfsburg. Die Frage, die sich viele stellen, ist nur: Kann er das alles aufklären? Oder arbeitet da nicht am Ende jemand auch seine eigene Geschichte auf? Es beginnt damit, dass VW mindestens schon am 3. September von den Querelen in den USA gewusst hat und Probleme eingestand, aber erst zwei Wochen später darüber informierte. Hätte Pötsch früher kommunizieren müssen? Waren Kapitalmarkt-Informationen gegenüber den Aktionären lückenhaft? Es sind Fragen, mit denen sich gerade viele findige Anwälte beschäftigen.

Die Frage ist also, wie lange sich Pötsch halten kann. Wird er ein neuer Patriarch, so wie es Ferdinand Piëch war? Dagegen spricht sein zurückhaltendes Naturell, dagegen spricht, dass er, der Österreicher, nicht verwandt ist mit den mächtigen Eigentümerfamilien Porsche und Piëch. Seine Macht in diesem Konzern, in dem Macht vor allem auch etwas mit Geburt zu tun hat, dürfte also begrenzt sein.

Pötsch ist Aufsichtsratschef, weil es weder ein Piëch noch ein Porsche werden konnte. Er ist also der Mann, auf den sich die Clans nach langem Hin und Her geeinigten haben.

Das könnte bedeuten, dass er den Posten womöglich nicht lange behält. Die Vorermittlungen der Finanzmarktaufsicht Bafin werden wohl noch bis in den November dauern, dann entscheidet die Behörde, ob sie Ermittlungen einleitet. Wenn es dazu kommt, steht Pötsch im Feuer: Er war bis jetzt Finanzchef von VW gewesen. Kläger werden sich darauf einschießen und ihm das Leben und die Arbeit schwer machen. Schon dass der Konzern hier gegen die Regeln guter Unternehmensführung (Corporate Governance) verstößt und Pötsch ohne die empfohlene zweijährige Abkühlphase ins Kontrollgremium schickt, macht vielen Investoren Bauchmerzen.

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Neue Dimension

Pötsch, studierter Maschinenbauer, ist stresserprobt. Der 64-Jährige kennt juristische Querelen zum Beispiel von der Porsche SE, der Finanzholding der Familien, bei der er auch Finanzvorstand ist. Diese Firma wird immer noch verklagt wegen des gescheiterten Versuchs von Porsche, den VW-Konzern zu übernehmen.

Allein: Die Dimension ist nun eine andere. So vermuten selbst Leute aus dem Umfeld von Pötsch, dass er womöglich in einigen Monaten wieder abdanken muss.

Am Tag der Wahl aber schließt der Aufsichtsrat seine Reihen. "Mir ist bekannt, dass Pötsch mit Finanzen zu tun hat und nicht mit Technik", sagt Porsche-Betriebsratschef und VW-Aufsichtsrat Uwe Hück. Was wohl heißen soll: Wer sich im Vorstand ums Geld kümmert, kommt für die Manipulation von Abgasmessungen bei Dieselautos nicht infrage. Also sagt Hück: "Pötsch ist der richtige Mensch für den Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden."

Und Wolfgang Porsche, Aufsichtsrat und Anführer des Porsche-Clans, sagte: "Wir danken Herrn Pötsch sehr, dass er sich in schwierigen Zeiten bereit erklärt hat, diese wichtige Aufgabe zu übernehmen." Ein Satz, aus dem Erleichterung spricht. Denn jetzt wäre der Moment für Wolfgang Porsche selbst gekommen, den Job zu übernehmen. Der aber wollte nicht. Er soll allerdings die Leitung des Kontrollgremiums zur Aufklärung der Abgasaffäre von Berthold Huber übernehmen, wenn der frühere IG Metall-Chef - wie schon angekündigt - den Aufsichtsrat demnächst verlassen wird. Die Frage bei VW lautet nun: Wie lange haben sie Ruhe, die Porsches und die Piëchs?