Neuer Aufsichtsrat RWE holt Reizfigur Schüssel

Er hat schwere Schlachten in der Politik geschlagen, jetzt soll Österreichs Ex-Kanzler Wolfgang Schüssel den Aufsichtsrat von RWE verstärken. Auch dort gibt es viele Konflikte.

Von H.-W. Bein u. M. Frank

Im Aufsichtsrat des Essener Energiekonzerns gab es seit einigen Wochen eine außergewöhnliche Konstellation: Die Arbeitnehmer hatten im Kontrollgremium die Mehrheit. Der Grund war die überraschende Entscheidung des früheren WestLB-Chefs Thomas Fischer, sein Mandat im RWE-Aufsichtsrat niederzulegen.

Das war Ende Januar, und seither wurde hektisch ein Nachfolger gesucht. Nun scheint die Suche beendet: Neues Mitglied im Aufsichtsrat soll der frühere österreichische Bundeskanzler Wolfgang Schüssel werden. Bestätigt werden muss er von der Hauptversammlung am 22. April, zuvor soll er aber vom Amtsgericht bestellt werden.

Schüssel hat Erfahrung mit kniffligen Angelegenheiten - und kommt schon deswegen dem RWE-Kontrollgremium wie gerufen.

An die Spitze der Partei lanciert

Es war nackte Angst, die im Jahr 1995 Wolfgang Schüssels entscheidenden Karriereschritt provozierte: Damals stand der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) Andreas Khol als neuer Vorsitzender ins Haus, ein in jenen Tagen selbst von Parteifreunden als sinistrer Rechtsausleger gefürchteter Intellektueller.

Noch-Parteichef Erhard Busek lancierte den bis dahin nur wegen seiner bunten Fliegen am Hemdkragen auffälligen Wirtschaftsminister an die Spitze der christsozialen Volkspartei. Die Erleichterung war groß, und die Erwartungen waren es ebenso.

Die verflogen allerdings schnell, als die ÖVP noch im selben Jahr die von Schüssel angezettelten Neuwahlen verlor. Es reichte aber für den Außenminister in der wiederaufgelegten großen Koalition mit der SPÖ. Vier Jahre später, bei der Wahl 1999, wurde die ÖVP von der rechtsradikalen FPÖ unter Jörg Haider haarscharf überholt.

Ensetzen in Europa

Das war die Stunde des gewieften Taktikers Schüssel: Wiewohl er den Rückzug in die Opposition angekündigt hatte, holte er zum Entsetzen des weiteren Europa Haiders FPÖ in die Regierung und wurde mit ihrer Hilfe Bundeskanzler.

Rigide Führungsleistung

Gut zwei Jahre später brachten ihm die Selbstzerfleischungstendenzen in der extremen Rechten einen der größten Siege der Volkspartei seit 1945 ein. Der spöttisch wie respektvoll "Millimetternich" titulierte Kanzler, der inzwischen nicht mehr die identitätsstiftende Fliege, sondern Krawatte trug, steuerte die neu aufgelegte schwarz-blaue Bundesregierung mit rigider Führungskraft.

Und doch verlor er die nächste Wahl 2006 überraschend klar: Er hatte auch nach Aussagen von Parteifreunden wohl die Bodenhaftung verloren, sein legendärer Machtinstinkt hatte ihn verlassen.

Versuche, ihn für EU-Ämter in Position zu bringen - zuletzt wurde über ihn als Kommissionspräsident spekuliert - fruchteten nichts. An der Tatkraft des 64-jährigen Wieners, der sich als Berufspolitiker aus einfachsten Verhältnissen hochgearbeitet hat, hegt freilich niemand Zweifel.

Gute Kontakte nach Osteuropa

Und die wird im RWE-Aufsichtsrat gebraucht. Hier gab es oft Schwierigkeiten, die Gruppen der Anteilseigner und der kommunalen Aktionäre unter einen Hut zu bringen. Auf der Arbeitnehmerseite ringen die großen Gewerkschaften Verdi und IG BCE um die Macht. Und immer wieder wurde mit vertraulichen Informationen aus Konzern und Aufsichtsrat gezielt Politik gemacht.

Zermürbt von Indiskretionen hatte Thomas Fischer, der bis 2011 bestellt war, im vergangenen Jahr den Vorsitz des Kontrollgremiums niedergelegt und sich jetzt völlig zurückgezogen. Aufsichtsratsvorsitzender ist derzeit der frühere Bayer-Chef Manfred Schneider.

Viel verspricht sich RWE von den Kontakten des Ex-Kanzlers in Osteuropa. Beim Pipeline-Projekt Nabucco könnte Schüssel einen alten Bekannten treffen: den ehemaligen deutschen Außenminister Joschka Fischer, der hier RWE berät. Freunde waren die beiden allerdings nie: Fischer war einer der Wortführer des europäischen Protestes gegen die österreichische Rechtsregierung unter Schüssel.