Neue Wirtschaftswelt Warum trotz Boom die Löhne oft kaum steigen

Auch in der Logistik (hier ein Industrielager) gibt es Superstars - schlecht für die Löhne.

(Foto: Bernd Settnik / dpa)
  • Deutschlands Wirtschaft boomt, doch der Anteil der Löhne sinkt im Vergleich zum Profit.
  • Das liegt vor allem an großen Firmen aus dem Bereich Logistik, Handel und Gesundheit, die dank der Digitalisierung weniger Arbeitskräfte benötigen.
  • Dazu kommt eine wachsende Konzentration der Superstarfirmen in einigen Branchen - ein aus den USA bekanntes Phänomen.
Von Alexander Hagelüken

Deutschland boomt wie nie. Doch wieso steigen die Löhne weniger als in früheren Boomzeiten? Die Spur führt ausgerechnet zu den Superstars der Digital-Ära, zu Speditionen, Handel oder Gesundheitsfirmen. In diesen Branchen hatten Arbeitnehmer teils Lohneinbußen von 2000 Euro, zeigt eine Studie, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt.

Demnach leidet der Lohn, wenn einzelne Firmen dominanter werden: Sie erobern Marktanteile, indem sie auf digitale Technik setzen und Konkurrenten abhängen, die Konzentration in der Branche nimmt zu. "Durch die Digitalisierung brauchen die Superstars relativ wenige Arbeitskräfte, verdienen aber oft viel", sagt Studienautor Dominic Ponattu von der Bertelsmann-Stiftung. Dadurch sinkt der Anteil der Löhne im Vergleich zum Profit.

Die Studie berechnet, wie viel stärker die Löhne von 2008 bis 2016 gestiegen wären, wenn es nicht zur Konzentration gekommen wäre. Demnach verloren die Beschäftigten in Dienstleistungsbranchen elf Milliarden Euro. Bei öffentlichen Gütern wie Gesundheit waren es 2200 Euro pro Arbeitnehmer, was an der zunehmenden Dominanz privater Klinik- oder Müllfirmen liegt. Bei Speditionen und Lagerei waren es demnach 1600 Euro, im Großhandel und bei Anwaltskanzleien knapp 1000 Euro. Den Beschäftigten entgingen Lohnzuwächse von bis zu sechs Prozent.

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Der Gehaltsfrust ist Teil einer größeren Entwicklung. In den G20-Industriestaaten lag der Anteil der Löhne an allen Einkommen jahrzehntelang stabil bei 70 Prozent. Inzwischen fiel er unter 60 Prozent, entsprechend stiegen die Gewinne. Bisher wird die sinkende Lohnquote meist auf die Globalisierung und schwächere Gewerkschaften zurückgeführt. Die Superstarfirmen sind eine zusätzliche Erklärung, die Trends zu Digitalisierung, Dienstleistungen und Konzentration vereint.

Es geht um Branchen wie Gesundheit, Abfall, Speditionen und Handel

Der Forscher David Autor beschreibt das Phänomen für die USA, wo Facebook 75 Prozent der mobilen Kommunikationsdienste und Google 90 Prozent der Internetsuchen kontrolliert. Der Wettbewerb nahm nicht nur durch Digitalstars ab, sondern auch im Handel: Da verdoppelten die großen Konzerne binnen 30 Jahren ihren Marktanteil.

"Nun zeigt sich, das Superstar-Phänomen gibt es auch in Deutschland", sagt Jens Südekum von der Uni Düsseldorf. Es sind Klinik- und Pflegefirmen wie Agaplesion oder Märkische Gesundheitsholding, Speditionen wie Dachser oder Kühne & Nagel, der Pharmahändler Phoenix oder die Anwaltskanzlei Luther. Zwar ist die Dominanz nicht mit den US-Digitalstars vergleichbar. Doch auch in Deutschland steigerten die vier größten Unternehmen in Dienstleistungsbranchen ihre Marktanteile deutlich: bei öffentlichen Gütern wie Kliniken um 15 Prozentpunkte.

Dabei ist das Problem nicht, dass die digitalen Champions selbst schlecht zahlen. Sie beschäftigen dank der Digitalisierung aber relativ wenige Mitarbeiter. Apple, Google und Facebook erzielen zusammen so viel Umsatz wie früher die drei größten amerikanischen Autokonzerne - doch sie brauchen dafür nur ein Zehntel der Mitarbeiter. Die Arbeit machen Maschinen. Erobern aber Superstars zulasten von Rivalen mit mehr Beschäftigten den Markt, explodieren die Gewinne, der Lohnanteil in der Branche schrumpft.

Auf digitalisierten deutschen Dienstleistungsmärkten schrumpfte die Lohnquote teils doppelt so stark wie in analog geprägten. Ganz anders in der Energie- und Finanzbranche, wo die Konzentration in den vergangenen zehn Jahren abnahm - und die Löhne dadurch um 1000 bis 3000 Euro pro Beschäftigtem stiegen.

Die Frage ist nun, was in der deutschen Industrie passiert, bei Auto, Chemie und Maschinenbau. Hier sind noch keine Superstars zu sehen, die den Lohn leiden lassen. Hier ist die Digitalisierung schwächer als bei den Dienstleistungen - und die Gewerkschaften sind stärker. Aber das kann sich ändern. "Nimmt die Konzentration in den Industriebranchen auch noch zu, sinkt die Lohnquote deutlich", warnt Ponattu. "Wenn Gewinne kräftig steigen, Löhne aber nicht, nimmt die Ungleichheit zu."

Was also lässt sich ändern, um die negativen Effekte digitaler Champions auf die Löhne zu korrigieren? Eine ganze Menge. Wettbewerb war eines der Hauptziele der Väter der sozialen Marktwirtschaft um Ludwig Erhard. Wenn Superstars zu große Macht erlangen, erschweren sie neuen Konkurrenten, auf den Markt zu kommen. Oder kaufen sie einfach auf. Um das zu verhindern, schlug die Ökonomin Dalia Marin von der Uni München den G-20-Regierungen ein weltweites Wettbewerbs-Netzwerk vor. Sie steckt damit jedoch in den Mühen der Ebene fest: "Leider ist auch beim diesjährigen G-20-Gipfel in Argentinien alles von Trump's Handelspolitik überschattet gewesen, sodass das Thema Wettbewerb wieder verschoben wurde."

Nicht nur die Großen sollen digital aktiv werden

Jens Südekum findet die Produktivität der Superstars gut fürs Wachstum. Aber wie lässt sich zu große Konzentration verhindern? Etwa indem dafür gesorgt werde, dass nicht nur Superstars digital kreativ werden, sondern viele andere Firmen. "Das Beste wäre, die unproduktiveren Firmen innovativer zu machen. Quasi durch eine Art Weiterbildung der Unternehmen." Da könnten EU-Forschungstöpfe helfen.

Ein Problem bleibt damit allerdings: Wenn viele Firmen digital werden und wenig Personal brauchen, dann drückt das auch auf die Löhne. "Wenn alle Firmen digitalisieren, fallen die wesentlichen Zugewinne dem Kapital zu", sagt auch Südekum. Weil der Aktienbesitz in den oberen fünf bis zehn Prozent der Haushalte konzentriert sei, würden die Reichen immer reicher. "Deshalb sollte man versuchen, den Aktienbesitz breiter zu streuen. Etwa durch Mitarbeiterbeteiligung oder durch Staatsfonds, die ihn für die ärmeren 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung verwalten, die mit Aktien oft nichts am Hut haben." Die Politiker dürfen diese Fragen nicht auf die lange Bank schieben, glaubt Dalia Marin. "Zu starke Ungleichheit bedroht die Demokratie. Der Erfolg der Rechtspopulisten überall zeigt, worüber wir hier reden."

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