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Neue Regeln für Aktienhandel:Eigentum verpflichtet - auch Beteiligungen an Verlusten?

Immerhin: Recht hat der Händler in dem Punkt, dass Liquidität für einen Markt ein wichtiger Faktor ist. Insofern ist das, was er und seine Kollegen tun, nicht sinnlos. Dass aber etwas nicht sinnlos ist, bedeutet noch nicht, dass es automatisch sinnvoll ist. Dient etwa die Liquidität allein dazu, teils überflüssige, im schlechteren Fall sogar volkswirtschaftlich schädliche Geschäfte in Gang zu halten, braucht sie niemand.

Der Gesetzentwurf der Koalition muss deshalb um eine Mindesthaltefrist für Aktien ergänzt werden, die wenigstens einige Sekunden betragen sollte. Auch muss die neue Finanzmarktsteuer so gestaltet werden, dass sich der Geschwindigkeitswahn an den Börsen einfach nicht mehr rechnet. Wenn dadurch 90 Prozent des Hochfrequenzhandels wegfielen, bedeutete dies einen Gewinn an Sicherheit, der höher zu bewerten wäre als die geringfügige Verteuerung der verbleibenden ökonomisch notwendigen Transaktionen.

Die Mentalität derer, die, und sei es nur kurz, Aktien besitzen, wird man dadurch nicht zurückentwickeln können - und das muss man vielleicht auch gar nicht. Andererseits zählt zu den zentralen Ursachen der Weltfinanzkrise der Fakt, dass in den großen Industrieländern im Zuge der Deregulierung der Finanzmärkte zentrale marktwirtschaftliche Prinzipien Schritt für Schritt außer Kraft gesetzt worden waren: dass etwa Eigentum zur Beteiligung an Gewinnen berechtigt, zugleich aber zur Übernahme von Verlusten verpflichtet; oder dass die Größe der Gewinnchance immer mit dem Maß an Haftungsbereitschaft korrespondieren muss.

Darüber hat der Algotrader im SZ-Interview nicht gesprochen. Wohl aber darüber, dass man im Zeitalter des Flugzeugs doch nicht mehr Schiff fahre und nicht auf dem Marktplatz oder dem Börsenparkett herumschreie, wenn der Computer viel schöner, effizienter und schneller handle. Alles richtig. Doch so wie nicht alles sinnvoll ist, nur weil es nicht sinnlos ist, muss man etwas auch nicht allein deshalb tun, weil es technisch möglich ist.

© SZ vom 28.02.2013/ale
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