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Neue Lerninhalte:Geld verdienen und die Welt verbessern

Universität Mannheim

Eine Institution: Das Schloss, Sitz der Universität Mannheim. Auch hier geht man neue Wege, um die Entwicklung in der Welt in den Lerninhalten abzubilden.

(Foto: Norbert Bach/dpa)

Viele Wirtschaftsstudierende wollen nicht nur alte Theorien lernen, sondern suchen auch den Praxisbezug. Universitäten und Fachhochschulen ergänzen deshalb ihre Angebote.

Professor Christoph Spengel hätte vor ein paar Jahren vielleicht noch die Nase gerümpft über Studenten, die nicht in der Vorlesung sitzen. Doch die Zeiten ändern sich. Der Studiendekan der Fakultät für Betriebswirtschaften an der Uni Mannheim hat gelernt, dass Abwesenheit nicht gleichbedeutend sein muss mit Bequemlichkeit. Im eigenen WG-Zimmer können sich die Studenten heutzutage genauso viel Wissen aneignen wie im Hörsaal. Digitale Lerninhalte haben den Alltag der Studierenden verändert und ihnen mehr Möglichkeiten zur Gestaltung ihres Tagesablaufs eingeräumt. Das ist schön für die Studenten, aber was Spengel vor allem wichtig ist: "Die Ausbildung ist dadurch besser geworden." Die Zahlen, sagt er, belegen das. Die Option, sich die Inhalte digital selbst zu erarbeiten, motiviert offenbar die Studenten, sich tiefergehend mit der Materie auseinanderzusetzen.

In Mannheim geht man neue Wege. Digitalisierung gibt es anderswo in Deutschland zwar auch. Doch für ihre Drei-Kronen-Akkreditierung durch die international führenden Hochschul-Zertifizierer aus Nordamerika und Europa muss die BWL-Fakultät besondere Bedingungen erfüllen. Akademisch sowieso, aber vor allem auch in der Reflexion ihrer eigenen Arbeit. Mitarbeiter aus dem Personalsektor multinationaler Unternehmen bilden Evaluierungskommissionen, die sich sehr genau anschauen, wie die Universitäten ihre eigenen Prozesse kritisch bewerten. "Das gefällt mir. Man kommt weg von der Einstellung, dass ein deutscher Professor grundsätzlich alles richtig macht", sagt Spengel.

Die Fakultät zog zum Beispiel Konsequenzen daraus, dass nicht alle Studierenden in ihren Abschlussarbeiten die Anforderungen an die wissenschaftliche Methodik erfüllten. Also schaltete die Uni einen mehrtägigen Kurs vor, in dem noch einmal explizit gelehrt wird, welche Standards erforderlich sind. Regelmäßig befindet sich das Dekanat um Spengel auch im Austausch mit den Studenten um zu lernen, wie die neue Generation tickt, was sie bewegt, was sie prägt. Die Erkenntnisse fließen in die Gestaltung der Lehrinhalte und die Form ihrer Vermittlung ein. Zumal Hochschulen, Fachhochschulen oder Business Schools heute mehr denn je gefordert zu sein scheinen, ihre Inhalte schnell an die Lebenswirklichkeit anzugleichen.

Finanzkrise, Bankenkrise, Eurokrise, Brexit - die Liste der Brandherde mit einem hohen Potenzial dafür, die Welt tiefgreifend zu verändern, ist in den vergangenen zehn Jahren dramatisch länger geworden. Manche Studenteninitiativen klagen deshalb darüber, dass der Lehrstoff an den Universitäten den dramatischen Ereignissen in der Realität nicht Rechnung trägt. Dass die Lehren aus den Wirtschafts- und Finanzkrisen, die die Welt an den Rand des Abgrunds führten, nicht vermittelt würden in den Hörsälen. Tatsächlich bereitet die akademische Theorie nur indirekt auf die Wirklichkeit vor. Sie schult vielmehr das allgemeine Denkvermögen und vermittelt die Fähigkeit, sich in verschiedene Themengebiete selbständig einarbeiten zu können.

Spengel unterstützt die Forderung der Studenten, zumindest die nach mehr Aufklärung. Aus eigener Erfahrung weiß er, dass Themen schneller in der Forschung ankommen als im Lehrplan. "Forschung ist da nicht so schwerfällig wie die Anpassung von Inhalten", sagt er. Aber, so sagt er, müsse man nicht alles komplett neu ausrichten, wenn man ausreichend über bestimmte Probleme spreche. Der Dekan zieht eine Parallele zum Thema Datensicherheit. Es gebe keinen Königsweg, aber "Regulierung ist ein wichtiges Thema", sagt er. Das betrifft Banken und Finanzindustrie genauso wie IT-Firmen.

"Die Welt verändert sich immer weiter. Wir sind uns der Herausforderung bewusst. Es gibt keinen Stillstand in der Lehre und in der Wissenschaft. Sie hat sich zum Besseren geändert. Sie ist angewandter und problemorientierter geworden", sagt Professorin Kerstin Schneider, die an der Bergischen Universität Wuppertal Finanzwissenschaften unterrichtet. "Es gibt aber Fragen, die lassen sich nicht über den traditionellen Lehrstoff vermitteln, sondern man ist auf den Diskurs angewiesen." Hier seien vor allem auch die Studenten selbst gefordert, sich entsprechende Grundkenntnisse anzueignen, um Ereignisse fundiert einordnen zu können. Zwar gäbe es Studenten, die das tun, viele würden erhebliche Sachkenntnisse zu gesellschafts- und wirtschaftsrelevanten Ereignissen in der Welt aber vermissen lassen.

Die Dozentin machte sich eine Weile die Mühe, zu einer Vorlesung zum Steuerrecht eine Presseschau anzufertigen, die sie den Studenten vorlegte. Ihr Ziel war es, der Theorie eine Verbindung ins echte Leben zuzuordnen, um die Relevanz des Stoffes begreiflich zu machen. Die Reaktionen waren aber durchwachsen. "Viele Studenten orientieren sich lieber ausschließlich daran, ob das Besprochene unmittelbar relevant für eine Prüfung ist."

Eine Konsequenz aus dieser Haltung kann sein, dass einem der Blick über den Tellerrand überflüssig vorkommt. Professor Christian Schmidkonz von der Munich Business School hält einen solchen Reflex der Studenten auch für das Resultat unseres Bildungssystems. "Das große Problem ist, dass das Denken junger Menschen spätestens ab der vierten Klasse in eine Schiene gepresst wurde, die nur auf Noten ausgerichtet war. Alles andere haben sie links und rechts abgeschaltet", sagt Schmidkonz, der das Masterprogramm der Fachhochschule leitet. Er selbst erinnert sich an sein VWL-Studium in den Neunzigerjahren an der LMU in München: "Da war Praxisnähe so gut wie nicht vorhanden. Die Lehre war eine rein akademische Geschichte." Umso wichtiger sei es heute, den Studierenden dabei zu helfen, sich in einer schnell verändernden Berufswelt zurechtzufinden.

Er glaubt, dass es zwar immer Elemente geben wird, die auch in 30 Jahren noch so gelehrt werden, wie es vor 30 Jahren geschah. "Aber was sie heute über E-Commerce lernen, ist in ein paar Jahren völlig uninteressant." Oft gehören heute schon Kurse ins Pflichtprogramm des Studiums, die keine klassische Ökonomie lehren, sondern das wirtschaftliche Handeln oder geistige Flexibilität in den Mittelpunkt stellen. In München ist unter dem Modulnamen Conscious Business ein Angebot integriert, in dem die Sinnhaftigkeit von Arbeit und Unternehmertum jenseits des Geldverdienens untersucht wird. In Mannheim arbeitet die Fakultät an einem Angebot, das den Absolventen darauf vorbereiten soll, interdisziplinäre Probleme aus mehreren Perspektiven beurteilen und lösen zu können. Die neuen Inhalte sollen Studenten fit machen für die Herausforderungen der Zukunft, von denen heute noch nicht klar ist, wie genau sie eigentlich aussehen. Die Rolle der Hochschulen: Trends erkennen und das eigene Angebot darauf abstimmen.

Im Trend liegt unter anderem eine engere Verknüpfung mit Unternehmen. Nicht, um Technokraten heranzuziehen, die im preußischen Sinne der Bürokratie später einmal als kleine Rädchen in Betrieben funktionieren sollen. Sondern um Studenten frühzeitig mit Unternehmensorganisation und -zielen zu konfrontieren, die unter dem Begriff Impact Investment gemeinhin als nachhaltig oder besonders verantwortungsbewusst gelten. Die internationale Organisation Enactus hat sich zum Beispiel diesem Ziel verschrieben und erfährt einen steten Zulauf.

Auch Schmidkonz ermutigt seine Studenten, sich mit unterschiedlichen Ansätzen bei der Unternehmensführung intensiv zu beschäftigen. Er legt ihnen Fallstudien vor von Firmen, die das Label Social Entrepreneurship tragen, um sie mit Firmen der klassischen Industrie zu vergleichen. "Ich sage den Studenten überspitzt, Gewinn machen kann jeder. Aber Manager, die Gewinne erwirtschaften und dabei noch die Welt zu einem besseren Ort machen, davon gibt es nur wenige."