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Neue Ideen im alten Gebäude:Die Supermodels aus Leipzig

Die altehrwürdige Handelshochschule Leipzig fördert heute Gründer. Wundercurves bietet Mode für üppige Frauen. Sensape entwickelt Geräte für Präsentationen und virtuelle Anproben.

44, 46, 31. Christiane Seitz trägt Übergröße, und die Gründerin aus Leipzig hat kein Problem damit. Sie und ihre Mitgründer Tiffany La und Stephan Schleuß haben daraus ein Geschäft gemacht. Mit ihrem Start-up Relax Commerce bieten sie über die Plattform Wundercurves Damenmode in Übergrößen an, also Textilien ab Konfektionsgröße 42. "Ich bin ein Inbetweenie. Ich trage Größe 44/46 ", sagt Seitz: "Die großen Größen der normalen Marken sind mir meist zu klein und die kleinsten Größen von Marken, die sich auf große Größen spezialisiert haben, sind mir zu groß."

Große Größen, normale Größen, Übergrößen, Plus Size, Zero Size. Schon die Begriffe in der Mode sind eine Diskriminierung, das Angebot sowieso. "Wir bewegen uns in einer Nische", sagt Seitz, 31. Die Nische ist voll. "Frauen mit Übergrößen sind eigentlich die Mehrheit", sagt Seitz. Auf seiner Plattform bietet Wundercurves Mode von Größe 42 bis 68. "Wir wollen Übergewicht nicht verherrlichen", sagt Mitgründerin La, 25: "Aber es gibt nun mal kurvige Frauen. Auch die sollen sich schön und modisch kleiden und wohlfühlen können."

Christiane Seitz, Tiffany La

Christiane Seitz und Tiffany La, die Mitgründerinnen der auf große Größen spezialisierten Plattform Wundercurves.

(Foto: Daniel Reiche/oh)

Die Gründerinnen haben ihr Büro in der alten Baumwollspinnerei in Leipzig, ein einziger Raum, in dem alle Mitarbeiter sitzen. Und Platz für eine Kleiderstange mit ein paar Kleidern, Röcken, Hosen und Blazern ist auch noch. Gleich neben dem Spinoffice von Wundercurves ist das Spinlab, der Accelerator der Handelshochschule Leipzig (HHL), ein Beschleuniger für Gründer. Seitz und La haben dort angefangen. Da sitzen alle zusammen, die es in das Accelerator-Programm geschafft haben. Ein großer Raum mit einer Sitzecke und einer Schaukel. Jeder Schreibtisch steht auf einem alten Teppich, in blassen Tönen oder bunt gemustert. "Wenn man hier anfängt, sind erst einmal alle Teppiche aufgerollt", erzählt Seitz: "Der Sieger des Aufnahmewettbewerbs darf sich den Platz im Spinlab und den Teppich aussuchen."

Der Name Spinlab spielt mit dem Standort und seinen Bewohnern. In dem alten Werksgebäude sollen sie rumspinnen dürfen und wie im Labor an ihren Ideen arbeiten. In mehreren Rankings hat es die HHL Leipzig Graduate School of Management in den vergangenen Jahren auf vordere Plätze gebracht. Im Gründungsradar 2018 des Stifterverbandes und der Heinz-Nixdorf-Stiftung belegte die HHL unter den Hochschulen mit bis zu 5000 Studierenden den Spitzenplatz. Seit Anfang 2017 ist Stephan Stubner Rektor der privaten Hochschule. Er weiß, wovon er redet, er ist selbst Gründer und Investor. In den vergangenen 20 Jahren gründeten HHL-Absolventen mehr als 280 Firmen, darunter auch die Unicorns Trivago, Delivery Hero, About You und Auto 1 mit einer Bewertung von mehr als einer Milliarde Dollar.

Artur Lohrer

Artur Lohrer, Mitgründer von Sensape.

(Foto: Daniel Reiche/HHL)

Auch die fünf Gründer von Sensape haben sich 2015 im Spinlab kennengelernt. Ihr Welt ist virtuell und analog. Sensape verkauft "interaktive Kommunikation", so nennen sie das. Die Gründer entwickeln Geräte und Software für die virtuelle Anprobe von Produkten und Präsentationen, mit der Firmen und Institutionen für ihre Produkte und Dienste auf Messen und im Einzelhandel werben können. Der Name entstand aus den englischen Wörtern "sense" für fühlen oder wahrnehmen und APE, dem Kürzel für Artificial Perception.

Matthias Freysoldt, 36, einer der Gründer, führt eines der Geräte vor. Er stellt sich vor einen der sogenannten Promoter. Bis vor ein paar Monaten stand das Gerät in einem Leipziger Supermarkt, um Menüvorschläge zu machen. Die Kamera hinter dem Display erfasst Freysoldt, sein Bild erscheint auf dem Bildschirm. Er ist jetzt ein Kunde - ein Mann zwischen 30 und 40 Jahren, leger gekleidet. Er lächelt, auch das erkennt die Kamera. Auf dem Bildschirm in Höhe seines Kopfes erscheint eine Sprechblase. "Vorsicht" steht darin. Der Automat will die Aufmerksamkeit von Freysoldt gewinnen. Ein Algorithmus auf Basis der Aufnahmen hat längst ausgerechnet, was ihm heute schmecken könnte. Bami Goreng vielleicht? Auf dem Display wird ein Bild des Gerichts gezeigt und darunter das Rezept. Freysoldt könnte es wie einen Kassenbon ausdrucken und die Zutaten gleich im Supermarkt kaufen. Oder auf das Feld "Weiter" drücken, falls ihm heute doch nicht nach Bami Goreng ist. Einer Frau würde das Gerät ein anderes Rezept anbieten. Ein Test: Gemüse-Muffins, 60 Minuten, eine Kochmütze, unkompliziert.

"Momentan brauchen wir kein Geld. Aber das ist immer die beste Zeit, um sich umzusehen."

Die Idee, "Schaufenster zum Leben zu erwecken", hatten Artur Lohrer, 30, und Freysoldt schon an der TU München. Lohrer, der einen Bachelor in Physik und einen Master in Robotics, Recognition and Intelligence hat, arbeitete am Institut für maschinelles Lernen. Wie bringt man einer Maschine bei zu erkennen, ob vor dem Bildschirm eine Frau oder ein Mann steht oder wie alt die Person ist? Ist sie oder er gerade gut oder schlecht gelaunt? Mit solchen Fragen beschäftigte sich Lohrer. Er und Freysoldt stellten ihr Projekt Loox erst am Gründerzentrum Unternehmertum vor, aber es überzeugte dort nicht. In Leipzig waren die beiden willkommen und dort lernten sie ihre drei Mitgründer Paul Gläsel, 31, Christian Siehler, 33, und Justus Nagel, 29, kennen. 2015 gründeten sie Sensape.

Spinlab HHL Leipzig

Der Platz zum Diskutieren im Spinlab in Leipzig.

(Foto: Elisabeth Dostert)

"Die meisten Bildschirme sind dumme Dinger, sie agieren nicht mit ihrem Umfeld", so Mitgründer Siehler: "Unsere Geräte und Algorithmen können sehr viel mehr. Eine Software zu programmieren, die Ohrläppchen und Gefühle erkennt, ist nicht trivial." Die Menschen können mit den Geräten interagieren, sie liefern dann personalisierte Informationen - ein Rezept oder ein Foto. Die Firmen bekommen anonymisiert Daten über die Kunden, an denen sie Sortiment oder Werbung ausrichten können. Wenn an einem Promoter selten das Rezept für Bami Goreng ausgedruckt wird, kann sich der Händler die Asia-Wochen mit Sonderangeboten für Sojasoße und Sprossen sparen. Mit jedem Kunden wird der Algorithmus besser, er kann lernen, dass leger gekleidete Männer zwischen 30 und 40 Jahren Bami Goreng nicht mögen, sondern lieber Gemüsemuffins.

Sensape hat verschiedene Gerätemodelle. Ein Süßwarenhersteller testete mit einer "Phantastic Photobox" in Supermärkten, welche Schokolade die Kunden mögen. Sie konnten sich mit ihrer Lieblingssorte aufnehmen lassen und das Foto ausdrucken. Die Software erkennt, welche Tafel der Kunde vor dem Bildschirm in der Hand hält. "Wir verblenden off- und online", sagt Mitgründer Nagel, er hat schon an der HHL studiert. Ein Schmuckhersteller, den Namen darf er nicht nennen, hat in einem Laden im chinesischen Chengdu und in London gerade ein Gerät aufgestellt, wie es auch in der Baumwollspinnerei steht. Das System macht zwei Scans, ein Bild vom Oberkörper und eines von der Hand. So lassen sich dann digital Ringe, Uhren, Ohrringe und Ketten anprobieren.

Spinlab HHL Leipzig

Normalerweise suchen Menschen, die einen solchen Aushang machen, eine Wohnung oder auch nur einen Stellplatz fürs Auto. Das Start-up Wundercurves aus Leipzig verschenkt Komplimente.

(Foto: Elisabeth Dostert)

Die Geräte lässt Sensape von einem Unternehmen in Köln bauen. Das Start-up vermietet sie, manchmal nur einen Tag oder ein paar Monate. "Wir haben 100 bis 200 Geräte im Umlauf", sagt Siehler. Präziser will er nicht werden. In bislang zwei Finanzierungsrunden haben die fünf Gründer einen "hohen sechsstelligen Betrag" eingesammelt, alle zusammen halten noch immer die Mehrheit. "Momentan brauchen wir kein Geld", sagt Nagel: "Aber das ist immer die beste Zeit, um sich umzusehen." An einen Exit denken die Gründer derzeit nicht. "Wir wollen einfach eine geile Firma bauen", sagt Nagel: "Wenn uns das gelingt und wir irgendwann verkaufen wollen, dann wird sich auch ein Interessent finden."

An einen Exit denken auch die Gründerinnen von Wundercurves nicht. "Ein Unicorn werden wir sicher nicht", sagt Christiane Seitz: "Wir wollen ein kleines feines Unternehmen aufbauen." In drei Finanzierungsrunden sammelte Relax Commerce knapp zwei Millionen Euro ein. Zu den Investoren zählen der Gründerfonds Sachsen und Coen Duetz, ehemaliger deutscher Lizenznehmer der Modemarke Gant.

Die Internetseite von Wundercurve führt zu rund 70 Online-Shops, darunter Ulla Popken, Sheego, die Plus-Size-Marke des Versandhändlers Otto, oder Samoon, eine Marke des Gerry-Weber-Konzerns. Das Sortiment umfasse rund eine halbe Million Artikel. "Seit ein paar Wochen kann man auch direkt über unsere Seite einkaufen", sagt Seitz: "Wir sind jetzt eine richtige Plattform." Den Umsatz, der über die Plattform generiert wird, beziffert sie auf knapp eine halbe Million Euro im Monat.

Die Idee für das Start-up kam Seitz und La schon vor fünf Jahren beim Bummeln durch Berlin. In vielen Geschäften fanden die beiden Frauen gar nichts oder nur eine kleine Auswahl "in der hinteren Ecke des Ladens" oder sie war nicht modern, "zu sackig". Sie haben dann online gesucht. Da habe es Angebote gegeben, aber nicht gebündelt. "Wir mussten uns durch ziemlich viele Blogs klicken", erzählt Seitz. Über ihre Idee haben sie dann mit Stephan Schleuß gesprochen, damals Berater, der hat den Markt gecheckt. 2015 ging der Prototyp der Website online. Offiziell gegründet haben die drei dann zusammen mit einem kleinen IT-Team im Dezember 2016.

Neben Wundercurves betreibt Relax Commerce noch die Seite Cunnicola, eine Einkaufsplattform für Premium-Produkte. Dabei soll es nicht bleiben. Mit der gleichen Software lassen sich noch andere Plattformen bauen, vielleicht auch irgendwann ein virtuelles Geschäft für Männermode in Übergrößen. "Wundercurves wird es ganz sicher nicht heißen."