Neue Grenzwerte für Kraftwerke in den USA Kampf gegen Dreckschleudern

Überraschend viel Mut in den USA: Die amerikanische Umweltbehörde EPA legt strenge Grenzwerte für neue Kraftwerke vor - und bereitet so den Abschied von der Kohle vor. Derweil nutzen die eigentlich doch so auf Klimaschutz bedachten Deutschen so viel Strom aus Kohlekraftwerken wie seit 2004 nicht mehr. Der Anteil liegt sogar höher als in den Vereinigten Staaten.

Von Michael Bauchmüller

Der US-Präsident ließ es an Klarheit nicht fehlen, gerade drei Monate ist es her. Barack Obama war an die Georgetown-Universität gekommen, um seinen "Klima-Aktionsplan" vorzustellen. "Dieser Plan beginnt damit, dass wir Energie anders nutzen", sagte Obama damals. "Weniger schmutzige Energie, mehr saubere Energie, weniger Energieverschwendung." Die Frage sei nun nur: "Haben wir den Mut zu handeln, bevor es zu spät ist?"

Obamas Umweltbehörde EPA hat den jetzt aufgebracht. Zum Wochenende stellte sie einen einschneidenden Plan vor: Neue Kraftwerke in den USA sollen künftig nur noch errichtet werden dürfen, wenn sie bestimmte Kohlendioxid-Grenzwerte erreichen. Es ist faktisch das Aus für neue Kohlekraftwerke in den USA, es sei denn, sie filtern das Treibhausgas CO2 in Zukunft aus. Denn die Obergrenze will die Umweltbehörde bei 453 Gramm Kohlendioxid je Kilowattstunde festlegen, kleinere Kraftwerke und Kohlemeiler dürfen 499 Gramm emittieren.

Doch selbst dieser Wert liegt weit jenseits dessen, was selbst neueste Meiler erreichen. So kommt ein hochmodernes Steinkohlekraftwerk derzeit immer noch auf rund 730 Gramm Kohlendioxid je Kilowattstunde. Noch schlechter sieht es bei der Braunkohle aus. Ältere Kraftwerke stoßen weit über ein Kilo CO2 aus, und selbst die modernsten emittieren noch 940 Gramm. In den USA könnte, bleibt es bei den Vorgaben, bald keines dieser Kraftwerke mehr errichtet werden. Zunächst bleiben nun zwei Monate für Einwendungen. Allerdings sind die Grenzwerte schon Ergebnis jahrelanger Konsultationen.

Darbender Emissionshandel

"Diese Standards werden die Innovationen entfachen, die wir für die nächste Kraftwerks-Generation brauchen", sagte EPA-Chefin Gina McCarthy. Experten sehen das ähnlich. So erlaube die neue Regelung auch die schrittweise Einführung der sogenannten CCS-Technologie, lobte Kevin Kennedy, Direktor des Washingtoner Thinktanks World Resources Institute. Dabei wird Kohlendioxid abgeschieden und dann unterirdisch gespeichert. "Standards für Kraftwerke sind mit das Wichtigste, was die Regierung zur Minderung der Emissionen tun kann", sagte Kennedy.

Immerhin ein Drittel der Treibhausgas-Emissionen in den USA stammen aus der Stromerzeugung. Kohle wiederum macht gut ein Drittel der Stromerzeugung aus - Tendenz fallend. Seit dort im großen Stil scheinbar günstiges Schiefergas gefördert wird, geraten Kohlekraftwerke zunehmend unter wirtschaftlichen Druck: Strom aus Erdgas ist billiger. Für die nächsten drei Jahre sind in den USA offiziellen Zahlen zufolge 91 neue Gaskraftwerke in Planung, aber nur drei neue Kohlekraftwerke.

Der Gasboom in den USA hat Folgen auch für Europa. Weil nun die USA selber weniger Kohle nachfragen, steigt das Angebot auf dem Weltmarkt - das drückt die Preise. Und während die Kohlendioxid-Emissionen weltweit 2012 weiter anstiegen, gingen sie in den USA um 3,6 Prozent zurück. Gas verbrennt sauberer als Kohle.

In Deutschland etwa stieg die Stromerzeugung aus Steinkohle im vorigen Jahr wieder an, während die aus Erdgas im zweiten Jahr in Folge zurückging. Derweil bezogen die Deutschen, eigentlich doch auf Klimaschutz bedacht, so viel Braunkohlestrom wie seit 2004 nicht mehr. 44 Prozent des hiesigen Stroms stammten damit aus Kohlekraftwerken, mehr als in den USA.

Die Renaissance hängt allerdings auch mit dem darbenden Emissionshandel in der EU zusammen. Er begrenzt die zulässigen Kohlendioxid-Emissionen und zwingt Kraftwerksbetreiber, sich mit sogenannten Emissionsrechten einzudecken. Eigentlich sollte dies auch dem klimafreundlicheren Gas einen Vorteil gegenüber der Kohle verschaffen.

EPA holt schon zum nächsten Schlag aus

Doch weil der Markt mit Emissionszertifikaten überschwemmt ist, steigt der Preis für ein einzelnes kaum mehr über fünf Euro je Tonne CO2. Und die Kohle floriert. Schon werden Forderungen laut, es der amerikanischen Behörde nachzutun. Zuletzt trat Siemens-Deutschland-Chef Rudolf Martin Siegers beim Energiekongress der SZ dafür ein, notfalls auch Emissionsgrenzwerte für Kraftwerke einzuziehen.

Auch in den Ländern gibt es Überlegungen, zumindest den ältesten Kraftwerken - in der Branche gern "Möhrchen" genannt - zusätzliche Auflagen zu machen. Umweltschützer würden das begrüßen. "Das ist notwendig, wenn der Emissionshandel nicht sehr bald reformiert wird", sagt Germanwatch-Chef Christoph Bals. So seien die EPA-Vorgaben auch Reaktion auf den gescheiterten Versuch, in den USA einen Emissionshandel zu errichten.

Dabei bahnt sich noch eine ganz andere Debatte an: Schon bald wird eine neue Bundesregierung entscheiden müssen, ob Kraftwerke künftig dafür entlohnt werden müssen, dass sie als Reserve für wind- und sonnenarme Zeiten bereitstehen. Dann wird es auch darum gehen, ob Kohlekraftwerke in den Genuss solcher Zahlungen kommen dürfen oder nicht. Zweifel daran gibt es.

Die EPA bereitet unterdessen schon den nächsten Schritt vor. Wenn die Grenzwerte für neue Kraftwerke verabschiedet sind, soll es weitere geben - dann für die bestehenden Kraftwerke.