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Postwertzeichen:Geheimsache Briefmarke

So wird im kommenden Jahr eine der neuen 70-Cent-Briefmarken aussehen.

(Foto: oh)
  • Das Porto für Standardbriefe steigt 2016 auf 70 Cent.
  • In den vergangenen Wochen wurden deshalb Millionen neuer Briefmarken gedruckt - wie genau, ist jedoch seit jeher ein Geheimnis.

Von Vivien Timmler

Was hat ein Porsche 911er mit Schokoladenblumen, blauen Edelsteinen und Algen gemeinsam? Auf den ersten Blick gar nichts, wahrscheinlich auch auf den zweiten Blick nichts. Es sei denn, man ist Philatelist, ein Briefmarkensammler. Dann weiß man bereits seit dem 3. Dezember, was für andere erst nach Jahreswechsel relevant wird: Diese Motive zieren die neuen 70-Cent-Briefmarken, die von Januar an auf Standardbriefen kleben müssen.

Zwar stimmte die Bundesnetzagentur der Portoerhöhung erst am 4. Dezember offiziell zu, ihre Maschinen hat die Bundesdruckerei aber schon längst angeworfen. Die Billigung der Erhöhung galt schon Wochen vorher als so gut wie sicher, zudem mussten zum 3. Dezember nicht nur eine, sondern gleich vier neue 70-Cent-Marken an die Filialen ausgeliefert werden.

Um die Briefmarkenherstellung wird seit jeher ein Geheimnis gemacht

Auch, wenn der reine Produktionszyklus nur zwei Wochen dauert: Für vier Marken mit Millionenauflage ist das zu wenig. Denn die Herstellung von Postwertzeichen, wie die Marken unter Kennern heißen, ist ein hoch komplexer Prozess. Ein Prozess, um den ein fast genauso großes Geheimnis gemacht wird, wie um die Entstehung einer Banknote. Denn die Marken sind zwar unscheinbar - werden aber trotzdem häufig gefälscht.

Die Geschichte einer neuen Briefmarke beginnt anderthalb Jahre vor ihrer Erstausgabe und beginnt mit der Motivauswahl. Hunderte Vorschläge gehen jedes Jahr im Bundesministerium der Finanzen ein, sowohl Zeichnungen, als auch Illustrationen und Fotografien. Das Ministerium ist Herausgeber der Briefmarken und allein befugt, den Druck neuer Postwertzeichen in Auftrag zu geben.

In Berlin entscheiden zwei Beiräte darüber, welche der Vorschläge in den Druck gehen: der Kunst- und der Programmbeirat. Die Kriterien sind streng geheim, bekannt ist lediglich, dass es jedes Jahr 50 bis 60 Stück sind und dass das Verhältnis zwischen sozialen, gesellschaftlichen und historischen Motiven immer ausgeglichen sein muss. Die Deutsche Post hat bis zu diesem Schritt noch nichts mit ihrer zukünftigen Briefmarke zu tun.

Auftraggeber ist nicht die Post, sondern das Finanzministerium

Nach der Motivauswahl beginnen die technischen Schritte - und somit die noch viel geheimeren. In der bundesdeutschen Grafikabteilung wird die abgesegnete Motivvorlage digital bearbeitet und angepasst. Ist der Kunde, abermals nicht die Post, sondern das Finanzministerium - zufrieden, wird die Druckplatte erstellt. Sie ist das Negativ der späteren Briefmarken und deswegen das wichtigste Element der gesamten Produktion. Mit einer einzigen Platte müssen Auflagen zwischen drei und 20 Millionen identischer Marken hergestellt werden.

In mehreren Durchgängen werden viele Marken gleichzeitig auf große Bögen des sogenannten "gestrichenen, weißen und fluoreszierenden Postwertzeichenpapiers" gedruckt, das vorher in einem - wiederum - geheimen Verfahren "gummiert" wurde, um später nach dem Anfeuchten auf Papier zu kleben. Das häufigste Verfahren ist der Mehrfarben-Offsetdruck: Dabei handelt es sich um ein sogenanntes indirektes Druckverfahren, bei dem die Druckplatte nicht unmittelbar mit dem Papier in Berührung kommt. Die Farbe wird erst auf eine Walze aufgetragen; diese gibt sie dann aufs Papier.

Es folgt die Perforation, also die typische Zähnung der Marken. Mehrere Reihen kleiner Stahlnägel von jeweils nur einem Millimeter Durchmesser senken sich von oben auf die Bögen und durchbohren die Blätter mit den fertig gedruckten Marken so, dass diese gerade noch aneinander haften. Zum Schluss werden die perforierten Bögen zugeschnitten.

Der Nominalwert einer Marke beträgt 70 Cent - der reale Wert ist unbekannt

Nun erst greift die Deutsche Post in das Briefmarken-Geschäft ein: Sie kauft im Auftrag des Finanzministeriums die Marken von der Bundesdruckerei. Wie teuer diese im Einkauf sind und wie viel Gewinn für die Deutsche Post am Ende übrig bleibt, will das Unternehmen nicht preisgeben. Auch aus dem Umsatz der Bundesdruckerei mit Postwertzeichen von 7,9 Millionen Euro im Jahr 2014 lässt sich dies nicht ablesen, da die Bundesdruckerei auch für ausländische Auftraggeber produziert und die jeweiligen Mengen nicht öffentlich macht.

"Wenn man die Produktionskosten auf eine einzige Marke hinunterrechnet, kostet diese garantiert nur einen Bruchteil von einem Cent", sagt Michael Grätz vom Verband der Philatelisten. Der Nominalwert von bald 70 Cent, der auf der Marke steht, habe mit der Produktion selbst daher nicht das Geringste zu tun. Aus welchen Posten er sich im Einzelnen zusammensetzt, wird also wohl auch in Zukunft ein ungelöstes Rätsel bleiben. Und wie eine einzige Sammlermarke den Wert eines Einfamilienhauses oder eines Porsche 911ers erreichen kann - das ist sowieso eine andere Geschichte.

© SZ vom 15.12.2015

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