Neue Arbeitswelt Mehr Freiheit, mehr Freiraum

Entspannung zwischendurch. Immer mehr Unternehmen versuchen, persönliche Vorlieben ihrer Mitarbeiter zu erfüllen.

(Foto: Lars Baron/Bongarts/Getty)

Flexible Arbeitszeiten, flache Hierarchien und ein Massageservice im Haus: Viele Firmen bieten Mitarbeitern zahlreiche Extras. Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen.

Von Marcel Grzanna

Als Johannes Prüller Vater wurde, spürte er neue Bedürfnisse. Bis dahin hatte er ausreichend Zeit und Energie, um sich seinen beruflichen Zielen zu widmen. Mit der Geburt des Kindes aber veränderten sich die Dinge, und der Wunsch nach einem Familienleben rückte zunehmend in den Mittelpunkt. Was Prüller benötigte, war ein Arbeitgeber, der ihm die Erfüllung dieses Wunsches ermöglichen konnte. Er fand schließlich, was er suchte, und ist froh darüber, Branche und Brötchengeber gewechselt zu haben. Sein Fazit: "Meine Situation hat sich verbessert. Ich kann jetzt von jedem Ort aus arbeiten, an dem ich mich befinde, und bin auch zeitlich flexibler."

Die gemeinsame Zeit mit den eigenen Kindern ist für Prüller unbezahlbar. Deswegen fiel es ihm leicht, seinen alten Job in einer britischen Unternehmensberatung an den Nagel zu hängen. Stattdessen heuerte er bei Kununu an, einer Online-Ratingplattform für Arbeitgeber. Prüller ist dort Leiter der Kommunikationsabteilung. Drei Millionen Angestellte haben bei Kununu Bewertungen zum Innenleben von Firmen hinterlassen, um anderen Nutzern Eindrücke zu geben, was sie erwartet, wenn sie hier oder dort einen Job antreten.

Wie ticken der Chef und die Kollegen? Wird gut bezahlt, und schmeckt das Mittagessen in der Kantine? Seit einigen Jahren spielen zunehmend persönliche Dinge eine Rolle: Darf der Hund mit ins Büro, und geht jemand mit ihm Gassi? Darf ich meine Privatpost an die Firmenadresse schicken lassen? Gibt es einen Raum zum Meditieren, und kann ich in der Mittagspause aufs Laufband? Die Atmosphäre in den Büros und das Selbstverständnis von Arbeitnehmern haben sich drastisch verändert. Wer vor 30 Jahren den Chef bat, den Mittwochnachmittag spontan mit den Kindern am See verbringen und dafür am Samstag ein paar Stunden als Wiedergutmachung reinschauen zu können, dem hätte die Unternehmensführung vermutlich einen Vogel gezeigt. Wahrscheinlich hätte sich niemand überhaupt zu fragen getraut, weil allein der Wunsch eines freien Nachmittags sich beim Chef als "Arbeitsverweigerung" ins Hirn gebrannt hätte - schlecht für die nächsten Gehaltsgespräche.

Heute gibt es etliche Firmen, die versuchen, ihren Mitarbeitern so viele Extrawünsche zu erfüllen wie möglich. Die niedrige Arbeitslosenquote in Deutschland setzt Unternehmen unter Zugzwang und bringt die Arbeitnehmer in eine glänzende Position, sich mit entsprechender Qualifikation oft unter mehreren Angeboten entscheiden zu können. Martialisch ist vom "war for talents" zwischen den Firmen die Rede, dem Krieg um die besten Mitarbeiter quer durch alle Industrien. Dafür bringen sich die Firmen in Stellung. Geld ist dabei längst nicht mehr alles. "Ein faires Gehalt gilt als Standard. Wer gute Leute einstellen möchte, muss mit weichen Faktoren punkten", sagt Prüller.

Stellt der Arbeitgeber ein Smartphone, kann er auch mal abends anrufen

Flexibilität kommt überall gut an, hat man bei Kununu festgestellt. Auch die Verhältnisse zu Vorgesetzten und Arbeitskollegen sind von überdurchschnittlicher Bedeutung für Angestellte. Doch deren Bedürfnisse unterscheiden sich je nach Lebensphase und Ambitionen. Der Familienvater hat andere Vorstellung von Freizeit als ein Universitätsabgänger ohne Kinder, der die Wochenendnächte am liebsten in Szeneclubs verbringt. Wer schnell Karriere machen möchte, dem sind nette Arbeitskollegen wohl weniger wichtig als jemanden, der in einem Team für eine gemeinsame Sache arbeitet und den Wert seiner Tätigkeit nach dem Gesamtresultat beurteilt. Entsprechend breit gefächert ist das Bemühen der Unternehmen, alle potenziellen Arbeitnehmer anzusprechen und sich herauszuputzen als gute Wahl auf dem Arbeitsmarkt. Die Firmen locken mit gemeinsamen Tagesausflügen oder Party-Wochenenden, einem Massageservice im Haus gegen den Stress, unterstützen finanziell bei der Altersvorsorge, bieten Weiterbildungen und Schulungen an, lassen ihren Mitarbeitern die freie Wahl, mit welchem Betriebssystem die am liebsten arbeiten, stellen Laptop, Tablet und Smartphone zur Verfügung und bieten die jährliche Grippeimpfung auf Kosten des Hauses an. Nach Möglichkeit beziehen die Firmen Immobilien, die sowohl gut an den öffentlichen Nahverkehr angebunden sind als auch viele Einkaufs- und Imbissmöglichkeiten gleich um die Ecke haben.

Büroeinrichtungen (siehe Beitrag unten) sollen den Charakter eines Unternehmens prägen und bestenfalls signalisieren, welcher Geist in der Belegschaft weht. Offene Gestaltung von Büroräumen lässt auf eine hohe Transparenz und Kommunikationsfreude schließen. Hierarchiedenken gilt in vielen jungen Branchen als komplett überholt. "Die junge Generation will einen höheren Grad an Selbstbestimmung und Entwicklungen in Unternehmen vorantreiben. Gerade wenn sie für eine Aufgabe brennt", sagt Prüller.

Selbst in klassischen Industriebetrieben locken die Firmenchefs mit zahlreichen Extras, weil sie den Druck spüren, neue Leute einstellen zu müssen. "Die Patriarchen merken, dass sie sich bewegen müssen", sagt Hendrik Hund vom Industrieverband Büro und Arbeitswelt (IBA). Viel Aufmerksamkeit generierte im Frühjahr ein Glasermeister aus Norddeutschland, der aus Mangel an Bewerbern in einem Onlinevideo zwei Ausbildungsstellen anbot. "Ich mache dir jetzt ein Angebot, das muss ich ablesen. Das kann ich selbst kaum glauben", sagte er darin. Neben einem Gehalt von 100 Euro über dem Tarif bot der Firmenchef Fahrtkostenerstattung, finanzielle Unterstützung beim Führerschein und einen Bonus für ein "befriedigend" in der Gesellenprüfung. Schulbildung und Herkunft der Bewerber interessierten ihn explizit nicht. Tatsächlich erreichten ihn einige Dutzend Bewerbungen, und er wurde schließlich fündig.

Die Zugeständnisse sind einerseits die Konsequenzen aus dem Ringen um gute Leute, andererseits auch ein Vertrauensvorschuss an die Mitarbeiter. Der Glasermeister griff tiefer in die Tasche, erwartete aber einen Auszubildenden, der mit Überzeugung an die Sache heranging und sich sicher war, sie durchziehen zu wollen. Wer gerne ein Smartphone als Extra von seinem Arbeitgeber nimmt, der muss damit rechnen, dass es auch mal abends um zehn klingelt. Interne Nachrichtendienste für die Handys sind praktisch, aber auch Fluch und Segen zugleich, weil sich niemand entziehen kann.

Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen, gerade wenn flexible Arbeitszeiten in einem Unternehmen kein Problem sind. Niemand prüft, wie lange jemand privat im Internet im Büro surft, solange die Ergebnisse stimmen. Stimmen sie nicht, kann sich aber auch niemand davonstehlen und um 17 Uhr den Feierabend einläuten.