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Die SdK im Zwielicht:Kriminelle Kursmanipulationen

Die Staatsanwaltschaft durchsucht etliche Büros und Wohnungen und nimmt drei Beschuldigte fest. Betroffen sind auch die Aktionärsschützer der SdK. Der Vorwurf: kriminelle Börsengeschäfte.

K. Ott und H. Wilhelm

Die Münchner Justiz hat wegen des Verdachts von kriminellen Aktiengeschäften zwei Börsenbriefherausgeber und Vermögensverwalter sowie einen Ex-Funktionär einer Anlegerschutzvereinigung in Haft genommen. Ein Netzwerk von 31 Beschuldigten soll illegal Millionengewinne erzielt haben.

Razzia bei der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger e. V.

Repräsentative Adresse: Die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger e.V. (SdK) residiert in der noblen Maximilianstraße in München. Die Räume wurden nun von der Staatsanwaltschaft München in einer spektakulären Aktion durchsucht.

(Foto: dpa)

Die Münchner Staatsanwaltschaft hat wieder einmal zugeschlagen. Nach zahlreichen Bestechungsfällen in der Pharmaindustrie, systematischer Korruption bei Konzernen, Bankenskandalen mit Milliardenschäden und Steuerhinterziehung in beträchtlicher Höhe geht es dieses Mal um ein mutmaßlich kriminelles Netzwerk bei Börsengeschäften.

Fast 200 Beamte waren im Einsatz, als in Deutschland und Österreich 48 Büros und Wohnungen von 31 Beschuldigten gefilzt wurden. Sie sollen die Aktienkurse von 20 Unternehmen manipuliert und so illegal viele Millionen Euro abkassiert haben. Bei drei Verdächtigen sind die Anschuldigungen so schwerwiegend, dass sie jetzt im Gefängnis sitzen.

Gezielt Aktienkurse manipuliert

Eine Clique von Finanzjournalisten, Herausgebern von Börsenbriefen und Anlegerschützern soll untereinander Insiderinformationen ausgetauscht und damit Geld verdient haben. Darüber hinaus sollen gezielt Aktienkurse manipuliert worden sein.

Davon sollen nicht nur Aktien kleiner Firmen betroffen sein, sondern auch die von international tätigen Unternehmen wie Wirecard und Conergy. Wirecard ist Dienstleister für den elektronischen Zahlungsverkehr; Conergy betreut den Bau von großen Solaranlagen.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt bereits seit zwei Jahren. Damals hatte die Wirecard AG Strafanzeige erstattet. Nun sind die Strafverfolger bei ihren Ermittlungen so weit vorgedrungen, dass sie zum großen Schlag ausholen konnten.

Schwer zu beweisen

Bei den drei Inhaftierten handelt es sich nach SZ-Informationen um Markus Straub, einen früheren Funktionär der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) sowie zwei Börsenbriefherausgeber und Vermögensverwalter. Zu den Beschuldigten zählen auch Journalisten, die mit Veröffentlichungen die Aktienkurse "herauf- oder heruntergeschrieben" und daran verdient haben sollen.

Grundsätzlich sind die Vorwürfe, die im Raum stehen, sehr schwer zu beweisen. Das gilt sowohl für die Kursmanipulation als auch den Insiderhandel. Verurteilungen wegen solcher Delikte kommen nicht häufig vor. Wer die Börsenkurse von Unternehmen auf kriminelle Art und Weise beeinflusst, kann mit einer Geldbuße oder mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft werden.

Kurse können auf unterschiedliche Weise manipuliert werden. "Eine übliche Art der Manipulation ist, dass jemand Nachrichten über ein Unternehmen in die Welt setzt, die geeignet sind, den Anleger über den wahren Wert der Aktie hinwegzutäuschen. Das drückt dann den Kurs nach oben oder nach unten", erklärt die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz.

Häufig geht es um Pennystocks

Daran können kriminelle Geschäftsleute verdienen. Indem sie entweder, bevor sie beispielsweise negative Gerüchte über ein Unternehmen in Umlauf bringen, auf fallende Kurse setzen. Oder indem sie, wenn der Kurs des Unternehmens dann abgestürzt ist, sich billig mit dessen Wertpapieren eindecken - in dem Wissen, dass die zuvor gestreuten Gerüchte nicht wahr sind und sich der Kurs wieder erholen wird.

Eine solche Manipulation kann beispielsweise über Börsenbriefe erfolgen. Das sind regelmäßig erscheinende Publikationen, in denen Aktien zum Kauf oder Verkauf empfohlen werden. Häufig handelt es sich dabei um Zockerpapiere, meist Pennystocks, die - wie es der Name bereits verrät - kaum etwas wert sind. Bei eben solchen Börsenbriefen sollen einige der Beschuldigen arbeiten.

Auch im Fall Wirecard, eine der 20 betroffenen Firmen, geht es um den Vorwurf der Marktmanipulation. Dieser Vorwurf besteht seit 2008 gegen den ehemaligen SdK-Vize Straub. Er hatte in seiner Rolle als Anlegerschützer Wirecard Bilanzmanipulation vorgeworfen und parallel mit privatem Geld auf fallende Kurse gesetzt.

Selbst vorsichtige Schätzung kommt auf Millionengewinn

Bei der Razzia wurden deshalb jetzt auch die Geschäftsräume der SdK in der Münchner Maximilianstraße durchsucht. Die SdK bestätigte die Durchsuchung, sagte aber, man habe weder Kontakt zu Straub noch zu einem anderen der Hauptbeschuldigten, der bis 2002 bei der SdK aktiv war.

Allein in einem der 20 Fälle sollen zahlreiche Beschuldigte, darunter auch Straub und die Herausgeber mehrerer Börsenbriefe, mit Aktien der Conergy AG auf unlautere Art und Weise mindestens 1,5 Millionen Euro Gewinn gemacht haben.

Dabei handelt es sich um eine vorsichtige Schätzung der Ermittler. Der tatsächliche Gewinn, glauben die Strafverfolger, dürfte deutlich höher ausgefallen sein. Nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft soll ein Finanzjournalist im Jahr 2007 Insiderinformationen über geplante Veröffentlichungen der Conergy AG erhalten haben, wonach der Unternehmensgewinn geringer ausfallen werde als geplant.

Er soll dieses Wissen an 13 Mitverdächtige gegeben haben. Diese sollen die Informationen dann für Spekulationen an der Börse missbraucht haben. In vielen anderen Fällen soll es ähnlich gelaufen sein. Für alle Beschuldigen gilt die Unschuldsvermutung.

© SZ vom 25.09.2010/pak
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