Netzentgelte Stromgebühren sinken auf dem Land

Viele Stromnetz-Betreiber müssen ihre überzogenen Gebühren deutlich senken. Doch nicht alle Verbraucher können sich freuen - in München etwa muss ein Haushalt gut 40 Euro pro Jahr mehr bezahlen. Rabatte für die Industrie bleiben.

Von Michael Bauchmüller, Berlin

Sinkende Preise, davon haben Deutschlands Stromkunden schon lange nichts mehr gehört. Erst vorige Woche hatten die großen deutschen Netzbetreiber neue Zahlen für die Ökostrom-Umlage vorgelegt, Ergebnis: mehr als 30 Euro Mehrbelastung je Haushalt und Jahr. Doch jetzt das: Vielerorts in Deutschland werden im kommenden Jahr die Entgelte für die Stromnetz-Nutzung geringer. Und mancherorts sogar so stark, dass sich die steigende Ökostrom-Rechnung damit auffangen lässt - jedenfalls theoretisch.

Um durchschnittlich 1,3 Prozent dürften die Netzentgelte im kommenden Jahr sinken. Das ergibt ein Vergleich der vorläufigen Meldungen der größten Netzbetreiber, den der Hamburger Ökostrom-Anbieter Lichtblick vorgenommen hat (hier als PDF). Die Bandbreite allerdings ist denkbar groß. Beispiel München: Während in Großstädten wie Berlin und Frankfurt die Stromkunden leicht entlastet werden, müssen sie hier ordentlich draufzahlen. Um mehr als 40 Euro steigt den Berechnungen zufolge die Belastung für einen durchschnittlichen Haushalt, auf dann gut 190 Euro im Jahr.

Grund, so heißt es bei den Stadtwerken, seien vor allem die höheren Kosten für die Stromautobahnen - und die betreibt wiederum der niederländische Tennet-Konzern. Derweil zahlen Haushaltskunden der Eon-Tochter Bayernwerk im kommenden Jahr knapp 36 Euro weniger, wenngleich in der Summe mit 196 Euro noch etwas mehr als die Münchner. Die Netzentgelte machen rund ein Fünftel des Strompreises aus. Sie müssen Jahr für Jahr von der Bundesnetzagentur aufs Neue genehmigt werden.

Rechnung für den Netzausbau steht noch aus

Vor allem auf dem Land können Verbraucher offenbar mit Entlastungen rechnen. Insbesondere Netzbetreiber, die große Flächen versorgen, können die Preise senken. "Die Kosten für den Netzaus- und -umbau fallen weniger ins Gewicht, als wir zunächst erwartet haben", sagt Torsten Maus, Chef des Oldenburger EWE-Netzes. Dort sinken die Entgelte um fast zehn Prozent - nachdem sie allerdings im Jahr zuvor um 14 Prozent gestiegen waren. "Viele Netzbetreiber müssen ihre überzogenen, mit den angeblichen Kosten der Energiewende begründeten hohen Gebühren deutlich senken", sagt Lichtblick-Geschäftsführer Gero Lücking. Mit durchschnittlich 207 Euro je Haushalt und Jahr sei das deutsche Stromnetz schlicht zu teuer.

Und es dürfte in den nächsten Jahren noch dicker kommen. Denn die Energiewende-Trassen sind zum großen Teil noch gar nicht im Bau: 2800 Kilometer neuer Leitungen, weitere 2800 Kilometer Ausbau bestehender Trassen. "Wenn die Netzentgelte jetzt nicht so stark steigen", sagt der CDU-Wirtschaftspolitiker Joachim Pfeiffer, "dann auch, weil der Netzausbau nicht im erforderlichen Tempo vorangeht." Auch der Ausbau der Netze findet sich dereinst auf den Stromrechnungen wieder. Gleichzeitig sinkt die Anzahl derjenigen, die sich an diesen Kosten beteiligen.

"Wir erleben da zunehmend eine Entsolidarisierung"

Denn zunehmend gehen Unternehmen dazu über, ihren Strom selbst zu erzeugen, in kleinen Kraftwerken oder mit Ökostrom. Wer aber das Kraftwerk auf dem Werksgelände bemüht, braucht weniger Strom aus dem Netz. So schrumpft auch die Stromrechnung und mit ihr die Umlage. Das Gleiche gilt für Haushalte, die ihren Strom tagsüber mit Solarzellen erzeugen. Schon gibt es Überlegungen, diesen Eigenverbrauch stärker an den Netzkosten zu beteiligen. Etwa indem diese nicht mehr über die Menge des abgenommenen Stroms, sondern über die Stärke des Netzanschlusses abgerechnet wird - per Flatrate. "Das Thema wird auch in einem Koalitionsvertrag eine Rolle spielen müssen", sagt Thomas Bareiß, energiepolitischer Koordinator der Unionsfraktion. "Wir erleben da zunehmend eine Entsolidarisierung."

Auch die Ausnahmen für die Industrie bleiben in der Kritik. So können sich Unternehmen, die einen "atypischen" Stromverbrauch haben - etwa in Nachtstunden - und damit das Netz stabilisieren, teilweise von den Netzentgelten befreien lassen. 1300 Unternehmen kommen bereits in den Genuss dieser Regelung, doch die Anzahl dürfte weiter wachsen: Bis zum 30. September konnten weitere Unternehmen sich um den Netzrabatt bewerben. "Nach ersten Schätzungen wird sich die Anzahl auf etwa 1500 Anträge belaufen", antwortete das Bundeswirtschaftsministerium vorige Woche auf eine Anfrage der Grünen. Auch Stromgroßabnehmer müssen sich an den Kosten des Netzes nicht weiter beteiligen - insgesamt rund 800 Millionen Euro werden so letztendlich zusätzlich derzeit von den übrigen Stromkunden getragen. Derzeit ist noch offen, wie hoch diese Kosten im kommenden Jahr sein werden.

Der Beitrag der Stromkunden an den Haftungsrisiken von Offshore-Windparks ist dagegen jetzt schon bekannt: Er erreicht im kommenden Jahr abermals den Höchstbetrag, für einen Durchschnittshaushalt macht das rund neun Euro aus. Reichen wird aber auch das nicht: Die Kosten, so teilten die Netzbetreiber vor einigen Tagen mit, seien damit "nicht komplett refinanzierbar". Das Defizit werde deshalb vorgetragen - Jahr um Jahr.

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