Netzbetreiber und die Energiewende:Im Kampf gegen Blackouts und Bürgerproteste

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Germering: Spaziergang unter Hochspannungsmasten

Hochspannungsmasten in Bayern.

(Foto: Johannes Simon)

800 Kilometer Höchstspannung: Eine neue Überlandleitung mit bis zu 70 Meter hohen Masten soll Windkraftstrom von Norddeutschland in den Süden bringen. Die Netzbetreiber wollen Milliarden investieren und sind nun sauer auf die Politiker. Einige lassen sich vom Widerstand der Bürger beeindrucken.

Von Markus Balser, Berlin

Für einen wie Lex Hartman ist das deutsche Stromnetz so vertraut wie eine Straßenkarte. Da gibt es mehrspurige Autobahnen kreuz und quer. Da gibt es Überlandtrassen in die Städte und verästelte kleine Pfade in die letzten Dörfer, bis hin zu Tempo-30-Zonen vor jede Haustür. Geht es nach Hartman, dem Chef des Netzbetreibers Tennet, gibt es für deutschen Strom bald aber auch etwas, das sich mancher Autofahrer im Stau vergeblich wünscht: eine Riesentrasse nonstop zwischen Nord- und Süddeutschland - eine von der Kapazität gleich mehrerer Autobahnen nebeneinander.

Es ist ein gigantisches Vorhaben, das die Netzbetreiber Transnet BW und Tennet am Mittwoch in Berlin präsentierten: Spätestens 2022 soll eine 800 Kilometer lange Höchstspannungsleitung von Schleswig-Holstein über Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Hessen nach Bayern führen. Sie soll so große Mengen Windstrom vom Norden in den Süden bringen, dass in Bayern und Baden-Württemberg die Lichter auch dann nicht ausgehen, wenn dort die letzten Atomkraftwerke stillgelegt werden. "Das ist eine Premiere für Deutschland und Europa", sagt Hartman. Ein in jeder Hinsicht großes Projekt. Bis zu 70 Meter hoch werden die Masten in den Himmel ragen, an denen sich die Leitungen nach Süden schlängeln. Mehrere Milliarden Euro soll das ganze kosten.

Ein Projekt dieser Größenordnung gab es noch nie beim Leitungsbau in Deutschland. Zur Hauptschlagader der Energiewende soll die neue Trasse werden und auch in punkto Bauzeit ein Vorzeigeprojekt sein. In acht Jahren von der Computeranimation zur fertigen Leitung - gemessen an langen Genehmigungs- und Gerichtsverfahren, die mit neuen Trassen bisher verbunden waren, gilt das als ein ambitionierter Plan.

Doch die Netzbetreiber wissen: Die Zeit drängt. Im Kampf gegen den Blackout in Deutschland brauchen sie neue Leitungen. Schließlich müssten die Atomkraftwerke ersetzt und der Strom in Deutschland besser verteilt werden. "Soll die Energiewende gelingen, brauchen wir diese Trasse", sagt Hartman. Schon jetzt stoße das bestehende Netz wegen des Booms bei grünem Strom immer häufiger an seine Grenzen.

Stromkorridore in Deutschland

Stromkorridore in Deutschland

(Foto: SZ Grafik)

Doch am Mittwoch wurde auch klar: In Deutschland teilen längst nicht alle den Ehrgeiz der Trassenplaner. Denn wo auch immer Pläne für neue Masten, Leitungen oder Konverter auf dem Tisch liegen, ist der Ärger nicht weit. Egal ob im Rheinland, in Franken oder Niedersachsen: Bürgerinitiativen haben sich im ganzen Land formiert, um gegen Projekte vorzugehen. Mit beinahe jeder neuen Trasse, die sich Wohngebieten nähert, werden es mehr, sagt der Manager eines Netzbetreibers.

Vor allem in Bayern wächst derzeit Widerstand. So massiv, dass die CSU-Landesregierung zu Wochenbeginn völlig überraschend ein Moratorium für den Netzausbau beschloss. Die Netzbetreiber sollen ihre Planungen auf Eis legen, bis Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) wie angekündigt bis August ein neues Ökostrom-Fördergesetz vorgelegt hat. In den letzten Monaten habe sich die "Geschäftsgrundlage" geändert, sagte Staatskanzleichefin Christine Haderthauer (CSU) mit Blick auf gekürzte Fördersätze für Wind- und Solaranlagen. Und: "Die Netzbetreiber haben ihre Planungen zunächst einmal zu unterbrechen."

"Haben wir eine Energiewende oder nicht?"

Damit droht in der deutschen Energiepolitik neuer Krach. Vor allem der Koalitionspartner SPD ist genervt. Das Wirtschaftsministerium von SPD-Chef Sigmar Gabriel wies den Vorstoß der CSU am Mittwoch schroff zurück. "Nein, die Geschäftsgrundlage hat sich natürlich nicht geändert", sagte ein Sprecher Gabriels. Eigentlich gebe es einen breiten Konsens zwischen Bund und Ländern. Es wäre nun vermutlich nicht sehr hilfreich, die gesamte Netzarchitektur infrage zu stellen.

Auch die Netzbetreiber gehen auf Konfrontationskurs. Man werde den Dialog mit den Bürgern erst mal aussetzen, kündigte Tennet-Chef Lex Hartman an. Der Trassenvorschlag sollte eigentlich in den nächsten Wochen mit Bürgern diskutiert werden. Zuvor aber müssten sich Berlin und München wohl auf einen gemeinsamen Kurs einigen, sagt Tennet. "Wir brauchen klare Aussagen der Politik: Haben wir eine Energiewende oder nicht? Sonst können wir nicht bauen."

Die Rechtslage ist klar. Netzbetreiber und Berlin sind im Recht. Denn 2013 hatten Bundestag und Bundesrat auch mit CSU-Beteiligung das Bundesbedarfsplangesetz beschlossen, das den Bau vieler Tausend Kilometer Stromtrassen umfasst. Doch immer klarer wird auch: Die Wende ist ohne das Wohlwollen der Bürger nicht zu schaffen. Gesetze helfen nicht, wo die Überzeugung fehlt. Die Akzeptanz wird darüber entscheiden, ob Berlin das Versprechen einlösen kann, in vier Jahrzehnten 80 Prozent des Stroms aus sauberer Wind-, Wasser- oder Solarenergie zu gewinnen.

Den Planern der Wende läuft derweil die Zeit davon. "Wir haben keinen Puffer", sagt Tennet-Chef Hartman. "Was wir am Anfang an Verspätung mitnehmen, kommt am Ende auf die Bauzeit drauf." Im Klartext: Der Strom, der Atomkraftwerke ersetzen soll, könnte im Süden fehlen und eine sichere Stromversorgung gefährden.

Und doch sind die Debatten um die Trassen von einigen Hundert Kilometern wohl nur der Anfang. An insgesamt 10 000 Kilometer Stromleitungen wollen die Netzbetreiber in den nächsten Jahren arbeiten. Bei knapp der Hälfte handelt es sich um die Ertüchtigung des bestehenden Systems. So können höhere Strommasten mehr Leitungen tragen. Auch sollen entlang bestehender Trassen 2800 Kilometer neue Leitungen verlegt werden. Hinzu kommen 3800 Kilometer gänzlich neuer Trassen. Netzplaner und Tennet-Chef Hartman ist indes überzeugt, dass seine Trasse gen Süden in ein paar Jahren steht: "Technisch gesehen ist das eine Autobahn ohne Ausfahrt."

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