Es gibt wohl nur wenige, die die internationale Medienwelt so nachhaltig verändert haben wie Reed Hastings. Der Mann, der im Oktober 1960 in Boston zur Welt kam, ging irgendwann nach Kalifornien und gründete dort zusammen mit einem Partner einen DVD-Versand, den er Netflix nannte. Die Geschäftsidee: Gegen eine monatliche Gebühr wurden Film-DVDs per Post in charakteristischen roten Umschlägen verschickt. Sobald ein Film zurückgesendet wurde, erhielten die Kunden den nächsten von ihrer Favoritenliste. Heute ist Netflix der mit Abstand größte Streamingdienst der Welt mit mehr als 300 Millionen zahlenden Abonnenten in 190 Ländern.
Doch jetzt endet eine Ära. In der Nacht zum Freitag teilte Reed Hastings, 65, mit, dass er sich nach 29 Jahren aus dem Unternehmen zurückziehen werde. Er werde sich bei der Hauptversammlung im Juni nicht zur Wiederwahl in den Verwaltungsrat stellen, teilte das Unternehmen in einem Brief an die Aktionäre mit. Hastings, der Multimilliardär ist, wolle sich künftig auf wohltätige Zwecke und andere Projekte konzentrieren, so hieß es weiter. Sein wichtigster Beitrag zum Erfolg von Netflix sei keine einzelne Entscheidung gewesen, schrieb Hastings: „Es war der Fokus auf die Freude der Kunden, der Aufbau einer Kultur, die andere übernehmen und weiterentwickeln konnten, und der Aufbau eines Unternehmens, das von den Kunden geliebt werden und gleichzeitig über Generationen hinweg außerordentlich erfolgreich sein konnte.“
Die Netflix-Aktie ging nach der Ankündigung jedenfalls erst mal um fast zehn Prozent nach unten. Die Anleger sind wegen des Rückzugs verunsichert. Kein Wunder, denn Hastings war immer die treibende Kraft hinter dem Erfolg von Netflix. Er war es, der den Marktwert des Unternehmens auf heute mehr als 450 Milliarden Dollar brachte, Netflix ist damit einer der wertvollsten Medienkonzerne der Welt. Der Name ist eine Kombination aus „net“ (Internet) und aus „flicks“, was umgangssprachlich für Filme oder Kino steht. Das Besondere: Hastings erfand das Unternehmen immer wieder neu, er hatte den Mut, die Strategie immer wieder radikal zu ändern. Dabei orientierte er sich, wie er selbst sagt, strikt daran, was die Kundinnen und Kunden wollen.
Netflix änderte die Sehgewohnheiten einer ganzen Generation
Zwei Jahre nach der Gründung übernahm er 1999 von seinem Partner den Chefposten und stellte schrittweise die DVD-Bestellung auf online um. Als dann die steigenden Übertragungsraten das Streaming von Filmen im Internet immer einfacher machten, verabschiedete er sich von der DVD und setzte konsequent auf das Online-Streaming, also auf im Internet abrufbare Videos. Daraus wurde am Ende eine Art Fernsehsender, und zwar der größte überhaupt.
Gleichzeitig investierte Hastings viel Geld in Eigenproduktionen, die genau den Geschmack der Kundschaft treffen sollten. Netflix wurde so weltberühmt mit Erfolgsserien wie „House of Cards“, „Stranger Things“, „Squid Game“, „Emily in Paris“ oder „Narcos“. Diese fanden ein Millionenpublikum und waren exklusiv bei dem Streamingdienst zu sehen, und zwar zunächst prinzipiell ohne Werbung. Netflix änderte damit die Sehgewohnheiten einer ganzen Generation – und stürzte das herkömmliche lineare Fernsehen in eine Krise.

Als die zunehmende Konkurrenz Netflix Probleme bereitete und die Abonnentenzahl stagnierte oder nicht mehr stark wuchs, stellte Hastings erneut alles Bestehende infrage. Er führte ein Netflix-Abo ein, bei dem die Filme durch Werbung unterbrochen werden und das deshalb deutlich günstiger war. Trotz anfänglicher Skepsis wurde der Strategiewechsel zu einem großen Erfolg, inzwischen gehört Netflix zu den großen Werbeplattformen weltweit. Gleichzeitig ist das Unternehmen konsequent gegen Schwarzseher vorgegangen, auch das war lange ein No-go.
Beim Programm änderte sich ebenfalls viel: Nicht mehr nur Filme und Serien sind heute bei Netflix zu sehen, auch Live-Ereignisse und Sport gibt es nun. Der Erfolg von Netflix ist ungebrochen. Für das laufende Quartal peilt Netflix ein Wachstum von währungsbereinigt zwölf Prozent an, wie das Unternehmen bekannt gab. Im Gesamtjahr sollen die Erlöse um bis zu 13 Prozent auf rund 51 Milliarden Dollar steigen, sagte Netflix-Vorstandschef Ted Sarandos.
Mit der jüngsten Milliarden-Schlappe habe der Rückzug von Hastings übrigens nichts zu tun, betonte Sarandos. Netflix wollte das US-Filmstudio Warner Bros. übernehmen und dafür die Rekordsumme von mehr als 80 Milliarden Dollar zahlen. Doch dabei kam Netflix der Konkurrent Paramount zuvor, hinter dem die Familie von Oracle-Gründer Larry Ellison steht, der eine große Nähe zu US-Präsident Donald Trump hat. Hastings habe den Deal mit Warner, der am Ende gescheitert ist, wie alle anderen immer befürwortet, sagte Sarandos. Und er fügte hinzu: „Entschuldigung, falls jemand hier auf eine Palastintrige gehofft hat.“

