LebensmittelNestlé ruft im großen Stil Babynahrung zurück

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Nestlé-Logo am Hauptsitz des Nahrungsmittelkonzerns in Vevey, Schweiz.
Nestlé-Logo am Hauptsitz des Nahrungsmittelkonzerns in Vevey, Schweiz. Denis Balibouse/REUTERS
  • Nestlé ruft im großen Stil Babynahrung der Marken Beba und Alfamino zurück, weil diese mit dem Toxin Cereulid verunreinigt sein könnten.
  • In Frankreich laufen Ermittlungen, ob der Tod zweier Säuglinge mit den zurückgerufenen Produkten in Zusammenhang stehen könnte.
  • Foodwatch kritisiert, dass der öffentliche Rückruf zu spät kam, obwohl bereits im Dezember Laborergebnisse eine Kontamination belegten.
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Droht dem Unternehmen die nächste Krise? Im vergangenen Jahr stolperte der Nestlé-Chef über eine Affäre. Nun wird ermittelt, ob Erkrankungen und Tod mehrerer Kinder mit kontaminierter Säuglingsnahrung in Zusammenhang stehen.

Von Nicolas Freund, Zürich

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Der Nestlé-Konzern kommt nicht zur Ruhe. Dabei sah es zuletzt so aus, als hätten sich die Wogen am Genfersee nach mehreren Turbulenzen in der Führungsetage etwas geglättet. Nun ruft das Unternehmen im großen Stil Säuglingsnahrung der Marken Beba und Alfamino zurück, weil diese mit dem Toxin Cereulid verunreinigt sein könnten. In der Pressemitteilung heißt es, Kinder sollen mit den Produkten nicht mehr versorgt werden. Eine genaue Liste der betroffenen Nahrungsmittel findet sich auf der Homepage von Nestlé.

Ein Grund für den Rückruf ist, dass der Grenzwert für Cereulid gesenkt wurde, wie es die EU-Lebensmittelbehörde EFSA empfohlen hat. Die Wissenschaftler der Behörde haben die noch als sicher erachtete Menge bei 0,014 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht festgelegt. Zuvor war von deutlich höheren Grenzwerten ausgegangen. Der Nachrichtenagentur Bloomberg zufolge arbeitet man bei Nestlé mit einem Wert von 0,2 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht, bei Danone sogar mit 0,4 Mikrogramm.

Eine zu hohe Dosis Cereulid kann Übelkeit und Erbrechen verursachen. Besonders für sehr junge Kinder kann anhaltendes Erbrechen lebensbedrohlich sein. Mehrere Kinder sollen in den vergangenen Wochen mit den entsprechenden Symptomen im Krankenhaus behandelt worden sein. In Frankreich laufen derzeit Ermittlungen, ob der Tod zweier Säuglinge mit den nun zurückgerufenen Produkten in Zusammengang stehen könnte. Bislang ist ein solcher Zusammenhang nicht nachgewiesen worden, ein Ergebnis der Untersuchungen wird aber erst in den kommenden Tagen erwartet. Zurückzuführen ist die Verunreinigung mit dem Toxin auf den Säuglingsnahrungsbestandteil Arachidonsäure-Öl eines chinesischen Zulieferers.

Bereits Ende Januar gab die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch bekannt, sie habe in Frankreich Klage gegen Nestlé und Danone eingereicht. Mehrere betroffene Familien haben sich der Klage angeschlossen. „Anstatt besorgte Eltern schnell und umfassend zu warnen, räumten Unternehmen und Behörden die verunreinigten Produkte oft still und heimlich aus den Regalen und versuchten, den Fall kleinzureden – das ist unverantwortlich“, wird der Geschäftsführer der Organisation in der Pressemitteilung zu der Klage zitiert. Foodwatch kritisiert, dass der öffentliche Rückruf zu spät gekommen sei. Bereits im Dezember hätten Laborergebnisse vorgelegen, „die eine Kontamination mit Cereulid belegten“. In Österreich und Deutschland soll es zunächst sogenannte stille Rückrufe gegeben haben, ohne öffentliche Warnungen.

Der Lebensmittelkonzern droht Foodwatch mit Klage

Nestlé hat laut Medienberichten seinerseits Foodwatch Falschbehauptungen vorgeworfen und droht mit rechtlichen Schritten. Die Rückrufe sollen einem Schreiben zufolge wenige Tage nach Bekanntwerden des Problems erfolgt sein und es gebe bislang keine Belege für einen Zusammenhang zwischen den entsprechenden Produkten und Erkrankungen. Unklar ist allerdings weiterhin, warum in manchen Ländern Rückrufe bereits im Dezember stattgefunden haben sollen, in anderen erst jetzt.

So oder so wird der Fall für Nestlé-Chef Philipp Navratil zur Bewährungsprobe. Für Nestlé hat die Babynahrung symbolische Bedeutung. Das Logo des Unternehmens zeigt einen Vogel mit seinen Jungen im Nest. Henri Nestlé baute das Unternehmen im 19. Jahrhundert auf dem Erfolg seines „Kindermehls“ auf, einem Milchfertigprodukt für Säuglinge. Allein der Verdacht, der Konzern könnte kontaminierte Babynahrung verkauft und auf das Problem nicht sofort angemessen reagiert haben, kann für den Ruf des Konzerns verheerend sein.

Die Aktie von Nestlé war bereits nach dem ersten Bekanntwerden des Problems in anderen europäischen Ländern gefallen, hat sich inzwischen aber wieder erholt. Möglicherweise steht der große Absturz aber erst noch bevor, falls die französischen Ermittlungen einen Zusammenhang zwischen der kontaminierten Babynahrung und den Erkrankungen oder sogar den Todesfällen feststellen.

Navratil war angetreten, um den Konzern neu zu strukturieren und andererseits für Ruhe zu sorgen. Seinem Vorgänger Laurent Freixe war eine Affäre mit einer ihm unterstellten Mitarbeiterin vorgeworfen worden, er soll dazu mehrfach falsche Angaben gemacht haben. Im vergangenen Sommer musste er den Posten räumen. Dabei war er selbst erst ein Jahr zuvor angetreten, um den Aktienkurs des Unternehmens zu stabilisieren, was seinem Vorgänger nicht gelungen war. Kurz nach Freixe ging dann im vergangenen Jahr auch noch Verwaltungsratspräsident Paul Bulcke, der die beiden gescheiterten Vorstandschefs eingesetzt hatte. Die Hoffnung des Unternehmens und der Aktionäre ruhten seitdem auf Navratil. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob er ihnen gerecht werden kann.

Korrektur: In einer früheren Version hieß es, der Grenzwert für Cereluid sei in Frankreich gesenkt worden. Vor der Empfehlung der EFSA gab es aber gar keinen offiziellen Grenzwert in Frankreich. Wir haben das korrigiert.

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