Negativzinsen:Die Turner zur Kasse, bitte

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Sportverein Pfeffersport e.V

Manche Sparkassen erlassen gemeinnützigen Vereinen den Grundpreis für die Kontoführung, um sie zu unterstützen. Verwahrentgelte müssen sie meist aber trotzdem zahlen.

(Foto: Britta Pedersen/dpa)

Banken verlangen auch von gemeinnützigen Vereinen Negativzinsen, etwa die Stadtsparkasse München. Ein Kassenwart fragt sich: Muss das wirklich sein? Über einen Brief und seine Folgen.

Von Thomas Öchsner

Die Freie Turnerschaft München-Schwabing hat seit 45 Jahren ein Konto bei der Stadtsparkasse München. "Das ist eigentliche eine gute, langjährige Geschäftsbeziehung", sagt der Kassenwart des Vereins, Rene Dorfeld. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte es auch so bleiben können. Nun aber hat die Beziehung einen Knacks bekommen. Schuld daran sind die Negativzinsen, die die viertgrößte Sparkasse Deutschlands nicht nur von diesem gemeinnützigen Verein verlangt. Dorfeld, von Beruf selbst Banker und in seiner Freizeit der Geldverwalter bei der FTM Schwabing mit etwa 700 Mitgliedern, hat dafür überhaupt kein Verständnis. "Das ist das falsche Signal für die vielen Menschen hier, die sich ehrenamtlich in dem Verein engagieren und den Breitensport am Laufen halten, egal ob Volleyball, Badminton, Turnen oder Fußball."

Der Ärger begann, als die Stadtsparkasse Anfang des Jahres für das sogenannte Verwahrentgelt den Freibetrag für Geschäftskonten wie die vom FTM Schwabing von 250 000 Euro auf 100 000 Euro senkte. 250 000 waren für den Verein kein Problem, diese Grenze war stets unterschritten. Die 100 000 Euro aber schon, wenn die jährlich gezahlten Mitgliedsbeiträge auf einen Schlag auf dem Konto landen.

Dorfeld versuchte deshalb zunächst mit dem Betreuer des Vereinskontos bei der Stadtsparkasse zu reden. Der konnte nicht helfen, wegen der Direktiven von oben. Also schrieb Dorfeld zusammen mit dem Vereinsvorsitzenden an den Chef der Stadtsparkasse, Ralf Fleischer, einen Brief. Darin wies er darauf hin, dass Sparkassen ja laut Definition gemeinnützige Kreditinstitute seien, "die originär nicht nach dem Wirtschaftsprinzip der Gewinnerzielung arbeiten, sondern in erster Linie gesetzlich festgelegte Aufgaben (öffentlicher Auftrag) haben". Aber nicht nur deshalb kritisiert der Kassenwart die Negativzinsen für gemeinnützige Vereine. Dorfeld kann auch nicht nachvollziehen, warum die Stadtsparkasse erst Verwahrentgelte bei Münchner Vereinen kassiert, dann Jahr für Jahr Millionengewinne an die Stadt München ausschüttet, und diese wiederum über die Sportförderung Geld an die Vereine ausschüttet.

"Wir sind nicht mit vermögenden Privatpersonen gleichzusetzen", schreibt der Vereinsvorstand

2020 erzielte die Stadtsparkasse ein Jahresergebnis von 35 Millionen Euro. Der Vereinsvorstand der FTM Schwabing fragt deshalb in seinem Schreiben: "Sind die Verwahrentgelte von gemeinnützigen Vereinen entscheidend für eine der größten Sparkassen?" Für die Vereine hingegen sei schon jeder Euro wichtig. "Jede finanzielle Belastung des Vereins führt zu höheren Mitgliedsbeiträgen oder einem verminderten Angebot an Aktivitäten des Vereins", argumentiert der Vorstand in dem Brief. Die Antwort vom Mitarbeiter des "Qualitätsmanagements" fiel lapidar aus: Die Stadtsparkasse erlasse gemeinnützigen Vereinen den Grundpreis für die Kontoführung, es sei ihr ein Anliegen, gemeinnützige Vereine zu unterstützen. Das Verwahrentgelt müsse man aber weiter berechnen.

Das Münchner Geldinstitut ist dabei keine Ausnahme. Insgesamt berechnen nach Angaben des Verbraucherportals biallo.de bereits 525 Banken und Sparkassen in Deutschland Negativzinsen auf private Guthaben. Im Firmenkundengeschäft sind es 553 Institute. Im laufenden Jahr haben demnach knapp 270 Banken und Sparkassen ein Verwahrentgelt für Guthaben auf dem Tagesgeld- oder Girokonto eingeführt, wobei die Freibeträge zuletzt deutlich gesunken sind. Eine Umfrage von biallo.de im Auftrag der Süddeutschen Zeitung bei etwa einem Dutzend großen Sparkassen und Genossenschaftsbanken in Deutschland ergab nun: Fast alle kassieren auch bei gemeinnützigen Vereinen Negativzinsen oberhalb der jeweiligen Freibeträge.

Die Stadtsparkasse teilte auf Anfrage der SZ mit: Auch wenn es "nicht das oberste Ziel der Sparkassen ist, Gewinne zu maximieren, müssen wir im kaufmännischen Sinne vernünftig agieren". Beim Verwahrentgelt müsse man alle Kunden und somit auch Vereine gleichbehandeln. "Uns ist es aber sehr wohl bewusst, welche gesellschaftliche Bedeutung Vereine, egal ob Sport, Kultur oder zu karitativen Zwecken, haben. Daher ist es für uns als Sparkassen mit dem genannten öffentlichen Auftrag von sehr hoher Bedeutung, diese Vereine auch durch Spenden und Sponsorings zu unterstützen." So hätten im vergangenen Jahr alleine in Bayern Sparkassen fast 40 Millionen Euro für gemeinnützige Zwecke und Einrichtungen bereitgestellt.

Kassenwart Dorfeld hat trotzdem einen anderen Weg eingeschlagen. Dass sein Verein etwa 50 Euro an Negativzinsen an die Stadtsparkasse - neben den jährlichen Gebühren von 200 bis 300 Euro für bestimmte Arbeitsposten wie Lastschriften, Überweisungen oder Daueraufträge - zahlen musste, konnte er nicht mehr verhindern. Aber inzwischen hat der FTM Schwabing wie andere Münchner Vereine auch, die Vereinsguthaben auf mehrere Konten bei verschiedenen Geldinstituten verteilt. Damit liegt man nun unter den jeweiligen Freibeträgen und muss zumindest keine Negativzinsen mehr zahlen. Dorfeld ärgert sich aber immer noch. Er fordert, dass gemeinnützige Geldinstitute wie Sparkassen von gemeinnützigen Vereinen überhaupt keine Negativzinsen erheben sollten, und sagt: "Wir sind eben nicht mit vermögenden Privatpersonen und gewinnorientierten Unternehmen gleichzusetzen."

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