Pipers Welt:Die Pflichtversicherung muss kommen

Pipers Welt: An dieser Stelle schreibt jeden zweiten Freitag Nikolaus Piper. Illustration: Bernd Schifferdecker

An dieser Stelle schreibt jeden zweiten Freitag Nikolaus Piper. Illustration: Bernd Schifferdecker

Der Klimawandel macht es unabdingbar, sich auf Naturschäden besser vorzubereiten. Doch die Anreize müssen stimmen.

Von Nikolaus Piper

Sicher, der Klimawandel ist nicht unmittelbar schuld an der Hochwasser-Katastrophe dieses Sommers in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. Aber die Erderwärmung wird dazu führen, dass solche Katastrophen häufiger auftreten. Die Risiken der Natur ändern sich und werden schwerer kalkulierbar. Die alarmierenden Bilder aus den verwüsteten Gemeinden in der Eifel machen jedem klar, was das bedeutet.

Dabei geht es nicht nur um unmittelbare Hilfe für die Flutopfer, sondern auch um langfristige Konsequenzen: Renaturierung von Flussläufen, Hochwasserschutz und Warnsysteme, deren Botschaften die Betroffenen auch verstehen und ernst nehmen. Und es wird darum gehen, für materielle Schäden besser vorzusorgen. Daher diskutieren jetzt Politiker, Wissenschaftler und Lobbyisten, ob nicht alle Hausbesitzer verpflichtet werden sollten, sich nicht nur gegen Feuer und Sturm, sondern auch gegen Wasserschäden zu versichern. Muss es also in Deutschland, wie heute schon in Frankreich, eine obligatorische Elementarschadenversicherung geben?

Die Frage, ob und wie Menschen oder Sachen versichert werden sollen, gehört zu den zentralen Themen der Ökonomie. Der britische Historiker Niall Ferguson schreibt: "Die Geschichte des Managements von Risiken ist ein langer Kampf zwischen unserem vergeblichen Verlangen nach finanzieller Sicherheit (in der Zukunft) und der harten Realität, dass es so etwas wie 'eine Zukunft' im Singular nicht gibt. Es gibt nur verschiedene, unvorhersehbare Zukünfte, die niemals aufhören werden, uns unvorbereitet zu treffen." Gute Versicherungen standen am Beginn des europäischen Wohlfahrtsstaates - von den Witwen- und Waisenkassen im Schottland des 17. Jahrhunderts bis zur Sozialversicherung und den Allgemeinen Ortskrankenkassen im Deutschen Reich.

Gute Versicherungen sind auch nötig, um mit wachsenden Naturrisiken umzugehen. Was schlechte Versicherungen anrichten können, zeigte sich im August 2005, als der Hurrikan Katrina und die folgende Flut weite Teile der Stadt New Orleans verwüsteten. Mit 60 Milliarden Dollar versicherter Schäden war Katrina die teuerste jemals erfasste Naturkatastrophe (in Deutschland sollen es dieses Jahr mindestens fünf Milliarden Euro sein). Drei Viertel der Gebäude von New Orleans waren beschädigt oder zerstört.

Das Problem dabei: Sturmschäden wurden von privaten Unternehmen versichert, um Flutschäden kümmerte sich eine staatliche Versicherung. Was zur Folge hatte, so schreibt Ferguson in seinem Buch The Ascent of Money, dass nach dem Unglück Tausende von Versicherungsagenten durch die betroffenen Bundesstaaten Louisiana und Mississippi zogen. "Ihr Job war es nicht, den Versicherten zu helfen, sondern um eine Zahlung herumzukommen, indem sie behaupteten, die Schäden stammten von der Flut und nicht vom Sturm". Am Ende musste der amerikanische Staat 109 Milliarden Dollar zahlen, dreimal so viel wie die geschätzten Verluste der Versicherungen. Weite Teile der Golfküste galten danach als unversicherbar, besonders jene Gemeinden, in denen viele Arme wohnten.

Immerhin habe die Branche nach Katrina "wesentliche Lektionen gelernt", sagt Ernst Rauch, Chef-Klimatologe und -Georisikoforscher des Rückversicherers Munich Re. Dazu gehörten Fortschritte bei der Modellierung tropischer Wirbelstürme und der Prävention, etwa durch bessere Deiche, Sperren und Pumpen, stabilere Bauten und Ausgleichsflächen. "Wesentlich ist eine verbesserte physische und finanzielle Widerstandsfähigkeit gegen solche Stürme und damit verbundene Überschwemmungen."

Bisher muss der Staat bei Katastrophen immer mit sehr viel Geld helfen - nicht sehr effizient

Nun hat Starkregen in der Eifel trotz allem eine viel geringere Zerstörungskraft als ein Wirbelsturm im Golf von Mexiko. Die Prämien für die Versicherung von Elementarschäden machen in Deutschland daher nur ein Zehntel von dem aus, was etwa in Florida zu zahlen wäre. Aber Risiken und Kosten werden wachsen. Die Flut dieses Jahres ist die schlimmste Naturkatastrophe in Deutschland seit der Hamburger Sturmflut von 1962. Bundesweit sind nur 46 Prozent der Gebäude gegen Hochwasserschäden versichert. Es spricht also viel dafür, jetzt zu handeln und die Elementarschadenversicherung verpflichtend zu machen.

Über Details lässt sich dann trefflich streiten. Soll die Versicherung "solidarisch" sein, in dem Sinne, dass jeder Eigentümer die gleiche Prämie zahlt, unabhängig davon, wie hoch sein konkretes Risiko ist? Nein, sagt Ernst Rauch von Munich Re: "Die Prämien dürfen nicht alle gleich sein, sondern müssen den unterschiedlichen Risiken entsprechen. Sonst gibt es Fehlanreize".

Daniel Osberghaus, Ökonom am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim, fordert einen "strategischen Ansatz" für den Umgang mit Naturrisiken. Bisher müsse der Staat bei Katastrophen immer mit sehr viel Geld helfen - wie jetzt in Westdeutschland. Das sei aber nicht unbedingt effizient. Zudem sehe sich der Staat dabei gefangen im "Dilemma des Samariters". Der Begriff stammt von dem amerikanischen Nobelpreisträger James Buchanan und bezeichnet eine Situation, in der jemand in bester Absicht einem Bedürftigen hilft, diesem aber dadurch den Anreiz nimmt, sich selbst zu helfen.

Osberghaus plädiert für eine Pflichtversicherung für alle. Sie müsse einen Selbstbehalt enthalten und verpflichtend für beide Seiten sein: Die Versicherer dürfen niemanden ablehnen. Dazu muss es einen Katastrophenfonds geben, der aus Steuermitteln finanziert wird. Der würde Teile der Schäden bei bestehenden Gebäuden in Hochrisikozonen übernehmen, zum Beispiel in der Passauer Altstadt. "Sonst wären die Gebäude dort unversicherbar und müssten aufgegeben werden. Das will ja keiner."

© SZ/pauw
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