Süddeutsche Zeitung

Rohstoffgeschäfte der Deutschen Bank:"Das Thema Nahrungsmittel darf nicht fahrlässig behandelt werden"

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Die Deutsche Bank hat nach eigener Aussage keinen Nachweis für negative Auswirkungen von Spekulationen mit Nahrungsmitteln gefunden. Sie will das umstrittene Geschäft weiter betreiben. Bärbel Dieckmann, Präsidentin der Welthungerhilfe, über den Sinn solcher Anlagen und die Folgen für die Menschen in ärmeren Regionen.

Von Hans von der Hagen

Am vergangenen Wochenende kündigte Deutsche-Bank-Chef Jürgen Fitschen überraschend an, dass sein Institut die Spekulation mit Nahrungsmitteln fortsetzen wolle. Nach Protesten hatte das größte deutsche Geldinstitut das Geschäft mit Anlageprodukten auf Basis von Agrarrohstoffen im vergangenen Jahr vorerst ausgesetzt. Eine Prüfung habe nun aber "keinen Nachweis gefunden, dass die Spekulation für die Preisentwicklung verantwortlich ist". Bärbel Dieckmann, Präsidentin der Welthungerhilfe, ist enttäuscht über die Entscheidung. Sie fordert mehr Transparenz und festgeschriebene Gesetze für das Geschäft mit Nahrungsmitteln.

SZ.de: Deutsche-Bank-Chef Fitschen hat angekündigt, nach kurzer Unterbrechung wieder am Geschäft mit Finanzprodukten auf Agrarprodukte teilzunehmen. Enttäuscht Sie das?

Bärbel Dieckmann: Ich war überrascht, als Herr Fitschen sagte, das sei jetzt beschlossen worden. Ich hatte gehofft, dass die Deutsche Bank ihre zurückhaltende Position beibehalten würde. Das Thema Nahrungsmittel darf nicht fahrlässig behandelt werden. 870 Millionen Menschen in der Welt hungern.

Die Bank behauptet, es gebe "kaum stichhaltige empirische Belege" dafür, dass die Spekulation auf Nahrungsmittel die Preise treibt. Macht es sich das Institut zu leicht?

Es gibt natürlich unterschiedliche Untersuchungen, aber darunter eben auch ernstzunehmende Studien der Weltbank, der OECD oder UNCTAD, die bestätigen, dass die Spekulationen zumindest Auswirkungen auf die Volatilität der Preise haben. Darüber hinaus wird deutlich, dass Preisschwankungen des Weltmarktes auf den lokalen Märkten ankommen.

Was bedeutet das?

Dass sich die Schwankungen der Preise vergrößern. Durch Spekulationen können sich solche Entwicklungen verstärken. Wenn es zum Beispiel in der Situation einer Dürre zu Preisspitzen kommt, bedeutet das immer einen Anstieg von Hunger. Denn gerade dann müssen Kleinbauern kaufen. Besonders schwierig ist es für Länder und Regionen, in denen wenig angebaut wird und die darum auf den Kauf von Nahrungsmitteln etwa aus dem Ausland angewiesen sind.

Spekulation ist ein diffuses Wort. Um welche Summen geht es?

Der Handel mit Derivaten auf Agrarrohstoffe ist von rund neun Milliarden Dollar 2003 auf 99 Milliarden Dollar im Jahr 2011 gestiegen. Daran kann man gut erkennen, dass es nicht nur um traditionelle Termingeschäfte geht, sondern auch um Spekulation.

Nicht nur die Bank, auch Wissenschaftler sagen, es sei schwierig, die Effekte von Spekulationsgeschäften auf die Nahrungsmittelpreise zu belegen. Wie soll eine Diskussion geführt werden, in der Mutmaßungen dominieren?

Deshalb fordern wir, dass vor allem Maßnahmen ergriffen werden müssen, die die Geschäfte mit den Rohstoffen an den Börsen transparenter machen.

Für die Bauern birgt es ja auch Vorteile, wenn die Preise steigen ...

Wir sind nicht grundsätzlich gegen steigende Preise. Sie können für all jene Menschen, die ihre Produkte auf den Märkten verkaufen, sinnvoll sein. Wenn die Gewinne jedoch nicht bei den Landwirten, sondern nur in der Finanzbranche landen, sollte man von solchen Geschäften Abstand nehmen.

"Das bedeutet zunehmende Not"

An dem einen Tag ist zu hören, dass Biosprit die Preise treibt, am nächsten Tag sind es die Spekulanten, dann wieder ist die Nahrungsmittelknappheit insgesamt schuld.... und plötzlich heißt es, dass die Hälfte aller Lebensmittel weggeworfen wird. Überschätzt man da nicht die Macht der Spekulanten?

Die Zusammenhänge sind in der Tat kompliziert. Es gibt verschiedene Ursachen für Preissteigerungen. Und dazu gehört auch das Verhalten der Finanzmärkte.

Inwieweit wird die Arbeit der Welthungerhilfe von den Preisschwankungen bei Lebensmitteln berührt?

Unsere Organisation ist vor allem dann betroffen, wenn wir in der Nothilfe Lebensmittel kaufen müssen. Aber auch darüber hinaus. Wir sind in der Landwirtschaft aktiv, das heißt, wir unterstützen Menschen, Nahrungsmittel zu produzieren. Selbst in der Nothilfe versuchen wir, Lebensmittel möglichst nah bei der betroffenen Region zu kaufen. Ansonsten könnten die Importe örtlich zu einem Preisverfall führen.

Die Preisschwankungen treffen dann aber die Menschen, für die Sie arbeiten?

Wir arbeiten nur in Gebieten, die stark von Armut geprägt sind. Viele Bauern müssen zu dem Selbstproduzierten zukaufen. Wenn diese Bauern 70 bis 80 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel benötigen, ist eine Preiserhöhung um zehn Prozent ein großes Problem. Das kann man zum Beispiel daran sehen, dass kein Geld mehr für die Medikamente der Kinder da ist. Aber auch hierzulande ist eine zehnprozentige Preiserhöhung für Menschen mit geringen Einkommen ein Problem. Darum gibt es in Deutschland so viele Tafeln.

Kommt es am Ende nicht auch dem Nahrungsmittelsektor zu Gute, wenn Investoren dort so viel Geld anlegen?

Private Investitionen können die Situation der Menschen verbessern. Aber wenn nur Land für wenig Geld gekauft oder einfach weggenommen wird, ohne dass sich die Einkommenssituation der Menschen in der jeweiligen Gegend verbessert, wenn nur für den Export produziert wird und die Gewinne nicht bei denen bleiben, die ursprünglich das Land bewirtschaftet haben, dann bedeutet das für die Menschen zunehmende Not. Darum wollen wir, dass die bestehenden freiwilligen Richtlinien, wie die der Welternährungsorganisation FAO, in Gesetze gegossen werden. Bei Beachtung dieser Regeln können private Investitionen sehr sinnvoll sein. Hierzulande erwartet ja auch jeder, dass die Rechte der vom Kauf Betroffenen gewahrt werden. Das muss genauso in Entwicklungsländern gelten.

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