Nahrungsmittelindustrie Regelmäßige Schlagzeilen, wachsender Erfolg

Ein skandalumwittertes Beispiel ist ein Konzern, dessen Produkte vermutlich in fast jedem Kühlschrank zu finden sind: die Unternehmensgruppe Theo Müller. Dazu gehören Namen wie Homann und Nadler, Weihenstephan, Nordsee und natürlich Müller Milch. Das Unternehmen beliefert verschiedene Discounter, unter ihnen die beiden Riesen Aldi und Lidl, mit Molkereiprodukten. In den vergangenen Jahren hat die Müller-Gruppe mit zuverlässiger Regelmäßigkeit immer wieder für Schlagzeilen gesorgt, Prozesse geführt und manchmal auch gewonnen. Nicht alle Anschuldigungen waren gerechtfertigt.

  • Im Jahr 2004 begann die Debatte um Gen-Milch. Greenpeace warf dem Unternehmen vor, die Milchkühe einiger Lieferanten bekämen gentechnisch verändertes Futtermittel und belegte dies anhand von Stichproben. Müller Milch bestritt das nicht und verwies lediglich auf die Verantwortung der Landwirte. Seither darf Greenpeace im Zusammenhang mit Müller von "Gen-Milch" sprechen. Trotz Kritik, dass es sich dabei um Verbraucher-Täuschung handle, weil der Begriff suggeriere, an der Milch selbst habe es gentechnische Veränderungen gegeben, hat der Bundesgerichtshof im Jahr 2008 den Begriff weiter erlaubt.
  • Im Jahr 2005 zettelte der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) eine Diskussion darüber an, ob die Müller Gruppe zu Unrecht Subventionen vom Staat erschleiche. Die Anschuldigung des BUND: Durch den Bau einer neuen Produktionsstätte habe das Unternehmen zwar neue Stellen geschaffen - eine der Voraussetzungen für den Erhalt von Subventionen - dafür seien an einem anderen Standort aber gleichzeitig noch mehr Arbeitsplätze abgebaut worden. Zu einer Anzeige kam es zwar nie, ein fader Beigeschmack aber blieb.
  • Negative Schlagzeilen machte Müller Milch im Jahr 2008, als es um die Bezahlung der Milchbauern ging. Die Molkerei soll versucht haben, Hunderte Landwirte unter Druck zu setzen und so die Verhandlungen über die Milchpreise zu beeinflussen. Die Bauern lehnten sich gegen die Taktik der Molkerei auf, mit vielen Landwirten kam es zum Bruch.
  • Immer wieder wurde kritisiert, dass auf Produkten aus Weihenstephan lange Zeit die Bezeichnung "Staatliche Molkerei Weihenstephan" zu lesen war - obwohl das Unternehmen bereits im Jahr 2000 von der Müller-Gruppe aufgekauft worden waren. Stichwort: irreführende Markenbezeichnung.

Eine beachtliche Liste fragwürdigen Verhaltens. Der Müller Group scheint das jedoch nicht geschadet zu haben, genauso wenig wie einem anderen Großkonzern, dessen Chef sich fragwürdig verhalten hat, aber dafür ebenfalls kaum abgestraft wurde. Im Herbst vergangenen Jahres hat Nudel-Unternehmer Guido Barilla erklärt, warum er keine Schwulen in seiner Werbung haben will: weil er die "traditionelle" Familie unterstütze. Wenn nicht die Gesundheit der Konsumenten auf dem Spiel steht, wenn es als nur um Fragen geht, wie sie sich etwa auch bei Kleidung oder anderen Konsumgütern stellen, dann zeigt der Verbraucher seine phlegmatische Seite.

Festhalten an Einkaufsgewohnheiten

Warum tun wir nichts? Glaubt man Gerd Billen, dem früheren Chef der Bundesverbraucherzentrale, haben die Verbraucher viel Macht. Vielleicht sogar genug Macht, etwas zu ändern. Einkaufsentscheidungen wirken sich oft unmittelbar auf den Handel aus; nur sind die Entscheidungen selten konsequent genug, "die allermeisten von uns fallen in ihre traditionellen Einkaufsgewohnheiten zurück", sagt Billen.

Bei der BSE-Krise und dem Dioxin-Skandal gab es heftige Reaktionen, die der Verbraucher aber nur kurz durchhielt. Warum gelingt es den Menschen nicht, ihr Verhalten nachhaltig zu ändern. Zum einen, weil die Verantwortlichen tatsächlich reagieren und die Situation sich verändert. Zum anderen, weil die Verantwortlichen Besserung geloben und wir Verbraucher das dankbar annehmen, um unsere liebgewonnenen Gewohnheiten wieder ungestört weiterleben zu können.

Angesichts des undurchschaubaren Systems dieser Lebensmittelwelt ist eines der größten Probleme am Projekt Veränderung aber vermutlich die Frage: wo anfangen? Es würde helfen, wenn es eine zentrale vertrauenswürdige Stelle gäbe, die uns über Herkunft und Qualität von Lebensmitteln aufklären könnte; über die Marken die dahinter stecken; die Produktionsweisen. Gibt es aber nicht, zumindest noch nicht. Also müssen wir selbst entscheiden.

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