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Nahaufnahme:Vereinte Einzelkämpfer

"Wir leben in einer Wissensgesellschaft, aber scheinen festzuhängen in dem Arbeitsverständnis von fabrikartigem Industriekapitalismus", meint Catharina Bruns.

(Foto: Sophie Pester)

Catharina Bruns vernetzt Selbständige. Denn: In der Corona-Krise sieht sie sich in ihrer Einschätzung bestätigt, dass es mit dem Ansehen der Freiberufler nicht weit her ist.

Von Felicitas Wilke

Catharina Bruns hat ihr Ziel erreicht, jedenfalls fast. Vergangenen Donnerstag motivierte sie ihre Follower auf Twitter noch- mal, sich für die Online-Petition des Deutschen Bundestages einzutragen. Man wolle die 60 000 Unterzeichner "vollmachen". Das hat am Ende zwar nicht ganz geklappt, doch 58 485 Unterstützer sind 8485 genug, damit sich der Petitionsausschuss des Parlaments mit dem Anliegen befasst, das Bruns und andere Selbständige hierzulande seit Monaten beschäftigt.

Zwar können Freiberufler und Solo-Selbständige während der Corona-Krise die Soforthilfe von Bund und Ländern beantragen, allerdings beschränken sich die Finanzspritzen des Bundes auf Betriebsausgaben wie Büromiete oder Leasingraten. Das ärgert Betroffene, Selbständigenverbände und Aktivistinnen wie Bruns. "Wir leben längst in einer Wissensgesellschaft, aber scheinen festzuhängen in dem Arbeitsverständnis von fabrikartigem Industriekapitalismus", sagt sie. Die Initiatoren der Petition wollen, dass Betroffene das Geld künftig auch verwenden dürfen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Bislang geht das nur in einzelnen Ländern wie Baden-Württemberg. "Die Soforthilfe muss für alle nutzbar gemacht werden", fordert Bruns, die seit Wochen um Unterschriften für die Petition geworben hatte.

Die 40-Jährige war, wie die meisten Menschen hierzulande, mal bei einem Unternehmen angestellt, arbeitete im Marketing bei einem Internetkonzern. "Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass ich selbstbestimmt arbeiten möchte und mich in den Bereichen weiterentwickeln will, in denen ich es für richtig halte", sagt Bruns. Sie schrieb zwei Bücher über Arbeit und Unternehmergeist, gründete eine Beratung für Selbständige und die Kontist-Stiftung, mit der sie sich für die gesellschaftliche Anerkennung von Menschen einsetzt, die ihre eigenen Chefs und Chefinnen sind.

Während der Corona-Krise sieht sich die Unternehmerin in ihrer Einschätzung bestätigt, dass es mit dem Ansehen von Selbständigen hierzulande nicht weit her sei. Denn obwohl die Wirtschaftsminister der Bundesländer schon vor fast drei Monaten forderten, für Freiberufler einen pauschalen Betrag für die Deckung der Lebenshaltungskosten bereitzustellen, bleibt die Bundesregierung bei ihrer Linie. Erst kürzlich erklärte Kanzleramtsminister Helge Braun, es wäre schlicht nicht gerecht, wenn Inhaber großer Unternehmen von der Sofort- und Überbrückungshilfe keine Lebenshaltungskosten bestreiten dürften - und Solo-Selbständige schon.

Stattdessen erleichterte die Bundesregierung für die Betroffenen schon zu Beginn der Corona-Krise den Zugang zur Grundsicherung und setzte die sonst notwendige Vermögensprüfung weitgehend aus. Das bedeutet für viele Menschen, die in normalen Zeiten gut beschäftigt waren, aber auch, plötzlich Post vom Jobcenter zu bekommen. "Viele Betroffene empfinden das als zynisch, weil sie weder arbeitssuchend sind noch vermittelt werden wollen", sagt Bruns. Sie wolle keinen Selbständigen aus der Verantwortung nehmen, Rücklagen zu bilden und das eigene Geschäftsmodell schwierigen Situationen anzupassen, sagt Bruns. "Aber wenn der Staat, wenn auch aus guten Gründen, die Existenzgrundlage entzieht, dann muss er wirksam überbrücken."

Auch mithilfe der erfolgreichen Petition hoffen Catharina Bruns und ihre Mitstreiter, die Bundesregierung doch noch umzustimmen. Vor allem von der FDP, aber auch von den Grünen fühlt sie sich bestärkt. Und von anderen Selbständigen: Der Ärger über die Soforthilfe habe bewirkt, dass sich Selbständige besser vernetzen. Sie spricht von viel gegenseitigem Verständnis und Solidarität. "Darauf aufzubauen, freue ich mich."

© SZ vom 29.06.2020
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