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„Firmen möchten jetzt die guten Leute halten. Diese müssen aber auch sehen, dass das Management es wert ist“, sagt Katja Nagel.

(Foto: oh)

Chefs und Topmanager stehen vor harten Entscheidungen. Wie Unternehmensberaterin Katja Nagel die Krise erlebt.

Von Hendrik Munsberg

Katja Nagel, 56, ist Chefin einer Münchner Unternehmensberatung, und sie mag Wale. Wieso? Die Meeresriesen haben eine besondere Begabung, sie können Hunderte verschiedene Laute erzeugen, mit denen sie sich untereinander verständigen. Bartenwale kommunizieren mit Artgenossen locker über Distanzen von 250 Kilometern. Buckelwale nutzen ganz eigene Gesänge, je nachdem, ob sie im Atlantik oder im Pazifik leben; brächte man sie in einem Bassin zusammen, würden sie sogar voneinander lernen - so wie Menschen Fremdsprachen.

Solche Verständigungskunst gefällt Katja Nagel, deren Mutter Griechin ist, ihr Vater ist Deutscher. Das Beratungsunternehmen, das sie vor 14 Jahren gründete und bis heute als Geschäftsführerin leitet, nannte sie Cetacea - das ist der zoologische Gattungsbegriff für Wale und Delfine.

Kommunikative Begabung ist für Beratungsfirmen wie Nagels Cetacea besonders wichtig - gerade in Zeiten von Corona. Überall im Land gibt es jetzt Unternehmen, die schwer getroffen sind von der Krise, die eine tiefe Rezession erwarten. Allerorten herrschen Angst und Unsicherheit, wird Kurzarbeit beantragt, werden Stellenabbaupläne und Krisenszenarien geschrieben. Chefs und Topmanager stehen vor harten Entscheidungen, Mitarbeiter bangen um ihre Jobs. Viele sitzen seit Wochen im Home-Office, oft mit Kindern, alle eint die Sorge: Wie geht es weiter?

Günstige Zeiten für Unternehmensberater? "Ja und nein", sagt Nagel, "Unternehmen brauchen Rat, erst recht in Krisen wie diesen, aber sie müssen auch schauen, was sie sich leisten können". 30 feste Berater arbeiten für Cetacea, dazu kommen etwa 30 freie Kollegen. Sie alle sind trainiert, Firmen in "special situations", in Sondersituationen, beizustehen. Schon immer ging es dabei um "Umstrukturierung", "Post-Merger-Integration" oder "strategische Neuausrichtung" - so nennen Unternehmensberater derartige Umbrüche in ihrem oft herzlosen Jargon. Nun geht es nur um eine Frage: Wie schlimm werden die Folgen dieser Krise? Keiner weiß es, alle schwimmen.

Katja Nagel ist jetzt auf eines bedacht: ihre Truppe zusammenzuhalten. Alle "Routinen" sind weggebrochen - die Fahrt ins Büro, die Meetings, der Jour fixe. Jeden Tag um 17 Uhr ruft Nagel nun ihre Mitarbeiter per Videocall zusammen. Dann wird besprochen, welche Probleme und welche Lösungen es gibt. "Dass man sich dabei sieht", so Nagel, "ist wichtig" - für Mitarbeiter und für Führungskräfte. Es entstehe "eine andere Nähe, wenn wir uns nicht nur auf unsere Stimme verlassen müssen".

Auch Unternehmensberater kommen in solchen Zeiten nicht ungeschoren davon, das kennt Nagel bereits aus der Finanzkrise. Für sie sei diese Erfahrung heute "heilsam, dass man weiß, wovon man spricht." Zum Glück habe Cetacea Großmandate, die weiterlaufen. "Ich war", sagt Nagel, die bei Siemens und der Telekom früh Karriere machte, "in meinem Leben schon alles: Mitarbeiterin, Führungskraft und Topmanagerin". Ihre Erkenntnis: "Pragmatisch gesehen, möchten Firmen jetzt die guten Leute halten". Diese müssten aber "auch sehen, dass das Management es wert ist".

Gefragt seien nun Chefs mit "emotionaler Intelligenz", die "Mut haben, der Realität ins Auge sehen und sagen: Jetzt packen wir das an". Es gebe aber auch Manager, die sich "eingraben, wenn die Lage schwierig ist", die Hilfe benötigen, um "die Deutungshoheit über die Krise" zu gewinnen.

Billig sind die Cetacea-Berater jedoch nicht. In der Branche liegen die Stundenhonorare zwischen 100 und 700 Euro. "Wir gehören nicht zu den teuersten", sagt Nagel. Gerade hat sie 200 Firmen per Brief ein kostenloses Beratungsgespräch angeboten. In der Welt der Wale würden nun bestimmt einige antworten. Aber: Können Wale auch rechnen?

© SZ vom 07.04.2020
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