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Nahaufnahme:Schnell in der Krise

Julia Braunmüller: "Wenn die Insolvenzwelle kommen sollte, sind wir startklar."

(Foto: privat)

Julia Braunmüller, 31, ist Teamleiterin in der Agentur für Arbeit in Augsburg. Als viele Unternehmen wegen der Pandemie Kurzarbeit anmeldeten, mussten sie und ihr Team auf einmal über viele Millionen Euro entscheiden.

Von Viktoria Spinrad

Im März gingen plötzlich täglich Hunderte Kurzarbeitsanzeigen in der Augsburger Agentur für Arbeit ein. Per E-Mail, Online-Formular, Post oder Fax. Da hatte Julia Braunmüller, 31, gerade erst ihre neue Stelle als Teamleiterin des Augsburger Teams für Kurzarbeitergeld, Insolvenzgeld und Altersteilzeitgesetz (Kia) angetreten. Nichtsahnend, dass historische Monate anstehen: 10,1 Millionen Menschen in Deutschland sollten in Kurzarbeit geschickt werden - Tausende davon unter ihrer Regie. Am Telefon spricht sie von einer "Mammutaufgabe": Tausende Firmen vor dem Kollaps bewahren.

Dass es so weit kam und immer noch kommt, war bei ihrem Einstieg als Teamleiterin nicht annähernd absehbar. Die Wirtschaft florierte, ein Rekord jagte den nächsten. In Augsburg reichte ein Team von zwölf Leuten, um die Bereiche Kurzarbeit und Insolvenz abzudecken. Ausbildung, Servicecenter, interne Fachausbilderin, Personalqualifizierung, arbeitgeberorientierte Vermittlung, Teamleitung Arbeitslosengeld. 14 Jahre lag war Braunmüller an mehreren Standorten der Arbeitsagentur angestellt. Im März war sie nun zurück in die Arbeitsagentur ihrer Heimatstadt Augsburg gekehrt.

Nach nur zwei Wochen in ihrer alten Wirkstätte leitete der bayerische Ministerpräsident und oberste Krisenmanager Markus Söder vor TV-Kameras den Shutdown ein. Für Braunmüller war klar: Jetzt muss das Amt umgekrempelt werden: Laptops und Computer in die Kofferräume, Headsets mit nach Hause, Braunmüller schickte einen Teil ihrer Leute ins Home-Office. Und stockte auf. Vermittler, Berufsberater, Controller, Personaler und Sachbearbeiter aus anderen Abteilungen. Kolleginnen und Kollegen aus dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, der Zentrale sowie externe Neue kamen in ihr Team. Am Höhepunkt waren es 180 - fünfzehn mal so viele wie ursprünglich. "Das war schon eine Hausnummer."

Sie bildete Kleingruppen und schulte ihre neuen Mitarbeiter virtuell. Alle lernten schnell: Kurzarbeitergeld bekommen nur Firmen, bei denen mindestens zehn Prozent der Mitarbeiter einen mindestens zehnprozentigen Arbeitsausfall haben - auf dieses Level hatte die Bundesregierung die Hürde gesenkt, Azubis und studentische Hilfskräfte ausgenommen. Während die Arbeitsvermittler, Postler und Migrationsexperten sich im Home-Office daran machten, eine Pleitewelle zu verhindern, schaltete Braunmüller Livestreams aus dem Büro heraus: Wie fülle ich den Vorantrag korrekt aus? Worauf ist bei den Abrechnungslisten zu achten? Wann wird das Geld ausgezahlt? Auf solche Fragen antwortete Braunmüller den Firmen. Sie habe wie im Tunnel gearbeitet, sagt sie, sodass sie den Shutdown draußen erst Wochen später mit eigenen Augen wahrnahm.

Während die einen also gezwungenermaßen um 13.12 Uhr oder 15.44 Uhr den Laptop ausschalteten, herrschte in Braunmüllers Team der Ausnahmezustand. "Viele Kollegen haben auf ihren Urlaub verzichtet", sagt Braunmüller. Manche seien so eifrig gewesen, den Kollaps zu verhindern, dass sie diese ausbremsen musste und in den Feierabend schickte.

Um selbst die Nerven zu bewahren, war ihr Credo: Nach Feierabend war das Thema Kurzarbeit Tabu. "Sonst begleitet es einen permanent", sagt sie. Alleine im Juli zahlte ihr Team 68 511 727 Euro aus - 480 mal so viel wie noch zu dieser Zeit vor einem Jahr.

Mittlerweile hat sich ihr Team wieder mehr als halbiert. "Es ist schön zu sehen, wie es bei vielen Firmen aufwärts geht", sagt sie. Dass die Wirtschaftskrise noch lange nicht ausgestanden ist, ist aber auch Braunmüller bewusst. Sie sagt: "Wenn die Insolvenzwelle kommen sollte, sind wir startklar."

© SZ vom 24.08.2020

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