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Nahaufnahme:Nicht nur für Cocktail-Fans

Marcus Englert: "Podcasts sind für den Journalismus eine große Chance, gerade, um die jüngere Generation zu erreichen."

(Foto: oh)

Der ehemalige Pro-Sieben-Sat-1-Vorstand Marcus Englert gründet die Podcast-Firma Julep.

Von Caspar Busse

Das Unternehmen nahm Mitte Februar dieses Jahres den Betrieb auf, nur wenige Tage später brachte die Corona-Pandemie das öffentliche Leben in Deutschland fast vollständig zum Stillstand. Aber Julep legte trotzdem einen Start hin, mit dem Marcus Englert, 55, zufrieden ist. Mit Partnern hatte Englert bereits im Herbst vergangenen Jahres in München die Geschäftsidee. "Wir haben einen Marktplatz für Podcast-Anbieter und Werbetreibende geschaffen, der für alle offen ist", sagt er.

Das Problem: Viele Anbieter von Podcasts haben zwar innovative und neue Ideen für Inhalte, tun sich aber schwer, diese auch zu finanzieren und Werbung zu akquirieren. Julep will dabei helfen und streicht dafür eine Provision ein. Exklusivität ist dabei nicht unbedingt Voraussetzung, für größere Medienhäuser will man auch als Zweitvermarkter tätig sein. "Unser Ziel ist es, in den nächsten zwölf Monaten mehr als 1000 Podcastern auf unserer Plattform ein Zuhause zu bieten und damit die Möglichkeit für sie, mit ihren Inhalten Geld zu verdienen", so Englert. Derzeit hat Julep 140 Podcaster und 11 000 Folgen auf der Plattform, das sind rund sechs Millionen vermarktbare Streams im Monat.

Podcasts erleben derzeit einen echten Aufschwung, auch in Corona-Zeiten, wenn die Menschen Zeit haben, sich Dinge anzuhören. Nach Schätzungen gibt es weltweit schon gut 800 000 Podcasts, in Deutschland sind es laut Englert 6000 bis 7000, nur geschätzt 15 Prozent davon finanzieren sich derzeit aber über Werbung. Er glaubt, dass hierzulande der Boom erst noch bevorsteht. "Das Angebot an Podcasts steigt rasant und wird sich weiter differenzieren. Der Werbemarkt wird in diesem Segment zweistellig wachsen", sagt er. Und davon will Julep profitieren.

Englert, der mit Familie in München lebt, hat lange Erfahrung im Mediengeschäft. Er hat unter anderem in München Physik studiert und dann auch promoviert. 1994 fing er zunächst bei der Beratungsgesellschaft BCG an und wechselte 1998 zu Pro Sieben Sat 1, war dort für Digitales zuständig. Dann arbeitete Englert einige Jahre für Leo Kirch, kehrte zu Pro Sieben Sat 1 zurück und wurde 2006 Vorstandsmitglied. Dort schied er 2010 aus, ist seitdem als Berater und Investor unterwegs. Seit 2015 ist Englert auch Vorsitzender des Aufsichtsrats von Rocket Internet, der börsennotierten Start-up-Beteiligungsholding von Oliver Samwer.

Julep hat er zusammen mit alten Bekannten, vor allem von Pro Sieben Sat 1, gegründet. Derzeit wird neues Kapital von Investoren eingesammelt, auch Andreas Wiele, lange Axel-Springer-Vorstand, ist dabei. Die Julep-Geschäfte führt Steffen Hopf, der lange für Yahoo gearbeitet hat. Hauptsitz der Firma ist München, in Berlin gibt es eine Zweigstelle, die vor allem Kontakt zu hoffnungsvollen Podcastern herstellen soll. Einige bekannte Kunden gibt es bereits, so vermarktet Julep Angebote von Sport 1 oder von Burda.

Englert und seine Mitstreiter hatten den Markt genau sondiert und waren dabei auch auf den Pionier Gimlet gestoßen, die New Yorker Firma, die vor allem narrative Podcasts mit großem Erfolg produziert, gehört inzwischen zu Spotify. Weil in vielen Cocktailkarten nach dem Gimlet (Gin und Zitronensaft) der Julep (Whiskey und Zuckersirup) steht, hatte die neue Firma schnell einen Namen. Die Geschäftsidee wurde dann auch in einem Münchner Lokal namens Juleps gefeiert.

Englert glaubt natürlich fest an die Zukunft der neuen Angebote zum Hören. "Podcasts sind für den Journalismus eine große Chance, gerade um die jüngere Generation zu erreichen", sagt er. Gleichzeitig will Julep künftig auch technische Plattformen und Studiokapazitäten für Podcaster anbieten.

© SZ vom 06.07.2020

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