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Nahaufnahme:Leben nach dem Brexit

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Liz Truss: "Als wir die EU verließen, taten wir dies mit dem Versprechen, mehr mit Verbündeten in der ganzen Welt Handel zu treiben. Großbritannien ist wieder da."

(Foto: Justin Tallis/AFP)

Die britische Handelsministerin Liz Truss kämpft für ein "Global Britain". Sie muss jetzt mit all denen reden, die mit Großbritannien ins Geschäft kommen wollen. Das ist kein einfacher Job, schon gar nicht unter diesem Premier.

Von Alexander Mühlauer

Am Wochenende war Liz Truss in einem Bioladen in Norfolk, Ostengland. Sie kaufte dort frische Eier, ließ sich fotografieren und postete das Bild auf Twitter. Dazu schrieb sie: "Großartiges britisches Essen". Nun ist es an sich nichts Besonderes, dass eine Politikerin in ihrem Wahlkreis lokal hergestellte Lebensmittel vor die Kamera hält. Doch Truss ist nicht irgendeine Abgeordnete im Londoner Unterhaus, sie ist Handelsministerin und hat als solche mit dem wachsenden Unmut britischer Landwirte zu kämpfen.

Die Angst, dass Großbritannien nach dem Brexit von Billigprodukten aus den USA und anderen Staaten überflutet wird, ist unter den Farmern groß. Truss muss dieser Furcht entgegentreten und andererseits den britischen Markt für all jene Länder öffnen, die jetzt mit London ins Geschäft kommen wollen. Kein einfacher Job, schon gar nicht unter Premierminister Boris Johnson.

Der Regierungschef lässt keine Gelegenheit aus, von "Global Britain" zu schwärmen. Geht es nach ihm, soll Großbritannien nach Jahrzehnten des Winterschlafs als souveräne Nation wieder erwachen und der Welt zeigen, wie Freihandel funktioniert. Doch während Johnson so tut, als würden die USA, Japan und im Grunde alle Commonwealth-Staaten nur darauf warten, mit dem Vereinigten Königreich Handelsverträge zu schließen, stellt Truss fest: So einfach ist das nicht.

Vergangene Woche erklärte etwa der US-Handelsbeauftragte, dass ein Abkommen mit Großbritannien noch in diesem Jahr "fast unmöglich" sei. Für Johnson, der die EU damit in den Verhandlungen über die künftige Beziehung unter Druck setzen wollte, ist das ein schwerer Rückschlag. Die US-Regierung machte klar, warum die Gespräche nicht vorankommen: Washington werde beim Thema Landwirtschaft "keinen Kompromiss eingehen".

Nachdem die Amerikaner in Gesprächen mit Truss erneut darauf drangen, die mittlerweile berühmt gewordenen Chlorhühnchen und anderes Gen-Food nach Großbritannien einführen zu können, war die Aufregung in London groß. Die Handelsministerin sah sich gezwungen, einen Brief an die Abgeordneten im Unterhaus zu schreiben, in dem sie klarstellte, dass Großbritannien die Lebensmittelstandards nicht absenken werde. Wie schon bei den TTIP-Verhandlungen mit der EU bedeutete das für Washington: Dann wird es eben so schnell nichts mit einem Freihandelsvertrag, wenn überhaupt.

Truss will sich dennoch nicht entmutigen lassen. Sie bezeichnet sich selbst als "Disruptor-in-Chief", also eine Spitzenpolitikerin, die bewusst etablierte Strukturen einreißt und keine Scheu davor hat, die eigene Meinung zu sagen, auch wenn sie damit auf Widerstand stößt. Schon als junge Frau rebellierte sie gegen ihr linkes Elternhaus und trat der Konservativen Partei bei.

Elizabeth Mary Truss wurde 1975 in Leeds geboren, studierte in Oxford und arbeitete danach bei einem liberalen Think Tank. Seit 2010 vertritt sie den Wahlkreis South West Norfolk im Unterhaus, zwei Jahre später wurde sie Staatssekretärin, dann Ministerin. Die 44-Jährige war bereits für die Ressorts Umwelt, Justiz und Finanzen tätig. Im Kabinett von Johnson ist sie Handelsministerin und zudem für Frauen und Gleichstellung zuständig.

Einem Bericht der Financial Times zufolge muss Truss aufpassen, dass ihrem Ressort nicht das gleiche Schicksal widerfährt wie dem Entwicklungshilfeministerium: Der Premier hat dieses kurzerhand abgeschafft, es soll nun Teil des Außenamtes werden. Wie es aussieht, muss Liz Truss jetzt an zwei Fronten kämpfen: zu Hause mit Johnson und weltweit mit neuen Handelspartnern für ein Königreich nach dem Brexit.

© SZ vom 22.06.2020

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