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Nahaufnahme:Leben heißt Probleme lösen

"In den Pausengesprächen bei der Müllabfuhr habe ich viel über die deutsche Gesellschaft gelernt", sagt Yanick Kemayou.

(Foto: Max Brunnert/oh)

Yanick Kemayou erfindet in Mali das Lernen neu. Und kämpft gegen die Arroganz der Privilegierten.

Von Jan Lutz

"Zwölf Millionen Menschen strömen in Afrika jedes Jahr auf den Arbeitsmarkt, es gibt aber nur zwei Millionen verfügbare Jobs", sagt Yanick Kemayou. Der 35-Jährige ist Sozialunternehmer und Gründer der Kabakoo Academies, derzeit hauptsächlich vertreten in Bamako im westafrikanischen Mali. Er kenne viele Menschen mit zwei Masterabschlüssen, denen nur der Weg in den informellen Sektor, also die Schattenwirtschaft, bleibe.

Mit seinen Kabakoo Akademien will der gebürtige Kameruner an die Ursachen dieser Probleme: Arbeitsplätze dort schaffen, wo auch eine Nachfrage besteht. "Unsere Lernenden identifizieren ein Problem aus ihrer Heimat, bilden Gruppen, und lernen - mithilfe von ausgewählten Experten aus dem internationalen Kooperations-Netzwerk - die Probleme vor Ort zu lösen." "Ökosystem-basiertes-Lernen" nennt Kemayou sein Bildungskonzept. Beispiel: "Mali ist einer der Hauptproduzenten von Baumwolle. Die Lernenden haben sich in der Pandemie zu eigen gemacht, wie man Masken aus Textil herstellt und in der Folge zahlreiche arbeitslose Schneider aus der Region wieder in Beschäftigung gebracht", sagt Kemayou. Ebenso gebe es etwa ein Projekt, in welchem ein Mitarbeiter des Flugzeugherstellers Airbus zeige, wie man Drohnen konzipiere.

Barrierefreiheit stehe bei Kabakoo im Mittelpunkt, man brauche keinen Mindestabschluss, die geringen Gebühren könne man dann zahlen, wenn man Geld habe. "Es kommen Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen zu uns", sagt Kemayou. Die Akademie wird inzwischen unter anderem vom Weltwirtschaftsforum zu den "Schools of Future" gezählt. Laut Kemayou finanziert sich Kabakoo hauptsächlich über den Verkauf der Schulungsleistungen an Agenturen, die für die Ausbildung junger Menschen in Afrika tätig sind. Diese erhielten mitunter Gelder aus dem EU-Treuhandfonds für Afrika.

Bildung, das ist das bestimmende Thema in Kemayous Leben. Die Perspektivlosigkeit in seiner Heimat hat ihn mit 18 Jahren nach Deutschland getrieben, wo er schließlich - nach Auslandsaufenthalten in Beijing und Shanghai sowie zahlreichen Auszeichnungen für sein vielfältiges Engagement - im Fach Wirtschaftswissenschaften an der Universität Paderborn promovierte. Doch dem akademischen Glanz ging eine trübe Lebensrealität voraus: "Der Plan war zunächst: Überleben." Über eine Zeitarbeitsagentur arbeitete Kemayou neben seinem Studium unter anderem als Müllmann, Lagerarbeiter und Türsteher, um sich über Wasser zu halten. Diese schwierige Zeit sei rückblickend dennoch lehrreich gewesen: "In den Pausengesprächen bei der Müllabfuhr habe ich viel über die deutsche Gesellschaft gelernt."

Für Kemayou ist hierarchisches Denken mitverantwortlich für Polarisierung in der Gesellschaft. In seiner späteren Doktorarbeit habe er das Fazit gezogen, dass zeitweises Arbeiten in prekären Berufen positive Auswirkungen auf das Führungsverhalten von Managern habe. Wenn der Betriebswirt heute mit Investoren ins Gespräch tritt, begegne ihm noch häufig eine weitere Arroganz aus der Welt der sozioökonomisch Privilegierten: Das Klischee des "weißen Rettertums": Weiße als Retter, Schwarze als zu Rettende. "Diese Menschen waren es nicht gewohnt, mich zu empfangen", berichtet er. Mit seiner Akademie arbeite er auch gegen solche Stereotypen. "Viele Menschen meinen, man müsse einfach neue Schulen bauen und den Kontinent industrialisieren. Dieses alte, lineare Denken hat ausgedient - das muss man akzeptieren. Wir brauchen eine neue Form des Wirtschaftens."

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