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Nahaufnahme:König des Zweirads

925 Kilometer legte er in 15 Tagen zurück - und klagte über Rückenschmerzen und hohen Blutdruck. "Die Probleme alter Leute", findet King Liu.

King Liu verkauft unter der Marke Giant Millionen Räder im Jahr. Er selbst hat die Vorzüge des Radelns erst spät entdeckt - unter Schmerzen.

Von Marcel Grzanna

Seit 1972 verkauft der taiwanische Unternehmer King Liu jetzt schon Fahrräder. Aber es dauerte geschlagene dreieinhalb Jahrzehnte, ehe er selbst die Vorzüge des Radfahrens entdeckte. Erst im fortgeschrittenen Alter von 73 Jahren und mit einem sichtbaren Wohlstandsbäuchlein versehen entschied sich Liu dazu, die Produkte seiner eigenen Fertigung selbst zu verwenden. Und zwar auf die harte Tour.

Liu trainierte sechs Monate lang und umrundete anschließend seine Heimat Taiwan. 925 Kilometer legte er in 15 Tagen zurück. Es sei eine reine Tortur gewesen, klagte er anschließend, inklusive Rückenschmerzen, zu hohem Blutdruck und ähnlichem. "Die Probleme alter Leute", wie er der New York Times erzählte. Doch nicht einmal die Karambolage mit einem Auto hielt ihn davon ab durchzuhalten. Ein paar Kratzer nahm er bei dem Sturz mit.

Der Name ist bei King Liu Programm. Er ist so etwas wie der König des Zweirads, Gründer der Marke Giant, von der weltweit jedes Jahr mehr verkauft werden als Autos der Marke VW. Vor allem in der Volksrepublik China ist die Nachfrage groß. Das erhebliche Plus gegenüber Mitbewerbern in China ist die fachmännische Beratung und Hilfe der Mitarbeiter bei technischen Problemen. Andere Anbieter verkaufen nur Fahrräder, haben aber schlechten Service.

Liu hatte lange Zeit keine Lust, in die Pedale zu treten. Das änderte sich erst durch einen pathetischen taiwanischen Spielfilm mit der Botschaft: "Es gibt Dinge im Leben, die du nie machst, wenn du sie jetzt nicht machst!" Das war im Jahr 2007. Liu fühlte sich persönlich durch den Film "kritisiert", wie er später zugab. Also änderte er sein Leben, zumindest ein bisschen. Fortan strampelte er auf dem Fahrrad ins Büro und wieder nach Hause. Zweieinhalb Stunden am Tag.

Der PR-Erfolg seiner Taiwan-Umrundung war enorm. Liu warb nicht nur für umweltfreundliche Fortbewegung im Straßenverkehr, sondern auch für einen gesunden Lebensstil von Menschen im Rentenalter. Einmal in Form begriff Liu jedoch den Marketing-Effekt eines sportlichen Firmenchefs. Also radelte er 2009 von Peking nach Shanghai, über 1600 Kilometer. Diesmal hatte er sehr bewusst eine Werbebotschaft im Gepäck, nämlich die Bedeutung körperlicher Leistungsfähigkeit bei zunehmender Lebenserfahrung.

Weite Teile der chinesischen Gesellschaft haben den Sinn sportlicher Aktivität außerhalb eines Wettkampfs noch nicht richtig erkannt. Das ändert sich nur langsam. Aber es sind vor allem chinesische Kunden, die dafür sorgen, dass Giants Verkaufszahlen weiter in die Höhe schnellten. Über zehn Prozent mehr Fahrräder brachte das Unternehmen im vergangenen Jahr unters Volk. Über sieben Millionen verkauft die Firma jetzt schon jedes Jahr in der ganzen Welt.

Anfänglich war Giant nichts anderes als ein Zulieferer des US-Herstellers Schwinn. Doch die Amerikaner nutzten die wirtschaftliche Öffnung in China, um sich einen neuen Partner in der Volksrepublik zu angeln. Er sei schockiert gewesen, erinnert sich King Liu an das Jahr 1987, als er von der Nachricht erfuhr. Sein eigenes Geschäft baumelte nur noch am seidenen Faden. Drei Viertel aller Bestellungen gingen damals von Schwinn ein. Und dennoch zerbrach das Unternehmen nicht, sondern entwickelte sich zu einer eigenen Marke, die die Welt erobert hat. Schwinn dagegen machte 1992 pleite.

Das Rad dreht sich weiter. 2017 wird sich King Liu endgültig aus dem Geschäft zurückziehen, wie er kürzlich in einem Interview ankündigte. Es sei wichtig, die Zukunft zu planen und jungen Leuten das Feld zu überlassen, solange er noch gesund sei. Die Chancen dazu sind seit 2007 deutlich gestiegen.

© SZ vom 13.11.2015
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