bedeckt München 11°

Nahaufnahme:"Hier steppt der Bär"

„Der Überlebenswille, der ist natürlich da, aber man muss auch Gottvertrauen haben, dass sich immer wieder eine Türe öffnet“, sagt Silke Wagler.

(Foto: oh)

Silke Wagler führt ein Modeatelier, jetzt darf sie dort wieder Kunden empfangen - und Abend- und Festgarderobe verkaufen. Gefragt sind derzeit aber ihre Stoff-Schutzmasken.

Von Hendrik Munsberg

Wie eine Auferstehung fühlt es sich an. "Wir freuen uns unglaublich", sagt Silke Wagler, 51. Endlich kommen wieder Kunden durch die Ladentür, und dauernd klingele das Telefon. "Hier steppt der Bär", sagt Wagler im Überschwang. Ihr Modeatelier liegt im Herzen Leipzigs, gegenüber der weltberühmten Thomaskirche, in der einst Luther predigte und Bach als Kantor wirkte. Seit Ausbruch der Corona-Krise arbeiteten Wagler und ihre Angestellten - sieben Maßschneiderinnen, ein Maßschneider - wochenlang hinter verschlossenen Türen. Seit diesem Montagmorgen, zehn Uhr, dürfen sie wieder Menschen hereinlassen und "Abend- und Festgarderobe für die Dame und den Herrn" verkaufen. Wer möchte, bekommt aber auch Frühlingskleider, bunte Haarbänder oder Krawatten.

Die Arbeit im "Modeatelier Silke Wagler Couture" hat sich in den vergangenen Wochen von Grund auf gewandelt. Wer braucht in solchen Zeiten noch Abendroben, die zwischen 2000 und 5000 Euro kosten? Oder einen Frack, für den man, je nach Material, zwischen 1500 und 2500 Euro bezahlen muss? Opernhaus, Theater und Konzertsäle bleiben in Leipzig bis auf Weiteres geschlossen, wie fast überall auf der Welt. Aber auch Hochzeits- und Konfirmationsfeiern, sonst ein Anlass, sich festlich einzukleiden, wurden abgesagt.

Am 27. März hat Silke Wagler, die ihr Handwerk einst in den Werkstätten des Leipziger Schauspielhauses erlernte, rigoros umgeschaltet. Seither wurden in ihrem Atelier nur noch Schutzmasken gefertigt - aus Stoff, versteht sich. Für Bestellungen per E-Mail oder Post haben sie ein Formular entworfen. Wer sich für "klassisch weiß, 100 Prozent Baumwolle, 95 Grad Celsius waschbar" entscheidet, zahlt pro Stück 16,90 Euro. Viel eleganter, aber mit 28,90 Euro auch teurer, ist die "Maske mit farbiger Stoffvorderseite". Sie wäre sogar bühnentauglich, würde sie, wie beim Maskenball, die Augenpartie verdecken, statt Mund und Nase, wie in Coronazeiten angeraten ist - und in Sachsen nun vorgeschrieben beim Einkauf und im Nahverkehr.

"Für ein Abendkleid", sagt Wagler, "braucht man fünf Meter Stoff, wenn es ein großes ist, auch mal zwölf Meter." Für die Masken bestelle sie jetzt "andere Mengen", bis zu 1600 Meter. Für "kreative Menschen" wie ihre Maßschneiderinnen sei die Umstellung aber anstrengend. Anfangs brauchten sie für eine einfache Maske 15 Minuten, inzwischen nur noch zwölf. "Absoluter Renner" sei jedoch das Modell aus dunkelblauem Brokat, das sie schon nach Mallorca und Österreich lieferten.

Aber reicht das, um den Laden über Wasser zu halten? "Das wissen wir noch nicht", sagt Wagler. "Der Überlebenswille, der ist natürlich da, aber man muss auch Gottvertrauen haben, dass sich immer wieder eine Türe öffnet." Für die Stadt Leipzig nähen sie jetzt 1000 Schutzkittel. Das größte Risiko sei die Miete für den 220 Quadratmeter großen Laden in bester Lage. Doch bisher, freut sich Wagler, habe sie ihre Leute halten können, ohne "Kurzarbeit machen zu müssen". Unternehmergeist bewies sie früh. Gleich nach der Wende riet ihr ein Freund: "Mach dich doch selbständig, mehr als schiefgehen kann es nicht." Prompt mietete sie "in einem völlig schrägen Viertel" Leipzigs ein Ladenlokal, später zog sie um an die Thomaskirche.

Topereignis für Wagler und für Leipzig ist der Opernball Mitte Oktober. "Man weiß noch nicht", sagt sie, "wie das dieses Jahr wird." Was aber ein schönes Ballkleid mit einer Frau macht, glaubt sie zu wissen: "Es unterstreicht ihre Persönlichkeit und bringt sie zum Strahlen". Und ein Frack bei Männern? "Die halten sich darin viel aufrechter." Mal sehen, wie lange es dauert, bis Strahlen und Aufrechthalten wieder gefragt sind. Einstweilen läuft die Maskenproduktion weiter.

© SZ vom 21.04.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite