Nahaufnahme Große Worte, keine Angst

Dunya Ballout: „Ich träume von einer Zukunft, in der wir europäisch und solidarisch leben.“

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Dunya Ballout kämpft für Arbeitnehmer und Europa. Gerade plant die 24-Jährige Straßenaktionen, die im Mai europaweit stattfinden sollen. Ihr Einsatz ist eine Ausnahme.

Von Lea Hampel

Sie hat keine Angst vor großen Worten: "Europäer aller Länder, vereinigt Euch!" Noch klingt es aufgeregt, die Stimme wackelt etwas, aber überzeugt ist sie, das hört man Dunya Ballout an. Es ist ein warmes Wochenende im April, die tageszeitung hat zu ihrem Kongress "taz.lab" geladen. Zu den anderen Rednern, Grünenchef Robert Habeck etwa oder Großdenker Harald Welzer, sind mehr Menschen gekommen; vor der 24-jährigen Ballout sitzen immerhin zwei Dutzend Zuschauer mit unterschiedlichem Alter und einheitlichen Leinenbeuteln und nicken wohlwollend. Große Worte kommen gut an, erst recht, wenn es um so Dinge wie Europa und die Arbeitnehmerrechte geht.

Mit beidem befasst sich Ballout schon lang. Ihr Vater stammt aus dem Libanon, ihre ersten Lebensjahre hat sie in Dubai und Beirut verbracht. Als die politische Lage dort wieder schwieriger wurde, ging die Familie nach Ludwigshafen. In der neuen, alten Heimat war zum einen Rassismus immer wieder Thema. Zum anderen wurde Ballout klar, wie viele Möglichkeiten sie hierzulande hatte, politisch aktiv zu sein. Mit 16 Jahren ging sie auf ihre erste Demonstration; als in den Jahren danach die rechten Aufmärsche in Ludwigshafen zunahmen, war Ballout unter den Gegendemonstranten - und kam so in Kontakt mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB).

Seitdem engagiert sie sich: in der DGB Jugend und bei Verdi, beim Bündnis "Kleiner 5", das den Einzug der AfD in den Bundestag verhindern wollte. Derzeit plant sie Straßenaktionen, die im Mai in ganz Europa stattfinden sollen. Ihr Ziel: Verschiedene "Blasen des Aktivismus, die nebeneinander existieren", zusammen zu bringen.

Ballouts Einsatz ist eine Ausnahme: Die Gewerkschaften ringen um Nachwuchs. Gleichaltrige, so beobachtet Ballout, sind zwar politisch interessiert sind. "Aber gerade ist es im Trend, sich nur punktuell einzubringen." Mancher Azubi sei aktiv, werde aber kaum wahrgenommen, sagt Ballout. Und manchem Studenten fehle das Bewusstsein, warum gewerkschaftliche Arbeit nötig sei. Hinzu kommt: "Für Gewerkschaftsarbeit muss man lokal verankert sein. Moderne Biografien sind aber geprägt vom dauernden Ortswechsel."

Ballout denkt deshalb über die Zukunft der Gewerkschaften nach. "Klar ist: Die Gewerkschaften als Dienstleister, die den Leuten sagen, was sie brauchen, das funktioniert nicht mehr." Um junge Mitglieder zu gewinnen, müssten sie sich stärker jenen Bündnissen öffnen, die junge Menschen anziehen, findet Ballout. "Bei Großdemos kommen die Gewerkschaften oft erst zum Schluss dazu, statt sie selbst zu planen." Außerdem wünscht sie sich eine arbeitnehmerpolitische Grundbildung. "In den Univeranstaltungen zum Arbeitsmarkt ging es immer nur darum: Wie komme ich da rein? Darüber, wie man eigentlich arbeiten will, redet keiner."

Dabei gibt es nach Ansicht von Ballout viele Gewerkschaftsthemen, die die junge Generation betreffen: befristete Arbeitsverhältnisse, geringe Mindestlöhne, kleine Unternehmen, die weder Betriebs- noch Personalräte haben. "Das große Problem ist doch, dass durch die Europäisierung Mitbestimmungsstrukturen in den Unternehmen zerbrechen."

Klingt fast schon nach Berufspolitikerin, dabei ist Ballout noch in der Ausbildung. Nach ihrem Bachelor in Politik und Volkswirtschaftslehre macht sie gerade ein Praktikum bei der Europa-Abgeordneten Franziska Keller (Grüne), im Herbst beginnt sie den Master. Noch weiß sie nicht, ob sie mal hauptberuflich in die Politik möchte. Wenn, kann sie sich am ehesten vorstellen, das in einer Gewerkschaft zu tun. "Ich träume von einer Zukunft, in der wir europäisch und solidarisch leben", sagt sie beim taz.lab.