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Nahaufnahme:Gesiegt und doch verloren

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Olaf Berlien: "Nach dem Scheitern der bisherigen Übernahmeversuche behalten wir jetzt unsere Eigenständigkeit."

(Foto: Florian Peljak)

Osram-Chef Berlien hat sich auf den ersten Blick durchgesetzt, aber er hat nun einen unbequemen Großaktionär. Die Frage ist, wie lange er noch an der Spitze stehen wird.

Von Thomas Fromm

Auf den ersten Blick hat Osram-Chef Olaf Berlien, 57, sein Ziel erreicht. Er wollte die Übernahme durch den Chip- und Sensorhersteller AMS von Anfang nicht, und als am Freitag klar war, dass die Österreicher ihr Ziel, mindestens 62,5 Prozent der Osram-Anteile unter ihre Kontrolle zu bringen, verfehlen, reagierte der Manager mit der Rhetorik des Siegers. "Nach dem Scheitern der bisherigen Übernahmeversuche behalten wir jetzt unsere Eigenständigkeit und gestalten unsere Zukunft selbst", sagte er. Das genau aber ist nun die Frage: Wie eigenständig ist Osram noch? Wie sehr kann Berlien die Zukunft dieses kriselnden Lichtkonzerns überhaupt noch selbst gestalten, wenn AMS nach dem vorläufigen Ende des milliardenschweren Bieterkampfes nun an die 20 Prozent der Anteile hält, die parallel am Markt gekauft wurden? Und, auch das: Wie lange wird sich der frühere Thyssenkrupp-Manager noch an der Osram-Spitze halten können?

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Berlien war in den vergangenen Wochen ungewöhnlich skeptisch gegenüber der AMS-Offerte. Sowohl er als auch der Osram-Aufsichtsratsvorsitzende Peter Bauer hatten sich entschieden, ihre eigenen Aktien trotz des attraktiveren Preises nicht an AMS zu verkaufen. So etwas macht man nur, wenn man sich seiner Sache sehr sicher ist, oder aber wenn man verzweifelt ist. Und alles auf eine Karte setzt.

Berlien hatte alles auf eine Karte gesetzt. Als ihm bewusst war, dass er es alleine kaum noch schaffen würde, das über 100 Jahre alte Unternehmen in kurzer Zeit selbst zu einem Hightechkonzern umzubauen, ließ er sich auf Übernahmegespräche mit den US-Finanzinvestoren Bain Capital und Carlyle ein. Für Berlien, der sich nach außen hin stets äußerst optimistisch und mindestens ebenso selbstbewusst inszeniert, schien das Vier-Milliarden-Euro-Angebot die ideale Lösung für seine Probleme. Eine Menge Geld, weg von der Börse und dem Quartalsdruck, gleichzeitig aber weitgehend unabhängig bleiben und am Ende vielleicht sogar noch länger den Chefjob behalten. So hatte er sich das gedacht.

Dumm nur, dass ihm dann AMS dazwischenkam und das Drehbuch schwer durcheinanderbrachte. Das im Vergleich zu Osram weitaus kleinere Unternehmen brachte 4,5 Milliarden Euro mit und einen ehrgeizigen, eigenen Strategieplan. Nicht nur im Arbeitnehmerlager fürchtete man von Anfang an, dass der Strategie- auch ein Zerschlagungsplan war. Für einige größere Geschäftsbereiche von Osram und viele der heutigen Mitarbeiter wäre darin kein Platz mehr gewesen. Wahrscheinlich auch nicht für Olaf Berlien, was auch einer der Gründe dafür gewesen sein dürfte, warum er die fachfremden Investoren aus den USA bevorzugte. Sie hätten ihn, zumindest in der ersten Zeit, erst mal machen lassen.

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Nun also hat Berlien einen neuen Großaktionär; zum ersten Mal wieder seit der Abspaltung von Siemens vor einigen Jahren. Man lade die "AMS-Führung daher zu Gesprächen darüber ein, wie eine sinnvolle und für beide Unternehmen vorteilhafte Kooperation" aussehen könnte. Die Frage wird sein, wer hier am Ende wen zu Gesprächen einlädt. Denn mit AMS-Vorstandschef Alexander Everke hat Berlien nun einen neuen Hauptaktionär, der ihm in puncto Selbstbewusstsein in nichts nachsteht. Everke will seinen Plan eines weltweiten Anbieters für optische Sensoren und Optoelektronik weiterverfolgen, und zwar am liebsten zusammen mit Osram. Wie kooperativ das wird, wird man sehen. Weitere Offerten von Investoren sind wohl kaum noch zu erwarten, dafür hält AMS bereits zu viele Anteile. Das macht die Sache für weitere Investoren jetzt eher unattraktiv.

Berlien und Everke werden die Sache wahrscheinlich jetzt unter sich ausmachen. Nicht gerade das, was sich der Osram-Chef erträumt hatte.

© SZ vom 07.10.2019

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