bedeckt München 21°

Nahaufnahme:Geschlossene Türen

Marcel Oelbracht: "Sie können sich nicht vorstellen, wie viel Geld wir in den vergangenen Monaten schon verloren haben."

(Foto: oh)

Marcel Oelbracht hat einen Nachtclub, der wegen der Corona-Pandemie noch nicht öffnen darf.

Von Katharina Müller

Voller Elan, die Akkus aufgeladen, kam Marcel Oelbracht, 36, Anfang des Jahres von seinem fünfwöchigen Roadtrip durch die USA zurück. Doch die Erholung währte nur kurz. Als die Covid-19-Fallzahlen im März rapide stiegen und die Lage sich verschärfte, entschied er, seinen Nachtclub vorübergehend dichtzumachen. Er selbst lag da krank auf der Couch. Nicht mit dem Coronavirus, aber mit einer dicken Erkältung. Wenige Tage später kamen die bundesweiten Ausgangsbeschränkungen.

Seit 2016 ist Oelbracht Geschäftsführer der "Nachtresidenz", eines bekannten Clubs in Düsseldorf. Normalerweise feiern hier am Wochenende bis zu 2000 Leute. Doch sein Laden nahe der Königsallee ist nun schon seit fast fünf Monaten geschlossen. Während die Corona-Einschränkungen vielerorts gelockert werden, müssen Clubs noch immer warten, eine Perspektive gibt es nicht. Trotz Kurzarbeit, Soforthilfe und Onlinekonzerten kämpfen viele ums Überleben. Auch für die Nachtresidenz geht es ans Eingemachte. "Sie können sich nicht vorstellen, wie viel Geld wir in den vergangenen Monaten schon verloren haben", sagt Oelbracht. Normalerweise erziele der Club im Jahr Millionenumsätze, doch in den vergangenen Monaten habe er nicht einen einzigen Euro verdient. Dennoch entschied er sich mit dem Inhaber, vorerst keinen der 16 Festangestellten in Kurzarbeit zu schicken. Bis jetzt werde jeder weiterbezahlt. "Wir nutzen die staatlichen Hilfen, und den Rest steuern wir aus privaten Mitteln bei", sagt Oelbracht. Er hat ausgerechnet, dass sie das bis Ende nächsten Jahres durchhalten können.

Doch was tun mit der ganzen Zeit? Sein Team und er arbeiten fast mehr als vorher, sagt Oelbracht. Sie renovieren und räumen auf. Jeder packt an, wo er kann. "Wir haben der Location einen neuen Look verpasst und renoviert, zum Beispiel Böden, Fliesen." Auch die Wände haben sie neu gestrichen. Gleichzeitig begann Oelbracht ein Konzept für ein italienisches Restaurant zu entwickeln, das in den Räumlichkeiten der Nachtresidenz eröffnen soll. Seit sechs Jahren schwirrt ihm das Projekt nun schon durch den Kopf. Doch bisher fehlten im Alltagsgeschäft Kraft und Kapazitäten, um die Idee anzugehen. Das ist jetzt anders. Wenige Details und die Weinkarte fehlen noch, dann kann er eröffnen. Läuft alles nach Plan, will er noch im August mit einem Testessen starten. Oelbracht ist überzeugt: Was man mit Leidenschaft und Überzeugung macht, wird gut. Wie man sich aus schwierigen Situationen herausarbeitet, kennt er. Als ehemaliger Hartz-IV-Empfänger hat er sich in jungen Jahren ohne Ausbildung nach oben gearbeitet. Was es braucht, um im Eventbereich über Jahre hinweg zu bestehen, brachte er sich selbst bei. Auch jetzt äußert er sich optimistisch, dass sein Team und er die aktuelle Herausforderung meistern werden. Irgendwie wird es schon gehen.

Aber noch bestimmt Corona alles. "Zurück zur Normalität kann es nur mit einem Impfstoff gehen", sagt Oelbracht. Trotzdem hat er Hoffnung - und ein Hygienekonzept, um womöglich doch vor dem Ende der Pandemie Gäste empfangen zu können. Möglich machen sollen das strenge Regeln. Maximal 350 bis 400 Gäste pro Abend will er einlassen. Und: "Kommen darf nur, wer eine Kopie des Ausweises vorlegt und die Corona-App auf seinem Smartphone installiert hat", sagt Oelbracht. Juristen halten es für möglich, dass Gewerbetreibende Kunden ohne installierte Corona-Warn-App ausschließen dürfen.

Oelbracht wünscht sich - für sich selbst und für die Branche - klare Ansagen von der Politik, er fordert ein einheitliches Konzept für eine sukzessive Öffnung der Clubs. Denn die Ausnahmesituation für ihn, davon geht er aus, wird sich noch lange hinziehen.

© SZ vom 11.08.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite