Nahaufnahme Geburtshelfer für Start-ups

„Ich bin fest davon überzeugt, dass wir irgendwann 80 Prozent aller Finanzdienstleistungen, die wir nutzen, komplett digital nutzen.“ Ramin Niroumand

(Foto: oh)

Ramin Niroumand plant die zweite Karriere. Wenn er bei Finleap fertig ist, wird er Sportfunktionär oder Politiker.

Von Herbert Fromme, Berlin

Was wird Ramin Niroumand machen, wenn er seinen Knochenjob einmal aufgibt, wenn er fertig ist bei Finleap? "Das Herz sagt Sportfunktionär, der Verstand sagt Politiker", antwortet der gerade einmal 30-Jährige. Beides ist plausibel. Schließlich spielt er engagiert Basketball beim Berliner SC. Und er hat sehr genaue Vorstellungen, was in der deutschen und europäischen Politik schiefläuft, wenn es um die Digitalisierung geht.

Finleap ist eine erfolgreiche Unternehmensschmiede, die Niroumand vor vier Jahren gegründet hat, und die inzwischen 14 eigenständigen Start-ups auf die Welt geholfen hat: Darunter sind die Solarisbank, der Versicherer Element, die Inkassofirma Pair Finance, der Cyberrisiko-Dienstleister Perseus und der Versicherungsmakler Clark. Mehr als 600 Mitarbeiter arbeiten in einem früheren Bankgebäude in der Berliner Hardenbergstraße. "Aber wir sind kein Konzern", erklärt Niroumand. "Die Firmen sind eigenständig."

Er und seine Kollegen entwickeln Ideen, suchen Investoren und Gründer, helfen bei der Personalsuche, bei Verträgen, Behördenkontakten. Sechs bis sieben Jahre geben die Investoren den Unternehmen Zeit, bis sie Gewinne sehen wollten, sagt Niroumand. In den ersten Jahren gehe es vor allem um Wachstum.

Niroumands Vater Kamyar kam mit 13 aus Iran nach Deutschland, wurde Vorstand bei T-Systems, hatte führende Positionen bei Debis und der Software AG. Sohn Ramin wuchs in Berlin auf. "Es ist toll, das beste aus zwei Kulturen ziehen zu können", sagt er. Allerdings fühlt er sich der deutschen Kultur näher als der persischen. "Ich war noch nie in Iran, und ich spreche kein Persisch."

Während eines Auslands-Halbjahrs in Neuseeland entdeckte er als Schüler die Liebe zur Wirtschaft. Niroumand studierte Wirtschaftsinformatik und ging dann zur Prüfungs- und Beratungsfirma Deloitte. 2012 gründete er sein erstes Start-up und scheiterte. 2014 folgte Finleap - mit bemerkenswertem Erfolg. "Ich bin fest davon überzeugt, dass wir irgendwann 80 Prozent aller Finanzdienstleistungen, die wir nutzen, komplett digital nutzen."

Der Facebook-Skandal schade Finleap und seinen Partnergesellschaften nicht, meint Niroumand. "Im Gegenteil, das kann einen großen Wettbewerbsvorteil für europäische Unternehmen bedeuten." Die Europäer nähmen den Datenschutz ernst. Datenschutz sei eigentlich ganz einfach: "Ich darf die Daten verwenden, deren Nutzung der Kunde mir erlaubt", sagt Niroumand. "Der bessere Ausdruck ist eigentlich Datensouveränität."

Sein Unternehmen und die von Finleap gegründeten Firmen hätten damit kein Problem: "Wenn die Datenverarbeitung und die Datentransparenz nach europäischen Vorgaben stattfinden müssten, hätten amerikanische und chinesische Player einen Nachteil." Ist das nicht ein protektionistischer Ansatz? "Darum geht es nicht", antwortet er. "Es geht darum, sich an die Regeln zu halten, wenn man in einem bestimmten Rechtsraum Geschäfte machen will." Diesen Wettbewerbsvorteil müsse Europa nutzen. "Dafür brauchen wir aber einen echten einheitlichen Markt", sagt Niroumand. "Wenn ich in Italien mit einer deutschen Bank-IBAN keinen Stromvertrag abschließen kann, ist das eben kein echter einheitlicher Markt."

Niroumand glaubt, dass er seinen jetzigen Job noch ein paar Jahre gut machen kann. Eigentlich müsste er dann finanziell ausgesorgt haben, wenn es gut läuft. Aber man kann sich den jungen Mann kaum als Privatier im Jetset vorstellen. Vielleicht hat er dann Zeit, Persisch zu lernen. "Das ist eine Frage der Disziplin", antwortet Niroumand. "Ich bin beruflich sehr diszipliniert, glaube ich, aber privat nicht immer."