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Nahaufnahme:Flexibel bleiben

"Java-Entwickler zu werden, kann man erlernen, aber nicht das Interesse an Veränderung", sagt Philipp Riedel.

(Foto: oh)

Philipp Riedel, Chef des Münchner Personalvermittlers Avantgarde Experts, hat einen schwierigen Auftrag: Er soll Mitarbeiter für die Expo 2020 im Oktober in Dubai gewinnen.

Die teuerste Messe der Welt ist noch nicht gesungen. Im Oktober soll die Expo 2020 in Dubai starten, 190 Länder haben ihre Teilnahme angekündigt, es wäre die erste Weltausstellung in der arabischen Region - so sie denn stattfinden kann. Das Land Baden-Württemberg will sich als einziges deutsches Land mit einem eigenen Pavillon vorstellen - und Philipp Riedel hat den Auftrag, für das nötige Personal am Stand zu sorgen. Der Chef des Münchner Personalvermittlers Avantgarde Experts muss schauen, wie sich die Planung trotz des Coronavirus aufrechterhalten lässt. Denn eigentlich sind solche temporären Jobs sehr attraktiv für Berufseinsteiger.

"Projekthaftes Arbeiten ist das Zukunftsmodell der modernen Arbeitswelt", sagt Riedel. Für Unternehmensberater sei das ohnehin Standard. Aber auch für Controlling- oder Technologie-Projekte könne man in temporären Modellen arbeiten. Riedel, 33, muss es wissen. Er studierte internationales Business und Marketing, arbeitete dann beim Autobauer BMW und der Unternehmensberatung McKinsey. 2011 stieg er bei Avantgarde Experts ein, einer Tochtergesellschaft der Agentur Avantgarde, die weltweite Großveranstaltungen und Roadshows organisiert.

Bei der Tochtergesellschaft kümmern sich 250 Mitarbeiter an fünf Standorten, darunter Dubai, darum, das Personal für die tausend Unternehmenskunden - von Google bis zum Mittelständler - zu finden. Knapp 90 Millionen Euro Umsatz machte die Firma, die zu 90 Prozent Akademiker vermittelt und überlässt. Wie andere Anbieter in der Branche lässt Avantgarde Studien fertigen, die im Idealfall die eigene Position stützen. Da widersprechen manche Ergebnisse denen anderer Untersuchungen. Aber Riedel ist als Experte gefragt, immerhin hat er 200 000 Kandidaten in der Kartei.

Zuletzt erhob das Unternehmen, wie zufrieden deutsche Arbeitnehmer sind, und stellte fest, dass die meisten ihre Jobsituation okay finden. Allerdings ist die Zahl derjenigen, die über einen Jobwechsel nachdenken, auf 35 Prozent gestiegen, insbesondere bei Jüngeren. Personalentscheider unterschätzen das, so Riedel: "Jeder Jobwechsel kostet den Arbeitgeber zwischen 30 000 und 40 000 Euro." Die Kosten entstünden durch den Wegfall von Aufträgen, die Nachfolgersuche, die Einarbeitung des Neuen. "Daraus sollte sich ein Interesse ergeben, Menschen zu halten."

Letzteres würde seinem Geschäftsmodell aber zuwiderlaufen. Der Chef möchte mit seinem Team zum führenden Personaldienstleister für Digitalisierung und Technologie werden und Kunden zu Themen der modernen Arbeitswelt schulen. Da helfen nicht nur regelmäßige Umfragen, sondern auch der Blick ins eigene, junge Unternehmen. So seien die angeblich werteorientierten jungen Arbeitnehmer durchaus geldaffin. "Die jüngere Generation ist erlebnisorientiert. Prestige kommt bei ihnen nicht über ein dickes Auto, sondern über die Erlebnisse, die sie mit der Community teilen", sagt Riedel. "Man braucht Geld, um diese Art von Freizeit zu finanzieren."

Auch die Vermischung von Privat- und Arbeitsleben, die für Mitarbeiter, die heute über 40 sind, noch in Ordnung war, möchten jüngere nicht: "Die jungen Leute wollen sich zu Hause fühlen und eine klare Trennung von Job und Privatleben", sagt Riedel. Firmen sollten das berücksichtigen, eine schöne Umgebung schaffen, gemeinsame Aktivitäten fördern.

Er selbst achtet bei neuen Mitarbeitern vor allem darauf, ob sie zur Firmenkultur passen. Bei der Arbeit sei vieles erlernbar. Daher seien Intelligenz und Persönlichkeit oft wichtiger als ein formaler Abschluss: "Java-Entwickler zu werden, kann man erlernen, aber nicht das Interesse an Veränderung."

© SZ vom 09.03.2020

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