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Nahaufnahme:Fabrikherr in Bikerjacke

Vincenzo Russi: „Mein Ziel ist es, kulturellen, sozialen, technologischen und wirtschaftlichen Reichtum zu schaffen.“

(Foto: oh)

Softwarespezialist und Start-up-Veteran Vincenzo Russi prägt mit seinem Unternehmen E-Novia die italienische Start-up-Szene.

In der Gründerszene hat Vincenzo Russi einen ungewöhnlichen Job. Er ist Fabrikherr, wenn auch ein moderner. Lässige Bikerjacke, sonniges Gemüt, lockerer Umgang. Statt Waschmaschinen oder Roboter stellt seine Fabrik innovative Firmen her. Seit 2015 liefen bei E-Novia, der Mailänder Enterprises Factory, 21 Unternehmen vom Band. Neun weitere Projekte sind in der Mache. "Ich kümmere mich darum, dass das Fließband in unserer Fabrik immer mit Nachschub versorgt ist", sagt der E-Novia-Chef. Er hat die Fabrik gemeinsam mit Partnern vor fünf Jahren gegründet. Sie wächst flott, jährlich um 56 Prozent.

Russi, 61, ist ein Veteran der Start-up-Szene. Ende der Neunzigerjahre hat er zuerst im Silicon Valley und dann in Boston zwei amerikanische Firmen gegründet. Später war er als Business Angel in Italien tätig. Mit E-Novia wollte er eine Alternative zum schlechten Wachstumsumfeld für Gründer in Italien bieten, das auf diesem Feld abgeschlagen hinter vielen anderen europäischen Ländern liegt. "Wir suchten nach einem italienischen Weg der Innovation", sagt der promovierte Computer- und Software-Spezialist.

Am Anfang stand für das Gründer-Quartett die Frage: Wo sind wir stark? Es sei sinnlos, in Konkurrenz zur Digitalwirtschaft in Kalifornien, zu Firmen für Cybersicherheit in Israel oder zur Fintech in London zu treten. In Mailand besann man sich lieber auf die anerkannten Stärken Italiens. E-Novia sollte die "hervorragenden technischen Universitäten und die hoch entwickelte Ingenieurkultur des Landes" mit dem dichten Unternehmensnetz in den Sparten Robotik, Präzisionsmechanik und Transportmechanik verbinden, sagt Russi. Denn auf beiden Seiten liege viel Innovationspotenzial brach. "Trotz exzellenter Universitäten sind die Italiener schwach darin, kreative Unternehmen zu gründen", sagt er. Italien fehle ein Ökosystem für Start-ups. Es mangele an Unterstützung aus der Politik, von Kapitalgebern, von Universitäten. Russi sagt: "So kann man kein Spiel gewinnen".

Das italienische Start-up-Register führt 10 882 Firmen. Die Zahl der Neugründungen stockt, die Zahl der Beschäftigten geht zurück, der Umsatz sinkt. Zusammen setzten die Firmen im vergangenen Jahr 1,1 Milliarden Euro um. Italienische Start-ups beschäftigen im Schnitt nur 0,8 Mitarbeiter. "Diese Zahlen sind Italien nicht würdig", findet Russi. Der E-Novia-Chef will diese Not lindern. "Wir betreiben Innovation, indem wir neue Unternehmen gründen." Wichtigster Rohstoff sei der Zugang zu den Universitäten. Dort spüre man Ideen auf, setze sie auf die Fertigungsanlage in der 2600 Quadratmeter großen Firmenschmiede in der zentralen Via San Martino. "Wir haben eine Fabrik mitten ins Zentrum von Mailand zurückgeholt", sagt Russi. Und sauber sei sie auch.

Entstanden ist E-Novia 2015 in einer Garage der Technischen Hochschule Mailand. 2019 machte es zusammen mit seinen Firmen 22 Millionen Euro Umsatz und beschäftigte 260 Mitarbeiter. Es gibt Niederlassungen in San Francisco und Tokyo. E-Novia sammelte bisher 90,5 Millionen Euro ein. Im Frühjahr 2021 will die Start-up-Schmiede an die Börse.

Der Erfolg seiner bekanntesten Firmen ist für Russi Beleg, dass das Modell funktioniert. Besonders stolz ist er auf Blubrake, den Hersteller innovativer ABS-Bremsen für E-Bikes, der sogar Bosch ausstechen konnte. Der unsichtbare Bremsassistent ist in den Rahmen integriert und im Prinzip an allen Rädern einsetzbar. Das überzeugte auch die Marke Bulls, die 2020 vier deutsche E-Bikes mit dem Blubrake-ABS ausstattet. Doch Geld sei nicht alles, sagt Russi: "Mein Ziel ist es, kulturellen, sozialen, technologischen und wirtschaftlichen Reichtum zu schaffen."

© SZ vom 18.02.2020
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