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Nahaufnahme:"Eine große Bereicherung"

Vaude-Chefin Antje von Dewitz setzt sich für ein Bleiberecht für Flüchtlinge ein. Auch sie hat zahlreiche Menschen angestellt, die jederzeit abgeschoben werden könnten.

Von Stefan Braun

„Wir haben eine internationale Verantwortung – und wir haben schnell gedacht, dass das eine Aufgabe wird, die die Gesellschaft strapazieren und spalten kann.“ Antje von Dewitz

(Foto: oh)

Von den 69 Flüchtlingen, die Horst Seehofer unlängst nach Afghanistan abschieben ließ, arbeitete niemand für das Unternehmen von Antje von Dewitz. Doch auch bei Vaude sind Menschen angestellt, die unter einem unsicheren Aufenthaltsstatus leiden und abgeschoben werden könnten. Damit will sich Dewitz nicht abfinden. Sie ist eine von mehr als 100 Unternehmerinnen und Unternehmern aus dem Südwesten, die eine Initiative für eine pragmatische Bleiberechtsregelung mittragen. Sie haben den baden-württembergischen Innenminister Thomas Strobl (CDU) in einem Brief dazu aufgerufen, geflüchteten Mitarbeitern ein Bleiberecht zu gewähren, anstatt sie einfach abzuschieben.

Seit neun Jahren leitet die 45-Jährige das Familienunternehmen Vaude, das in Tettnang in der Nähe vom Bodensee sitzt und Outdoorbekleidung herstellt - unter anderem zum Wandern, Klettern und Radfahren. Vaude produziert nachhaltig und eröffnete schon einen Betriebskindergarten, als andere das Thema Vereinbarkeit noch nicht auf dem Schirm hatten. Als im Herbst 2015 besonders viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen, packte Dewitz das Gefühl, dass auch sie etwas tun müsse: "Wir haben eine internationale Verantwortung - und wir haben schnell gedacht, dass das eine Aufgabe wird, die die Gesellschaft strapazieren und spalten kann."

Also tat sie zweierlei: Sie sprach mit den eigenen Mitarbeitern, wie man sich engagieren könne - und nahm Kontakt zu den örtlichen Flüchtlingshelfern auf, um mit Sport- und Kletterinitiativen Hilfe anzubieten. Außerdem organisierte sie einen Tag der offenen Tür - für die Bewohner Tettnangs und für die Flüchtlinge, die hergekommen waren. "Wir wollten den Menschen zeigen, wie in Deutschland und wie bei uns ein Unternehmen aussieht. Und wie gearbeitet wird." Die Resonanz, so erzählt es Dewitz, sei riesig gewesen. Schnell sei entschieden worden, Workshops anzubieten, in denen sich die Flüchtlinge über wichtige Fragen informieren konnten. Wie man sich bewirbt, was modernes Nähen bedeutet, wie wichtig es ist, die deutsche Sprache zu lernen. Ganz praktisch sollten die Menschen erfahren, was sie brauchen. Denn eines war für Dewitz klar: Integration gelingt am besten mit einem festen Arbeitsplatz.

Allerdings hatte sie bis zu diesem Zeitpunkt genau das nicht, sie hatte keine freien Stellen. Bis der Blitz einschlug. Und zwar im wahrsten Sinne. Er zerstörte die alte Fabrikhalle, und weil die Geschäfte gut liefen (und laufen), beschloss Dewitz, die neue Manufaktur größer zu bauen. Die Folge: Sie benötigte zusätzliche Mitarbeiter und begann, Flüchtlinge auszubilden.

Das war, wie sie berichtet, keineswegs immer einfach. Mancher kam zur Probe und musste wieder gehen. Aber in Summe ist es sehr gut gelaufen. Dewitz spricht von einer "großen Bereicherung". Sie gesteht ein, dass es zu Beginn auch Bedenken und Ängste gegeben habe. Deshalb habe die Firmenleitung sich intensiv erklärt und die "eigene Haltung transparent gemacht"; gut gegangen sei es aber auch, weil die Geflüchteten sehr engagiert seien und zum Teil im firmeneigenen Intranet ihre Geschichten erzählt hätten. Heute hat das Unternehmen rund 500 Mitarbeiter, darunter ein gutes Dutzend Flüchtlinge.

Dewitz hat viel für diese Menschen getan und fände es absurd, wenn in einer Situation, in der sie und andere Unternehmen solche Arbeitskräfte händeringend suchen, alles umsonst gewesen wäre. Da könne man sich zynisch abwenden - oder weiter kämpfen. Dewitz hat sich für Letzteres entschieden. Zweimal schrieb sie schon offene Briefe an Bundeskanzlerin Angela Merkel. Darauf gab es viel Resonanz, nur keine von Merkel. Jetzt hofft sie, dass Thomas Strobl antwortet.

© SZ vom 23.07.2018

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