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Kirsten Wolberg: "Was du nicht sehen kannst, das kannst du auch nicht sein."

(Foto: oh)

Tech-Managerin Kirsten Wolberg hat in der Wirtschaft Karriere gemacht. Nun will sie ein Vorbild für Frauen sein - vor allem, weil sie selbst keines hatte.

Von Katharina Kutsche

Es ist nicht für jede Frau in der Wirtschaft leicht, als "Frau in der Wirtschaft" gesehen zu werden - als eine, die es geschafft hat. Denn wenn es normal sein soll, dass Frauen erfolgreich sind im Management, sollte es auch kein Gesprächsthema mehr sein, oder? Kirsten Wolberg sieht das anders. Für sie ist es eine Herzensangelegenheit, zu erzählen, wie sie sich auf ihrem Karriereweg entwickelt und gefunden hat. So möchte sie andere Frauen ermutigen. "Nervt es, dass wir immer noch darüber reden müssen? Ja! Aber solange das Problem nicht aus der Welt ist, müssen wir es weiter tun", sagt die Amerikanerin.

Wolberg, 52, ist seit 2017 Technologie- und Operativ-Chefin von Docusign. Das Unternehmen aus San Francisco - knapp 4000 Mitarbeiter, Nasdaq-Börsenwert rund 27 Milliarden Dollar - bietet elektronische Signaturen und bildet Genehmigungsprozesse digital ab. Das verschaffte der Firma, die nach eigenen Angaben Marktführer auf ihrem Gebiet ist, zuletzt Erlöse von 974 Millionen Dollar. Nun will Docusign auch in Deutschland aufholen.

Dass Wolberg die Technik hinter der digitalen Signatur verantwortet, war "nicht der traditionelle Weg", wie sie sagt, aber: "Jedes Produkt in der Finanzdienstleistungsbranche wird über Technik bereitgestellt. Du musst etwas davon verstehen." Aufgewachsen in einem kleinen Ort in Alaska, zog sie in den Achtzigerjahren zum Wirtschaftsstudium nach Los Angeles und schloss mit einem MBA ab.

Zu Beginn ihrer Karriere orientierte sich Wolberg an erfahrenen Kollegen. "Wenn du jung bist, schaust du, wer spricht, wer womit Erfolg hat, wer wie handelt. Dann machst du das auch." Das Problem: Alle Vorbilder um Wolberg waren Männer. Also verhielt auch sie sich männlich: "Sei aggressiv, sei stoisch, zeige keine Emotionen." Und es funktionierte, die Amerikanerin machte schnell Karriere, war Managerin beim Bezahldienst Paypal und verantwortete die Informationstechnik beim Cloud-Unternehmen Salesforce. Bis es nicht mehr funktionierte.

Wolberg nennt es ihren Aha-Moment, als sie von Mitarbeitern und Vorgesetzten schlecht beurteilt wurde. Sie stelle zu hohe Ansprüche an die Kollegen, sei zu aggressiv, ihre Stimme zu laut. 20 Jahre lang hatte ihr das niemand gesagt. Und als sie den Job wechselte und das gleiche Feedback bekam, war klar: Es ist ein Muster.

Wolberg hinterfragte ihr Verhalten und änderte es. War sie zuvor in Hosenanzügen und mit Seidenkrawatte zur Arbeit gekommen, trug sie nun Kleider, Röcke und hohe Hacken. Sie ließ Emotionen zu, hörte anderen besser zu und gab mehr von sich selbst preis. Nie zuvor, sagt sie, habe sie Kollegen erzählt, dass ihr Mann Lymphdrüsenkrebs im fortgeschrittenen Stadium hatte, als sie mit dem zweiten gemeinsamen Kind schwanger war. Die Angst, jemand könnte sie deswegen nicht für belastbar genug halten, war zu groß.

Rückblickend hätte ihr ein weibliches Vorbild am Karrieretisch gefehlt, sagt Wolberg heute. Vielleicht hätte sie zunächst trotzdem das Falsche gelernt, aber der Aha-Moment wäre früher gekommen. Heute bemüht sich die Tech-Chefin deshalb, diese Rolle für andere auszufüllen. Sie begleitet drei Frauen als Mentorin, wirbt aktiv Frauen an, spricht bei den Willkommenstreffen für neue Mitarbeiter mit ihnen über Geschlecht und Ethnie und was das für jede Person im Raum bedeutet. Während die USA im Vergleich der Industrienationen bei bezahlter Elternzeit sehr schlecht aussehen, bietet Docusign Müttern und Vätern sechs Monate bezahlte Auszeit.

"You cannot be what you cannot see", sagt Wolberg, zu Deutsch: Was du nicht sehen kannst, das kannst du auch nicht sein. Also zeigt sich die Amerikanerin, als Chefin und als Frau.

© SZ vom 08.06.2020

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