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Nahaufnahme:Ein Franke für Berlin

„Es geht um die Zukunft des Standorts als innovative Industrie- und Exportregion", sagt Siegfried Russwurm.

(Foto: Jürgen Schwarz/imago)

Früher war Einstecktuch angesagt beim Industrieverband BDI. Nun soll dort Siegfried Russwurm übernehmen. Ein ehemaliger Siemens-Manager und bodenständiger Typ.

Von Caspar Busse

Mit Krisen kennt er sich aus. Siegfried Russwurm, 56, ist derzeit unter anderem Chef des Aufsichtsrats von Thyssenkrupp: Das Traditionsunternehmen aus Essen sucht nach vielen Chef- und Strategiewechseln derzeit eine Weg, um irgendwie zu überleben. Martina Merz, Russwurms Vorgängerin als Chefaufseherin und nun Vorstandsvorsitzende, will die Stahlsparte, das Herz von Thyssenkrupp, ganz oder teilweise weggeben. Russwurm muss nun zwischen den entsetzten Arbeitnehmervertretern, aufgeregten Politikern, der Krupp-Stiftung als Hauptaktionärin und Finanzinvestoren vermitteln - kein leichter Job.

Nicht ganz einfach dürfte auch Russwurms neue Aufgabe werden: Ende November soll der promovierte Ingenieur und Honorarprofessor für Mechatronik zum neuen Präsidenten des einflussreichen Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) gewählt werden, quasi zum Chef-Lobbyisten der Industrieunternehmen. Der muss sich in der Politik für die Interessen der Wirtschaft einsetzen, und diese sind gerade in dieser Krise nicht unbedingt immer gleichgerichtet. Die einen, Autohersteller etwa, fordern eine Sonderbehandlung; andere Unternehmen wollen eine bessere Infrastruktur oder Investitions- und Steueranreize. Mittelständler und Familienunternehmen fühlen sich gegenüber den Konzernen benachteiligt. Dazu kommt: Jede Branche hat noch eigene Interessensvertreter.

Warum soll gerade Russwurm für diesen Job besonders geeignet sein? Geboren ist der Mann mit Dreitagebart, dem man seine oberfränkische Heimat durchaus noch anhört, im Örtchen Marktgraitz im Norden Bayerns, der Vater war Polsterer, die Mutter Industriearbeiterin. Er studierte an der Universität Erlangen-Nürnberg von 1983 bis 1988 Fertigungstechnik und heuerte 1992 bei Siemens im Bereich Medizintechnik in Erlangen an. Dort macht er Karriere, war zwischenzeitlich auch in Schweden und wurde 2008 als Konzernvorstand für Personal zuständig. Nach der Korruptionsaffäre musste er damals wieder Ruhe in die Belegschaft bringen.

Später übernahm er dann die Verantwortung für die Industriesparte und war Technolgievorstand. 2016 schließlich endete seinen Siemens-Laufbahn abrupt, das Unternehmen kündigte an, dass Russwurm sein Vertrag nicht verlängern werde. Auslöser sollen größere Unstimmigkeiten mit Konzernchef Joe Kaeser gewesen sein. Zwischenzeitlich war Russwurm auch mal als Siemens- oder als Linde-Chef im Gespräch gewesen, später als Vorstand bei der Deutschen Bahn, geworden ist aus alldem nichts. Russwurm arbeitete zuletzt als selbständiger Berater.

Bei Thyssenkrupp und beim Industriekonzern Voith, wo er auch als Chefaufseher wirkt, folgte Russwurm übrigens jeweils auf Hans-Peter Keitel. Der ehemalige Hochtief-Chef war selbst zwischen 2009 und 2012 BDI-Präsident. Der aktuelle BDI-Chef Dieter Kempf, 67, der nach vier Jahren aufhört, hatte Russwurm nun selbst als seinen Nachfolger vorgeschlagen. Russwurm sei "ein exzellenter Kenner sowohl großer als auch mittelständischer Industrieunternehmen", teilte er mit. "Der weiß, wie Industrie geht", meint ein Beobachter. Russwum gilt als unprätentiös und loyal. Er ist nicht der vornehme Einstecktuch-Manager wie mancher seiner Vorgänger an der BDI-Spitze, etwa Ulrich Grillo, Hans-Olaf Henkel oder Tyll Necker. Der Mann aus Franken ist eher bodenständig und direkt. "Es geht um die Zukunft des Standorts als innovative Industrie- und Exportregion", erklärte Russwurm nach seiner Nominierung. Er wolle sich mit den Mitgliedsverbänden dafür einsetzen, dass die Unternehmen in Deutschland und Europa die heftige Rezession möglichst rasch überwinden. Das wird schwer.

© SZ vom 17.06.2020

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