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Nahaufnahme:Eigenes Auto, wozu noch?

Thomas Sedran: "Der private Personenwagen in der Stadt wird an Bedeutung verlieren."

(Foto: dpa)

Ausgerechnet ein Mann von Volkswagen weiß, was die Stunde geschlagen hat. Und verabschiedet schon mal den Individualverkehr.

Von Marc Beise

Thomas Sedran ist ein Automann. Einer dieser dröhnenden Typen, die breitbeinig vor dem Publikum stehen und das neue Gerät mit den vielen PS anzupreisen wissen. Der beim privaten Plausch die Schönheit dieses und jenes Modells lobt und, natürlich, auch gerne mal richtig Gas gibt. Der Kerl hat Benzin im Blut, hätte man früher gesagt. Aber Thomas Sedran, geboren 1964 in Augsburg, ist kein Ingenieur wie viele andere Automanager, sondern Betriebswirt. Er hat als Unternehmensberater begonnen und von daher gelernt, darauf zu reagieren, was gerade angesagt ist.

Vielleicht versteht er deshalb besser als Kollegen, was die Stunde geschlagen hat. Dass die alte Vier-Räder-Herrlichkeit zu Ende geht und sich ganz neue Fragen stellen. Die Probleme der deutschen Autobauer hängen ja maßgeblich damit zusammen, dass zu viele Führungskräfte sich zu lange in Absatzrekorden und Milliardengewinnen suhlten. Aber dann schaffte es die Klimakrise ins Bewusstsein der breiten Bevölkerung, und plötzlich verliert auch das Auto, lange Zeit der Deutschen liebstes Ding, seinen Nimbus.

In dieser neuen Zeit ist Sedran wild entschlossen, will er vorne dabei sein. Wenn man ihn einlädt zum Vortrag über die Mobilität der Zukunft, dann sagt er Sätze wie: "Perspektivisch wird der private Pkw in der Stadt an Bedeutung verlieren." Es überrasche vielleicht, das von einem Automanager zu hören, geht er gleich selbst auf Flughöhe, aber nüchtern betrachtet sei es doch so: "Weder betriebswirtschaftlich noch ökologisch dürfte das private und oft nur von einer Person genutzte Auto eigentlich das Mittel der Wahl sein."

Automenschen waren es bisher gewohnt, Städte aus dem Auto heraus zu sehen: Wie kommt man vielspurig rein, wo stören Radler, wo kann man parken? Nicht so der VW-Mann. Der zitiert den US-Soziologen und Städteforscher Fred Kent: "Wenn man Städte für Autos und Verkehr plant, bekommt man Autos und Verkehr. Wenn man für Menschen und Orte plant, bekommt man Menschen und Orte."

In diesem Sinne, sagt Sedran, wolle er den Menschen in den Mittelpunkt stellen. Er fordert "neues Denken und radikal neue Lösungen. Mobilität und Transport müssen effizienter, sauberer, komfortabler werden. Wir müssen das urbane Leben lebenswerter machen."

Statt über Autos spricht Sedran erst mal über den ÖPNV. Er fordert einen "intelligenten Mix" aus U-Bahn, S-Bahn, Bussen, aus neuen Mobilitätsangeboten und - jetzt erst - privaten Autos. Sein Lieblingsthema ist "Ride-Pooling": Dabei teilen sich Menschen mit ähnlichen Zielen die Fahrt in einem Kleinbus, in etwa zwischen ÖPNV und Taxi. Es ist natürlich kein Zufall, dass Sedran der Nutzfahrzeug-Vorstand von VW ist, also unter seiner Verantwortung die Autos gebaut werden, die man für Ride-Pooling braucht: Multivan, Caddy, Transporter. Und dass die VW-Tochterfirma Moia genau diesen Service anbietet.

In Hamburg übrigens fahren die Moia-Shuttles vollelektrisch, und auch das passt zur neuen VW-Strategie. Das Unternehmen, das durch den Dieselskandal durchgeschüttelt wurde, wo die alten Chefs rausflogen, Seilschaften zerschlagen wurden und vieles neu organisiert ist, setzt unter dem Vorstandsvorsitzenden Herbert Diess so bedingungslos wie kein anderer deutscher Autobauer auf die E-Mobilität. Erdacht hat das schon vor Diess' Amtsantritt: Thomas Sedran, weiland Konzernstratege.

Dass er nun für die Nutzfahrzeuge zuständig ist, passt auch: Denn zu der von ihm erdachten "Strategie 2025" gehört das autonome Fahren. In den Personenwagen, sagt er, wird es noch lange dauern, ehe man sich als Fahrer wirklich vom Verkehr abwenden kann. In den Nutzfahrzeugen, die er in Hannover produzieren lässt, komme es sehr viel früher.

© SZ vom 24.02.2020
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