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Nahaufnahme:Die Vorsorger

Philip Harms: "Unser größter Konkurrent ist keine Kanzlei und es ist auch kein Versicherungsmakler - es ist das Nichtstun der Leute."

(Foto: OH)

Philip Harms hat in Berlin ein Start-up gegründet, das sich mit dem Thema Patientenverfügung und Pflege beschäftigt. Erstaunlich, denn er ist erst 25 Jahre alt. Doch seine Plattform hat derzeit großen Zulauf - wegen Corona.

Philip Harms gehört jetzt nicht unbedingt zu seiner eigenen Zielgruppe. Denn dass sich 25-Jährige für Vorsorgedokumente, für Patientenverfügungen, Pflegenotstand oder Testamentsverfahren interessieren, kommt wahrscheinlich eher selten vor. Aber dass der Hamburger nach dem BWL-Studium ausgerechnet eine Vorsorge-Plattform im Internet gründete und keine Partnervermittlung, keinen Sharing-Dienst oder Pizza-Service, hat schon einen Grund: "Als ich damals die Pflege meiner Großeltern hautnah miterlebt hatte, wurde mir klar, wie wichtig es ist, rechtzeitig vorzusorgen, um die eigene Familie zu entlasten", sagt Harms heute.

Afilio heißt die Vorsorgeplattform, die er Anfang 2018 dann mit zwei Partnern gründete. Die Zielgruppe war klar umrissen: all jene, die Beratung zur finanziellen und rechtlichen Absicherung für ihre Familie brauchen, Vorlagen für Dokumente wie Patientenverfügungen und Vorsorgevollmachten suchen oder sich über Pflegethemen informieren möchten. Was Harms damals vor zwei Jahren nicht wusste: Wie sehr eine Pandemie wie Corona die Menschen plötzlich auf seine Webseite ziehen würde. An einem Samstag im März - die Debatte um Corona war in vollem Gang - registrierten sich mehr als 7000 Menschen bei Afilio. Mehr als doppelt so viele wie sonst. "Corona bringt die Leute dazu, nachzudenken", sagt Harms. Und: "Sie haben jetzt auch mehr Zeit, sich um die Dinge zu kümmern." Am meisten nachgefragt seien gerade Informationen und Dokumente zu Patientenverfügungen, so der Start-up-Unternehmer. "Oft geht es nicht einmal darum, neue Verfügungen aufzusetzen, sondern nur darum, bereits bestehende zu aktualisieren und der aktuellen Lage wegen Corona anzupassen."

Das Durchschnittsalter der Menschen, die für ihre Vorsorge zu dem Online-Dienst gehen, liegt bei 64 Jahren. Es gibt aber auch die 35-Jährigen, und es gibt die Leute, die 75 und älter sind. Jeder kommt mit seinen ganz speziellen Themen und Anliegen. Gemeinsam ist allen: "Der Redebedarf der Menschen ist gerade besonders groß", stellt Harms fest. "Das merken auch die Leute in unserer Telefon-Hotline. Die Telefonate dauern wesentlich länger als gewöhnlich."

Zurzeit sind etwa 1,6 Millionen Menschen bei der Plattform registriert, um sich Vorsorgedokumente zu besorgen, die man bisher vor allem bei Notaren und Anwälten bekam. Afilio arbeitet dafür eng mit Experten einer Partnerkanzlei und einem Professor der Berliner Universitätsklinik Charité in Berlin zusammen. Wie man damit Geld verdient? Bis vor Kurzem war das Geschäftsmodell relativ simpel: Freiwillige, einmalige Beiträge der Nutzer sollten helfen, das Start-up zu finanzieren. Man erziele "mehr als 90 Prozent" der Umsätze "mit freiwilligen Beiträgen zufriedener Nutzer", heißt es auf der Webseite des Anbieters.

Der größte Konkurrent sei "das Nichtstun der Leute"

Seit Kurzem gibt es aber auch eine sogenannte Premiummitgliedschaft für 45 Euro im Jahr. "Unser Ziel ist, bis Mitte nächsten Jahres 100 000 solcher Premium-Mitglieder zu haben", sagt Harms. Zurzeit sind es 2000 Nutzer, die die jährliche Gebühr für eine solche Mitgliedschaft zahlen.

Die Macher des Start-ups halten die Chancen, weiter zu wachsen, für ziemlich groß - gerade weil es um Themen wie Pflege, Vorsorge oder Patientenverfügungen gehe. "Man muss verstehen, dass diese Themen zusammengehören", sagt Harms. Daher verfolge man einen "ganzheitlichen Ansatz", statt sich nur auf einzelne Vorsorgethemen zu konzentrieren. Konkurrenten gibt es natürlich viele. Aber, so Harms: Der größte Konkurrent zurzeit sei weder eine Kanzlei noch ein Notar, noch seien es die klassischen Versicherungsmakler. Der größte Konkurrent sei "das Nichtstun der Leute".

© SZ vom 11.05.2020

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