Plan W Die Kümmerer

Weg von der Idee, dass Pflege nur eine medizinische Arbeit ist: Das ist das Ziel der Careship-Gründer.

(Foto: Mascha Brichta/dpa-tmn)

Antonia Albert und ihr Bruder wenden das Prinzip von Kuppel-Plattformen auf hilfebedürftige Rentner an - auf die Idee gebracht hat sie ihre eigene Oma.

Von Lea Hampel

Angefangen hat es mit der Oma. Vor zweieinhalb Jahren wurde die Großmutter der Wiener Geschwister Antonia und Nikolaus Albert zum Pflegefall. "Obwohl meine Familie sonst extrem gut organisiert ist, war das für uns alle eine große Herausforderung", erzählt Nikolaus Albert. Am Anfang standen viele Fragen: Woher bekommen wir die beste Unterstützung? Wie bezahlen wir das? "Es hat gedauert, bis wir jemanden gefunden haben, der sich gut um Oma kümmert", sagt Albert. Was Antonia, heute 28 Jahre, und Nikolaus, 27, damals auffällt: Jeder nutzt das Smartphone für Dienstleistungen, aber der Bereich Pflege ist ineffizient organisiert. Knapp vier Monate nachdem die Oma Hilfe brauchte, gründen die beiden Careship. Der Name erinnert an Parship, und so weit weg von der Kuppelplattform ist die Idee nicht: Careship vermittelt online Betreuer für Senioren.

Das Klischee besagt, dass Frauen gründen, um praktische Probleme zu lösen, Männer dagegen, weil sie Chef sein möchten. Das Geschwisterpaar vereint beides. Antonia arbeitet damals bei Rocket Internet, ihr Bruder beendet gerade sein Studium der Luft- und Raumfahrttechnik, als sie in Berlin eine Wunschliste von Angehörigen und Senioren auf ein Papier schreiben. "Wir haben uns nicht wie andere Menschen drei Tage eingeschlossen und überlegt, zu welchem Thema wir gründen könnten", witzelt Albert. Stattdessen entdecken sie eine Lücke in einem Markt, der kontinuierlich wächst: Die Zahl der Menschen, die altersbedingt Unterstützung benötigen, aber so lange wie möglich in ihrer Wohnung bleiben wollen, nimmt Jahr für Jahr zu. Gleichzeitig leben die Kinder und Enkel oft in anderen Städten, und die Frauen, die früher oft die Pflege übernommen haben, sind selbst berufstätig. Klassische Pflegedienste wiederum haben genaue Vorgaben, was sie im Haushalt eines alten Menschen leisten und wie viel sie abrechnen dürfen. Was sich aber viele alte Menschen und ihre Angehörigen wünschen, steht nicht im Leistungskatalog: jemanden, der eine Glühbirne wechselt oder zum Kaffee bleibt.

In diese Nische stößt Careship. "Wir wollen weg von der Idee, dass Pflege nur eine medizinische Arbeit ist", sagt Albert. Das Start-up vermittelt selbständige Kräfte, die dem Kunden so helfen, dass er gut in den eigenen vier Wänden leben kann. Ähnlich wie bei Partnervermittlungs-Websites wird vorher geschaut, dass die Personen zusammenpassen - je nachdem, ob sich der Kunde Einkaufshilfe oder Reisebegleitung wünscht und Klassikfan oder Sportler ist. Die betreuende Person erhält 15 bis 25 Euro pro Stunde, mehr als bei den meisten Pflegediensten. 20 Prozent des Lohns gehen an das Vermittlungsunternehmen. Die Careship-Arbeit endet, wo medizinische Pflege notwendig ist.

Die Idee hat Investoren überzeugt. Die Start-up-Initiative Axel Springer Plug and Play ist an Bord, auch ein Investor aus dem Silicon Valley, zuletzt haben die Geschwister vier Millionen Euro eingesammelt. Sie beschäftigen 35 Mitarbeiter und 500 Betreuer in Berlin, Hamburg, Frankfurt und Düsseldorf. Im Gegensatz zu anderen Start-ups ist es nicht ihr Ziel, schnell große Teile des Marktes zu erobern. Pflege sei ein Vertrauensthema, sagt Albert, da gehe Qualität vor Quantität. Das ist auch der Grund, warum die Oma der Alberts in Wien einen Betreuer hat, aber nicht von Careship. Mit dem internationalen Markt wollen sich die Geschwister Zeit lassen.

Hinweis

In dieser Serie beleuchtet die SZ in den kommenden Wochen, wie Frauen die Gesundheitsbranche verändern. Auch die nächste Ausgabe des Frauenwirtschaftsmagazins Plan W beschäftigt sich mit diesem Thema. Es erscheint am 23. September.