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Nahaufnahme:Die Faktensammlerin

"Wir reden viel über Vereinbarkeit. Aber jetzt geht es darum, auch mit Zahlen und Messbarkeit zu arbeiten", sagt die 40-Jährige.

(Foto: oh)

Inga Dransfeld-Haase will Unvereinbarkeit belegbar machen. Die Personalchefin von Nordzucker hat einen Index kreiert, der Unternehmen zeigt, wie gut sie schon sind.

Von Kathrin Werner

"Wie gut sie köpfen, ist wichtig", sagt Inga Dransfeld-Haase. Keine Angst, bei der Personalchefin von Nordzucker geht es niemandem an den Kragen. Außer den Zuckerrüben. "In der Personalarbeit ist man nur gut, wenn man weiß, was passiert in den Jobs." Um all die Berufe kennen zu lernen, die es im Umfeld des Zuckerproduzenten aus Braunschweig gibt, ist sie zum Beispiel Rübenroder gefahren. "Das ist eine Maschine, so groß wie ein Mähdrescher, die die Rüben köpft", erzählt sie. Leicht zu bedienen sei der Rübenroder nicht.

Die 40-Jährige ist nun seit gut zehn Jahren damit beschäftigt, frischen Wind in die Personalarbeit von Nordzucker zu bringen. Der Konzern, Europas zweitgrößter Zuckerhersteller, war überraschend offen für ihre Vorstöße, zum Beispiel zur Vereinbarkeit. "Seit meinem Einstieg bei Nordzucker vor zehn Jahren hat sich viel verändert, sowohl im Unternehmen als auch gesellschaftlich", sagt sie. "Inzwischen haben wir eine Rückkehr-Quote von fast 100 Prozent bei den Müttern in Deutschland."

Für sie stand immer fest, dass sie nach der Geburt ihrer Tochter schnell wieder arbeiten wollte. Stillen wollte sie aber auch. Also fuhr sie jeden Tag in der Mittagspause nach Hause. Die Männer haben das schnell akzeptiert. Schon in der Schwangerschaft seien ihre männlichen Kollegen rührend gewesen. Als sie bei Meetings die Salamibrötchen nicht mehr essen durfte, weil die für Schwangere verboten sind, hätten sie ihr immer die Käsebrötchen überlassen. "Selbst im Agrarsektor, der ja recht konservativ ist, geht Vereinbarkeit manchmal besser als man vielleicht denkt. Man muss sich nur trauen."

Weil es oft aber doch nicht nur auf den Mut der einzelnen Frau ankommt, sondern auf die Strukturen, hat Dransfeld-Haase, die auch Präsidentin des Bundesverbandes der Personalmanager ist, sich mit dem Bundesfamilienministerium zusammengetan und nun den "Fortschrittsindex Vereinbarkeit" ins Leben gerufen. Mit dem Index können Unternehmen ihre Kultur anhand von zwölf Kennzahlen, etwa Homeoffice-Angeboten oder Frauenquote, messen und sich mit Wettbewerbern vergleichen. Es stört sie, dass Vereinbarkeit oft als Frauen-Thema abgestempelt wird. 97 Prozent der Belegschaft hielten es laut einer Erhebung des Ministeriums für wichtig. "Also sollte sich jedes Unternehmen darüber Gedanken machen."

Dransfeld-Haase ist es wichtig, beim Laternenumzug und Elternsprechtag ihrer Tochter dabei zu sein. Das müsse möglich sein neben dem Beruf. Am Ende des Lebens sei es wichtiger, gute Eltern gewesen zu sein, als in jeder Phase des Erwerbslebens in der ersten Reihe gestanden zu haben, findet sie. "Ein Arbeitsleben ist lang, eine Kindheit im Vergleich dazu sehr kurz."

Vom Index erhofft sie sich vor allem Erkenntnisse zu den beruflichen Auswirkungen von Erwerbsunterbrechungen der Väter. Bei Nordzucker nehmen die Männer immer öfter auch Elternzeit, aber tendenziell meist nur die Partnermonate, also nur eine viel kürzere Zeit als die Frauen. "Da ist noch Luft nach oben", sagt sie. Sie erlebe es aber immer öfter, dass sich Männer mit der Kindererziehung beschäftigen und sich fragen, ob sie ein guter Vater sind. Und es gehört eben zur Rolle der Personalerin dazu, zu wissen, was die Belegschaft beschäftigt - ob nun als Rübenroderfahrer oder als arbeitender Vater. "Für mich ist das ein ganz essentieller Teil der Vereinbarkeitsfrage und im Grunde der Gleichberechtigung: die Rolle der Väter."

© SZ vom 25.11.2019

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