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Nahaufnahme:Der Raucher-Versteher

Sympathie für Raucher: "Es muss erlaubt sein, sich umzubringen." Michael Bloomberg.

(Foto: Camus/AP)

Plötzlicher Sinneswandel: New Yorks Ex-Bürgermeister Bloomberg warnt neuerdings vor zu viel Regulierung der Tabakindustrie.

Von Silvia Liebrich

Michael Bloomberg sieht sich selbst gern als Macher mit Mission. Ganz egal, ob es nun um Limobecher in Jumbogröße, den Besitz von Waffen oder das Filzen verdächtiger Großstädter durch die Polizei geht - New Yorks früherer Bürgermeister hat seine ganz eigenen Vorstellungen, und er scheut keine Auseinandersetzung, wenn es darum geht, diese durchzusetzen. Das zumindest ist das Bild, das Bloomberg gern von sich selbst zeichnet.

So einfach ist die Sache dann aber doch nicht. Der 73-Jährige ist auch ein Mann der Widersprüche. Jüngstes Beispiel sind seine Äußerungen zur Tabakindustrie. Ausgerechnet Bloomberg, der sich über Jahre hinweg lauthals gegen das Rauchen stark gemacht hat, schlug vergangene Woche beim größten internationalen Branchentreffen der Konsumgüterindustrie in New York plötzlich ganz neue Töne an und überraschte damit das Publikum.

Statt wie bisher schärfere Regeln für Zigarettenhersteller zu fordern, outete er sich als Sympathisant der Branche. Er warnte vor zu viel staatlicher Regulierung in der Tabakindustrie und machte sich für die Freiheit der Raucher stark: "Es muss erlaubt sein, sich selbst umzubringen." Mit diesen Worten zitiert ihn die Lebensmittelzeitung in ihren aktuellen Ausgabe. Ganz so, als habe Bloomberg noch nie etwas von den Risiken des Passivrauchens gehört oder den immensen Krankheitskosten, die durch das Rauchen verursacht werden und zum großen Teil von der Allgemeinheit getragen werden müssen.

Die Gründe für Bloombergs Sinneswandel blieben im Dunkeln. Dabei hatte der Milliardär, der mit dem Aufbau des Finanzdienstleisters Bloomberg einer der reichsten Männer Amerikas wurde, vor kurzem ganz anders geklungen. An der Seite von Microsoft-Gründer Bill Gates und seiner Frau Melinda setzte er sich als Unterstützer der Nicht-Raucher-Kampagne in Uruguay in Szene. Das kleine südamerikanische Land wird derzeit von einer beispiellosen Klagewelle der Tabakindustrie überrollt. Multinationale Konzerne sehen sich durch schärfere Gesetze und Gesundheitswarnungen auf Zigarettenpackungen um ihre Gewinne gebracht. Bloomberg forderte noch im April ein hartes Durchgreifen gegen die Tabakunternehmen. "Es wird ein großer Kampf. Wir müssen etwas gegen diese Firmen unternehmen", sagte er dem britischen Sender BBC, man dürfe nicht einfach ein Produkt verkaufen, "das die Menschen umbringt, wenn man es anwendet, wie in der Werbung gezeigt".

Solche Sätze machen Eindruck, vor allem an der Nicht-Raucher-Front. Die Organisation "Campaign for Tobacco-Free Kids", die Kinder vom Rauchen fernhalten will, ehrte Bloomberg vor Kurzem wegen seines "außergewöhnlichen Einsatzes im Kampf gegen Tabak". Mit der nun in New York eingeforderten Toleranz gegenüber Tabakkonzernen lassen sich solche Lobeshymnen allerdings kaum in Einklang bringen. Da stellt sich die Frage, ob es dem Mann, der gut zehn Jahre Bürgermeister von New York war, wirklich um die Sache oder nur um Publicity geht. Kritiker erinnern an Bloombergs Kreuzzug gegen Limonade vor ein paar Jahren, mit dem er weltweites Aufsehen erregte. Extragroße Becher, die von vielen Fast-Food-Restaurants verkauft werden, wollte der Bürgermeister verbieten. Ziel sei es, die Menschen "vor den schädlichen Folgen vermeidbarer Krankheiten wie Diabetes und Fettleibigkeit" zu schützen. Beliebt machte sich Bloomberg damit bei den New Yorkern nicht, die Behörden lehnten ein Verbot ab. Dass es ihm um echten Verbraucherschutz ging, nahmen ihm viele damals nicht ab. Ähnlich dürfte es nun jenen ergehen, die in Bloomberg bisher einen Mitstreiter im Kampf gegen die Tabakindustrie gesehen haben.

© SZ vom 07.07.2015

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