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Nahaufnahme:Der Klimaschutz-Berater

Moritz Lehmkuhl: „Viele Firmen haben erkannt, dass sie Verantwortung übernehmen müssen. Investoren könnten abgeschreckt werden, wenn sie sich nicht um ihren CO₂-Abdruck kümmern.“

(Foto: oh)

Moritz Lehmkuhl berechnet den CO₂-Abdruck von Unternehmen. Eine Produkt-Kennzeichnung fände er gut. Doch so einfach ist das nicht.

Von Silvia Liebrich

Deutschland will bis 2050 nahezu klimaneutral werden. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen die Bürger mitziehen und ihren Lebensstil ändern, und das betrifft auch die Ernährung. Ein bisschen Orientierungshilfe wäre da also nicht schlecht. Deshalb hat nun ein wissenschaftliches Beratergremium von Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) eine CO₂-Kennzeichnung für Lebensmittel vorgeschlagen. Moritz Lehmkuhl hält diese Idee grundsätzlich für sinnvoll, hat zugleich aber Bedenken, ob sich das auch verlässlich umsetzen lässt. Mit den Fallstricken beim Berechnen von Treibhausgasemissionen kennt sich der 47-Jährige aus. 2006 gründete der frühere Banker Climatepartner, einen Dienstleister, der Unternehmen dabei hilft, ihren CO₂-Abdruck zu berechnen, um ihn dann zu senken. Auch Privatpersonen können hier ihre Emissionen berechnen lassen.

Einen reine CO₂-Angabe ist laut Lehmkuhl kaum exakt umzusetzen. Er erklärt das am Beispiel eines Münchner Saftproduzenten, der vor allem in seine Region liefert, aber auch einen Teil nach Hamburg oder Berlin. Auf einer Flasche, die im Norden verkauft wird, müsste also ein höherer Wert stehen, weil Transport und Logistik über die längere Distanz die Klimabilanz verschlechtern. "Ich habe da noch kein praktikables und verständliches System gesehen", meint Lehmkuhl. Ein vernünftiges Label zu entwickeln könne ähnlich lange dauern wie bei der Nährwertampel Nutriscore, warnt er. Tatsächlich wurde mehr als zehn Jahre um das farblich abgestufte Label gerungen, das einen groben Überblick geben soll, wie gesund oder ungesund ein Lebensmittel ist.

Einen möglichen Weg sieht Lehmkuhl in einer stark vereinfachten Darstellung von CO₂-Werten, wie sie einige Kantinenbetreiber seit Kurzem nutzen. So geben auf der Tageskarte Sterne auf einer Skala von eins bis fünf Auskunft darüber, wie klimafreundlich oder -schädlich ein Gericht ist. Nach Einschätzung Lehmkuhls ist das eine gutes Modell, um eine grobe Richtschnur zu geben, und könnte auch im Supermarkt eine Lösung sein.

Climatepartner berät heute nach eigenen Angaben 2500 Unternehmen, viele davon aus der Druck- und Verpackungsindustrie, in den vergangenen fünf Jahren kamen immer mehr Lebensmittelfirmen dazu. Lehmkuhl schreibt das dem Greta-Effekt und der "Fridays for Future"-Bewegung zu. "Viele Firmen haben erkannt, dass sie Verantwortung übernehmen müssen, Investoren könnten abgeschreckt werden, wenn sie sich nicht um ihren CO₂-Abdruck kümmern." Auch Verbraucher würden solche Firmen zunehmend meiden. "Die Menschen sehen und spüren die radikalen Veränderungen durch den Klimawandel." Climatepartner und Konkurrenten wie Atmosfair oder Myclimate bekommen immer mehr Zulauf. Heute liege der Jahresumsatz seiner Firma im niedrigen zweistelligen Millionenbereich, sagt Lehmkuhl.

Der Weg dahin war für ihn nicht vorgezeichnet. Lehmkuhl machte eine Banklehre und studierte Betriebswirtschaftslehre. "Ich hatte Glück und kam gleich bei einer Investmentbank unter." Glücklich gemacht habe ihn das aber nicht. "Mir fehlte da der Sinn." Was ihn wirklich interessierte, war das Thema Klimaschutz. Er lieh sich 5000 Euro von seinen Eltern und legte los. In den ersten Jahren klopfte er bei vielen Firmen an, darunter auch bei der Deutschen Post. Oft blitzte er mit seinen Vorschlägen für eine CO₂-Reduktion ab. Inzwischen habe sich das geändert. Doch Lehmkuhl stellt auch klar: "Klimaneutral produzieren bedeutet nicht, dass Unternehmen ihre Emissionen nur ausgleichen. Sie müssen Emissionen reduzieren und vermeiden, wo es nur geht, sonst macht das alles keinen Sinn."

© SZ vom 10.09.2020

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