Nahaufnahme Der Handballer

Carsten Schildknecht: „Wir stehen hier vor dem perfekten Sturm in einer Branche, die sich lange nicht bewegt hat.“

(Foto: Richard Unger/dpa)

Carsten Schildknecht spielt gern im Team und kann austeilen. Das sind nicht die schlechtesten Qualitäten für den Job, den er gerade ausübt. Er ist Deutschland-Chef der Zurich.

Von Herbert Fromme

In seiner Jugend hat Carsten Schildknecht Handball gespielt, viel Handball. Das hat ihn bis in die Oberliga gebracht. "Wenn es darum ging, Klavier oder Handball zu spielen, hat Handball immer gewonnen", sagt Schildknecht. Heute profitiert der 51-jährige Deutschlandchef des Versicherers Zurich davon. "Beim Handball lernt man, dass man ohne das Team nichts erreicht. Und man lernt auch, dass man manchmal austeilen muss." Handball spielt er nicht mehr, aber seine breiten Schultern zeugen davon, dass er immer noch oft schwimmt - immer drei Kilometer.

Seit Februar 2018 führt Schildknecht den deutschen Teil der Zurich, der 2018 auf 5,6 Milliarden Euro Umsatz kam. In dieser Woche konnte der Chef gute Zahlen vorlegen: Die Gruppe erzielte in Deutschland einen operativen Gewinn von 401 Millionen Euro, ein Plus von neun Prozent. Schildknecht ist so neu, dass dies nur zum kleinen Teil auf ihn zurückzuführen sein dürfte. Aber er hat einen guten Start.

Die Zurich ist nicht zimperlich, wenn es um ihr Spitzenpersonal geht. 2016 musste Ralph Brand plötzlich gehen, er hatte das Unternehmen zusammen mit Marcus Nagel geführt. Anfang 2018 ging dann auch Nagel. "Natürlich bringen solche häufigen Wechsel Unruhe in das Unternehmen", weiß Schildknecht. Er hat gute Aussichten, länger zu bleiben: Konzernchef Mario Greco und Schildknecht kennen sich gut aus der gemeinsamen Zeit bei der Generali.

Schildknecht hat sich beruflich mehrfach gehäutet. Der Mann stammt aus der Eifel und ist in Schleswig-Holstein aufgewachsen. In Darmstadt studierte er Wirtschaftsingenieur mit der Fachrichtung Maschinenbau. Dann beriet er für McKinsey Autobauer und promovierte. "Von der Beratung der Autoindustrie ging ich zur Deutschen Bank, das war eine ganz andere Welt." Von 2000 bis 2013 blieb er bei dem Geldhaus, davon acht Jahre in führender Position knapp unter dem Vorstand. 2013 hatte er genug von der Bank. Mario Greco holte ihn in die Zentrale der Generali nach Triest. Als Schildknecht kurz nach Greco 2016 die italienische Gruppe wieder verließ, hatte er 18 Monate lang Konkurrenzverbot, durfte also bei keinem anderen Versicherer arbeiten. "Ich habe in der Zeit Start-ups beraten und dort investiert."

Anfang 2018 rief Greco erneut, diesmal als Spitzenmann der Zurich. Er machte Schildknecht zu seinem Deutschlandchef. Sind die Versicherer nicht fürchterlich langweilig nach den aufregenden Zeiten in der Autoindustrie, bei den Banken und den Startups? "Nein, das ist super spannend", antwortet Schildknecht. "Wir stehen hier vor dem perfekten Sturm in einer Branche, die sich lange nicht bewegt hat." So nennt Schildknecht die Melange aus veränderten Kundenbedürfnissen, Druck von neuen Vertriebswegen wie den Onlineportalen und den digitalen Herausforderungen.

Die Chefposition komme zum richtigen Zeitpunkt. Bei der Deutschen Bank habe er sich vielleicht zu lange mit exakt derselben Position zufriedengegeben. "Ich habe eine gewisse Nibelungentreue", sagt er. Das sei vielleicht sein größer Fehler gewesen. Jetzt will er bei der Zurich den digitalen Umbau und den Kulturwandel voranbringen. Dass ihm das gelingt, ist keineswegs sicher. Über die nächsten Schritte im Leben hat Schildknecht klare Vorstellungen. Er und seine Frau, eine Romanistin, haben ein Haus in der holsteinischen Schweiz gekauft, wo die Familie - sie haben zwei Töchter - sich oft aufhält. Im Alter soll es Lebensmittelpunkt der Schildknechts werden.