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Nahaufnahme:Der Gesundheitsverkäufer

2001 NahaufnahmeWerner Kieser / Fitness

"Es macht keinen Spaß, aber es macht glücklich." Werner Kieser.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Werner Kieser gibt seine Fitnessstudios in jüngere Hände. Und macht mit einem neuen Lebensabschnitt weiter.

Von Charlotte Theile

Wenn Werner Kieser über das Altern spricht, klingt es oft ein bisschen so, als könne man es mit genügend Disziplin und Gewichten wegstemmen. "Du musst trainieren, dann brauchst du keinen Rollator", riet er im November im Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung einem deutlich jüngeren Mann. Immer wieder schwärmt er von den sagenhaften Trainingserfolgen einer Gruppe 86-bis-96-Jähriger und betont, ins Kieser-Training kämen auch 100-Jährige. Dass Werner Kieser, inzwischen selbst 76 Jahre alt, mit dem Bankdrücken aufhört, ist vorerst nicht zu erwarten. Sein Unternehmen, die Kieser Training AG, hat er dagegen in jüngere Hände abgegeben. Werner Kieser und seine Frau Gabriela haben das Unternehmen an Geschäftsführer Michael Antonopoulos und Verwaltungsrat Nils Planzer verkauft.

Gabriela Kieser entwickelte als Ärztin das "gesundheitsorientierte Krafttraining". Sie ist fast zwanzig Jahre jünger als ihr Mann - und übernimmt nun von ihm das Verwaltungsratspräsidium. Werner Kieser soll als "Mentor und Ideengeber"in der Firma bleiben, auch für die Entwicklung von Geräten und den Kontakt mit der Öffentlichkeit stehe er zur Verfügung, heißt es beim Unternehmen.

Kieser, meist mit den Worten "klein, aber kräftig" beschrieben, gründete das Unternehmen 1967 in seiner Heimatstadt Zürich. Zehn Jahr zuvor hatte er als junger Boxer eine Rippenfellquetschung erlitten - und seine Genesung mit Krafttraining deutlich schneller vorangebracht, als es die Ärzte vorhergesagt hatten. Seitdem interessierte er sich für Gewichte, besuchte ein Fitnessstudio in Deutschland und schweißte schließlich aus Alteisen vom Schrottplatz die ersten Geräte zusammen. Anders als die meisten Wettbewerber setzt er nicht auf Sauna, Solarium oder auch nur Musik. Seine Studios sind bis heute auf das für ihn Wesentliche reduziert: Maschinen. Die Kundschaft ist älter und gebildeter als in den Studios der Konkurrenz. Ob er selbst an den ständigen Wiederholungen Freude hat? Kieser verneint. "Es macht keinen Spaß, aber es macht glücklich." Um das zu belegen, soll sich Werner Kieser auch schon mit einer Kamera vor dem Studio postiert haben und die Vorher-Nachher-Gesichter seiner Kunden gescannt haben. Ergebnis, klar: Hunderte stupide Wiederholungen später sahen die Menschen irgendwie zufriedener aus.

Den Durchbruch brachte in den 1990er- Jahren die "Medizinische Kräftigungstherapie", ein Trainingskonzept, das auf enger Begleitung durch einen Arzt beruht und bei Rückenschmerzen, Bandscheibenvorfällen und Osteoporose helfen soll. Heute betreibt die AG 136 Studios, vor allem in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Australien. Mit 113 Studios ist Deutschland der größte Markt, "kiesern" ist hier zu einem feststehenden Begriff geworden. Doch jetzt hat das Unternehmen ein neues Ziel: In Kürze soll in Peking das erste Kieser-Studio Chinas eröffnen.

Trotz dieses Erfolgs wird die Zukunftsfähigkeit des reduzierten Konzepts immer wieder bezweifelt: Wer sich den Trends Wellness und Lifestyle verweigere, werde auf Dauer keine Kunden mehr anziehen. Selbst das Ehepaar Kieser, das sich gern mit Muckibuden-Mantras à la "Wir verkaufen Schweiß und Tränen" zitieren lässt, gibt zu, die Marketingangestellten würden zur "Verjüngung" raten. Vielleicht kommt das ja mit dem Verkauf an Antonopoulos und Planzer - auch wenn beide beteuern, sie würden die Marke "in all ihrer Stringenz und Klarheit" weiterführen.

Werner Kieser, der noch mit 60 Jahren ein Philosophie-Studium begann und dieses mit 72 Jahren abschloss, ist in jedem Fall in einem neuen Lebensabschnitt angekommen. Alter würde er ihn vermutlich nicht nennen.

© SZ vom 20.01.2017

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