Nahaufnahme Der Fährmann

Linde-Chef Aldo Belloni hat einen undankbaren Job: Er muss die Fusion mit dem amerikanischen Konkurrenten Praxair meistern und mit dem Scheitern rechnen.

Von Karl-Heinz Büschemann

Es hat Aldo Belloni tief getroffen, als Totengräber zu gelten. Das war Ende 2016, nachdem der langjährige Linde-Manager aus dem Ruhestand zurückgeholt worden und überraschend zum Vorstandsvorsitzenden des Münchner Anlagenbauers und Industriegaslieferanten geworden war. Den heute 68-Jährigen wurmte, dass sich die Arbeitnehmervertreter so abfällig über ihn äußerten. Belloni hat lediglich die Aufgabe, Linde in die Fusion mit dem US-Konkurrenten Praxair zu führen, wie vom Aufsichtsratsvorsitzenden Wolfgang Reitzle geplant. Belloni sagte, er sehe sich als Fährmann, der Linde auf klarem Kurs halten und vor Turbulenzen bewahren wolle.

Ob Totengräber oder Fährmann. Die jüngste Rolle von Aldo Belloni bei Linde ist undankbar. Dass er damals aussah wie ein Verlegenheitskandidat für den Chefposten entbehrt nicht der Tragik. Belloni muss damit rechnen, zu scheitern. Es gibt eine hohe Wahrscheinlichkeit dafür, dass aus dem Zusammenschluss von Linde und Praxair nach zweijährigem Gewürge doch nichts wird. Die US-Wettbewerbsbehörden verlangen dafür so viele Verkäufe von Firmenteilen, dass die Sache für beide Unternehmen nicht mehr interessant sein dürfte. Die Stimmung in der Linde-Zentrale ist nervös. Die Börse reagierte auf die neuen Kartellauflagen mit Verunsicherung.

Der ruhige Linde-Veteran hat den intern umstrittenen Fusionsplan stets verteidigt. Nun ist nur noch eines sicher: Aldo Belloni wird bei Linde eine Ära beenden und eine neue einleiten. In beiden Fällen wäre er am Ende nicht mehr dabei. Sein Vertrag läuft Endes dieses Jahres aus.

Der gebürtige Mailänder, der mit seinem ruhigen Temperament und den feinen Manieren der Gegenentwurf zum gelegentlich herrischen Reitzle ist, war seit den siebziger Jahren bei Linde, einem Unternehmen, das selbst für unaufgeregtes Handeln und vornehme Zurückhaltung stand. Zuletzt war Belloni im Vorstand für den Anlagenbau zuständig. Mit 64 ging er so ruhig in Pension, wie er zu arbeiten pflegte.

Doch dann sorgte der langjährige Konzernchef Wolfgang Reitzle, der seit Mai 2016 den Aufsichtsrat führt, für Unruhe. Er plante im Sommer 2016 den Zusammenschluss mit Praxair, der von den Mitarbeitern vehement bekämpft wurde und den viele Aktionäre für überflüssig halten. Seither ist bei Linde nichts mehr so wie zuvor, zumal der Fusionsversuch zunächst scheiterte, und der damalige Vorstandschef Wolfgang Büchele gehen musste. Dann kam die Neuauflage des Fusionsplanes und Reitzle holte den Veteranen Belloni zurück, um die knifflige Sache zu schaukeln.

Tatsächlich hat er es geschafft, die Wogen im Unternehmen zu glätten, zudem lieferte er gute Zahlen. Die frustrierte Mannschaft tröstete er mit der Versicherung, er sei sich sicher, dass "unsere Linde-Werte nicht untergehen". Aber der Linde-Soldat Belloni musste auch erkennen, dass er weniger Einfluss hatte, als er sich gewünscht hätte. Zu starr waren die Pläne von Reitzle und Steve Angel, dem starken Mann bei Praxair. Den diplomatischen Linde-Chef traf hart, wie forsch die Amerikaner mit ihm umsprangen. Es kam bei Belloni nicht gut an, dass der Finanzchef von Praxair, Matthew White, lauthals verkündete, der Anlagenbau von Linde werde ebenso verkauft wie das US-Geschäft mit Medizingas. Zwischen den Partnern knallte es. Aber Gentleman Belloni sagte nur: "Das hat uns nicht kaltgelassen".

Belloni muss hoffen, dass es bis zum 24. Oktober Klarheit gibt, ob der Zusammenschluss noch sinnvoll ist. An diesem Stichtag entscheidet sich, ob Belloni fast zwei Jahre umsonst gearbeitet hat oder ob er doch noch den kleinen Erfolg verbuchen kann, den Unruhe-Konzern auf den letzten Metern in ruhiges Fahrwasser gebracht zu haben.